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Airport Frankfurt reagiert: Bettwanzen im Reisegepäck - Parasiten verbreiten sich in Deutschland

Bettwanzen werden zur weltweiten Plage: Reisende bringen sie in ihrem Gepäck mit nach Hause. Der Airport Frankfurt reagiert mit einer Spürhundestaffel auf die eingeschleppten Krabbeltiere.

Von Irmgard Hochreither

Ausgewachsen ist die Bettwanze etwa sechs Millimeter groß, nach der Blutmahlzeit sind es drei Millimeter mehr

Ausgewachsen ist die Bettwanze etwa sechs Millimeter groß, nach der Blutmahlzeit sind es drei Millimeter mehr

Eine Stadt in der Stadt. Rund 80.000 Menschen arbeiten am Frankfurter Flughafen. Für viele Millionen Passagiere aus allen Teilen der Erde ist er Zwischenstation, Ankunfts- oder Abflugsort. Und einige von ihnen bringen, ohne es zu ahnen, unerwünschte Souvenirs mit nach Deutschland. Ein paar Hundert Meter hinter der Schranke von Tor 3 steht das Airport Security Management. In dem schmucklosen Zweckbau haben Larry Hansen und sein Team ihr Hauptquartier. Er macht sich auf den Weg in den Keller und bleibt vor einer Eisentür stehen. "Es gibt nur zwei Schlüssel", sagt er mit bedeutungsschwerem Unterton, "einen habe ich, den anderen meine Mitarbeiterin Marisa Manzano. Sonst darf hier keiner rein." Er betritt den schmalen, fensterlosen Raum. Auf einem Tisch stehen, neben einer hochwandigen Plastikkiste, nummerierte Marmeladengläser mit Deckel. Hansen greift zum Glas Nummer neun, hält es gegen das Licht und zeigt auf winzige helle Punkte: "Hier, das sind die Eier, wenn die Babys schlüpfen, werden sie umgesetzt." Er amüsiert sich über den Ekel in den Gesichtern der Gäste, sagt dann genüsslich, "die Mamas und Papas haben wir natürlich auch. Wir checken und säubern die Gläser einmal am Tag. Marisa zieht dabei immer Handschuhe an, damit nichts unter den Nägeln kleben bleibt."

Der Nachwuchs, der hier unten gezüchtet wird, gehört zum Stamme Cimex lectularius. Auf Deutsch: Bettwanzen. Gelagert in einem umfunktionierten Weinkühlregal überleben die Tierchen bis zu ein Jahr ohne Blutmahlzeit. Larry Hansen braucht die wenige Millimeter kleinen Parasiten für Ausbildung und Training von Cora, Jack, Aika und Buddy. Buddy ist ein 18 Monate alter Labrador, der in wenigen Tagen seine Prüfung ablegen wird. Besteht er das Examen, wird er die Truppe der Supernasen verstärken, die seit einem Jahr als Bettwanzenspürhunde am Frankfurter Flughafen arbeiten. Eine begehrte Dienstleistung, von der Fluggesellschaften und Airporthotels gern Gebrauch machen.

"Bisher sind wir der einzige Airport in Europa, der einen solchen Service anbietet" , sagt Hundeführer Hansen, ein US-Amerikaner, der schon lange in Deutschland lebt. Seine geprüften Wanzendetektive, auf die er sichtbar stolz ist, schnüffeln sich Tag für Tag akribisch durch die Kabinen von Passagierflugzeugen und Hotelzimmern. Jede Ritze, jedes potenzielle Versteck wird gecheckt. Sitze, Bodenbeläge, Steckdosen, Kabelkanäle. Wird ein befallener Sitz identifiziert, kann der schnell entnommen und ausgetauscht werden.

Die Blutsauger fühlen sich in der Nähe von Vielfliegern offenbar besonders wohl. Denn gern machen sie es sich in den motorbetriebenen XL-Sitzen der First Class gemütlich. Der Einsatz der Hunde spart Zeit und Geld. Es müssen weder alle Leisten abgeschraubt noch alle Teppiche herausgerissen werden, um die Viecher zu finden. "Deshalb lohnt es sich für die Airlines" , sagt Hansen, "die Hundestaffel zu buchen. Als Prophylaxe. Pro Tag schaffen wir einen bis drei Flieger."

Die Wanzen verbreiten sich weltweit rasant. Auch in Deutschland. Die extrem flachen und bis zu sechs Millimeter großen Insekten gehören eindeutig zu den Gewinnern der Globalisierung. Nicht mangelnde Hygiene begünstigt ihren Siegeszug um den Erdball, sondern vielmehr die zunehmende Zahl der Geschäfts-, Pauschal- und Städtereisenden. Ganz gleich, ob einer im Hostel oder im Fünf-Sterne-Plus-Hotel nächtigt, mit der Mobilität wächst die Wahrscheinlichkeit, sich irgendwo eine Wanze einzufangen, die den Körper oder das Gepäck als Mitfahrgelegenheit nutzt. Metropolen in den USA und Kanada gelten als Wanzenhochburgen. Doch auch in deutschen Städten schlagen Experten Alarm. Gemeinsam mit der europaweit agierenden Bed Bug Foundation mit Sitz in der Nähe des englischen Bristol wird derzeit über Strategien gebrütet, die Plage grenzübergreifend zu bekämpfen. Larry Hansen, der im Vorstand der Stiftung sitzt, will einen Zertifizierungsprozess für Wanzenspürhunde in ganz Europa in Gang setzen. Die einheitliche Prüfung von Hundeführer und Hund diene der Qualitätssicherung. Es gehe darum, alle Teams fit zu machen für die Zusammenarbeit mit den Kammerjägern vor Ort.

In Deutschland ist wohl Berlin besonders befallen. Auch wenn exakte Zahlen fehlen, beobachtet Mario Heising, Mitglied im Verband Deutscher Schädlingsbekämpfer, den dynamischen Anstieg der Kammerjägereinsätze in der Hauptstadt. Mussten die Experten 2007 noch 210 Mal in die Schlacht gegen die "Tapetenflunder" ziehen, waren es 2015 bereits 1358 Einsätze. Bei steigender Tendenz und hoher Dunkelziffer. Die Blutsauger können sich überall tummeln. Nicht nur in Wohnungen und Hotelzimmern, sondern auch in Theatern, Kinos oder öffentlichen Verkehrsmitteln. "Vor allem die Nachtzüge mit Schlafwagen haben ein Problem", sagt Heising, "und die italienische Staatsbahn ist berühmt dafür. Aber auch Kreuzfahrtschiffe und australische Wohnmobile sind schon gut besetzt. Es muss nicht zwingend was passieren, aber wenn, dann schleppt man das Problem in die heimischen vier Wände."

Einen wirklichen Schutz gebe es nicht, sagt Heising. Im Hotel könne man nur darauf achten, den Koffer nicht auf oder neben das Bett zu stellen, da sich die Wanzen bevorzugt in der Nähe der Schlafstätte aufhalten. Außerdem sei es ratsam, auf dunkelbraune Sprenkel auf Matratzen oder Bilderrahmen zu achten. Sollte man mit Stichen an unbedeckten Hautstellen aufwachen, sei es sinnvoll, der Rezeption Bescheid zu geben. Der Schädlingsbekämpfer plädiert seit Jahren für einen Aufkleber, der in jedem Fahrstuhl eines Hotels angebracht werden sollte. "Da könnte zum Beispiel draufstehen: Leute, denkt daran – in Deutschland gibt’s im Winter keine Mücken. Gemeinsam im Kampf gegen die Bettwanzen. Unterschrieben vom Gesundheitsminister."

"Ohne Bettwanzen" - in amerikanischen Hotels ein Gütesiegel

In Amerika klebt der gewissenhafte Hotelbetreiber das Etikett vom Schädlingsbekämpfer für jeden sichtbar an die Eingangstür. Eine Art Gütesiegel. Damit haben die Deutschen ein Problem. Das Schamgefühl ist zu groß, und viele Hoteliers befürchten Wettbewerbsnachteile. Mario Heising wünscht sich, dass bereits Schüler in der achten Klasse mit dem Thema Bettwanzen vertraut gemacht werden. "Dann würden mindestens zehn Prozent schon auf der Reise das Problem erkennen." Wenn Heising und seine Kollegen zum Einsatz gerufen werden, bitten die Auftraggeber stets um höchstmögliche Diskretion. "Wir sollen in unseren Privatautos ohne Aufschrift kommen. Damit bloß die Nachbarn nichts mitkriegen." Dabei komme es durchaus vor, dass nicht die Wohnung des Anrufers, sondern die Nachbarwohnung verwanzt ist. Vor allem in Altbauten könnten die Schädlinge durch Kabelschächte und Hohlräume krabbeln, ihre Blutmahlzeit einnehmen und dann wieder zurückkriechen in ihr Versteck. Vom Ungezieferbefall seien vor allem zwei Gruppen betroffen: Wohlhabende und sozial Schwache. Die einen, weil sie viel unterwegs seien, die anderen, weil sie oft Secondhand-Ware nutzen. In beiden Gruppen herrsche erschreckend große Unwissenheit. Auch darüber, wie man die Tierchen wieder loswird. Viele hantieren eigenhändig mit diversen Putzmitteln und Insektensprays. "Aber das können sie vergessen", sagt der Experte.

Nur mit starken Wärmestrahlern über mehrere Tage oder mit einem Cocktail aus Insektiziden sind die unerwünschten Bettgenossen dauerhaft zu vertreiben. Für ein paar Tage sollten die Bewohner ausziehen und danach alle Flächen reinigen, die mit der Haut in Kontakt kommen können. "Wir setzen verschiedene Wirkstoffgruppen ein, um mögliche Resistenzen zu umgehen. Bis zur endgültigen Tilgung sind in der Regel drei Behandlungen im Abstand von drei bis vier Wochen erforderlich." Die chemiefreie Wärmebehandlung kostet in etwa so viel wie der dreimalige Besuch des Kammerjägers: zwischen 800 und 1000 Euro.

Bei allem Übel: Der lichtscheue Blutsauger ist zwar lästig, aber nicht lebensgefährlich. "Es gibt keinen einzigen wissenschaftlich belegten Fall, dass Krankheitserreger von der Wanze auf den Menschen übertragen worden wären", sagt Christoph Lübbert, Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin an der Leipziger Uniklinik. Zwar sei in der Fachliteratur klar bewiesen, dass die Tiere bei ihren Blutmahlzeiten durchaus Erreger aufnehmen, die mit Seuchen assoziiert werden, darunter HIV oder Hepatitis-Viren. Zum Glück aber funktioniere offenbar der Übertragungsmechanismus zurück auf den Menschen nicht.

"Oft merkt man nicht sofort, dass man gestochen wurde" , sagt Lübbert. "Es dauert meistens ein bis zwei Tage, bis die Stiche aufblühen und anfangen zu jucken. Typisch sind mehrere Anordnungen von Stichen, die leiterartig nebeneinander liegen oder Cluster bilden, und zwar dort, wo die Haut beim Schlafen offen liegt." Ein Problem entstehe nur dann, wenn sich die Stiche entzünden. Etwas Hydrocortison- und Antihistaminsalbe helfe da weiter und beruhige die Haut. "Nur in schweren Fällen muss man Antibiotika verordnen." Gegen den Ekel allerdings gibt es keine Medizin. Damit die fiesen Mitbewohner gar nicht erst zu Hause einziehen, tüftelt Larry Hansen bereits an einem weiteren Service für ankommende Fluggäste. "Ich stelle mir einen Bereich am Airport Frankfurt vor, wo Passagiere ihr Gepäck von unseren Wanzenspürhunden checken lassen können." Sollten Cora & Co. unerwünschte Mitbringsel finden, könne der Reisende gleich noch ein Bed Bug Waschset erwerben. Der für die Wanzenbekämpfung entwickelte Spezialsack kostet zwei Euro pro Stück und verhindert, dass die Tiere in der Gummidichtung der Waschmaschine verschwinden. Auf 60 Grad drücken – und die Biester sind erledigt.

Kratzen, beißen, Blut saugen

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