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Benzinpreis: Deutschland kommt auf den Roller

Die steigenden Spritpreise zwingen viele Deutsche dazu, auf günstigere Verkehrsmittel als das Auto umzusteigen. Besonders gefragt: Fahrräder und vor allem Motorroller. Die Verkauf der kleinen Flitzer ist in den vergangenen Monaten um mehr als 300 Prozent angestiegen.

In Paris, Rom oder Madrid gehören sie seit jeher zum Straßenbild: Motorroller prägen das Großstadtgefühl vieler europäischer Metropolen. Auch in Deutschland knattern neuerdings immer mehr Roller durch die Städte. Ob die klassische Vespa aus Italien, der Scooter-Flitzer oder das Billigfabrikat aus dem Baumarkt - mit der Explosion der Spritpreise wechseln immer mehr Menschen auf den Roller. Bei einem Verbrauch von zwei bis fünf Liter Super auf 100 Kilometern, steigen vor allem Berufstätige auf den Roller als billigere Alternative zum Auto um. Die hohen Benzinpreise regen aber auch viele an, häufiger als bisher das Fahrrad zu nutzen.

"Der Verkauf von Rollern mit Motoren bis 125 Kubikzentimeter ist in den vergangenen Monaten um mehr als 300 Prozent gestiegen", sagt Achim Marten. Der Sprecher des Industrieverbands Motorrad sieht im Rollerboom mehr als nur einen Zeitgeist-Trend. "Rollerfahren ist zwar schon länger in Mode." Seitdem aber an den Tankstellen die Kosten aus dem Ruder laufen, seien auch für Berufstätige in den Städten die Roller interessant.

Von einem Plus von zehn bis 15 Prozent bei den Fahrradhändlern berichtet Karsten Klama vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Der steigende Absatz von Ersatzteilen zeige auch, dass viele Menschen ihre verstaubten Räder aus dem Keller holten und reparieren ließen. "In der Vergangenheit sind die Leute vor allem aus Gesundheitsgründen aufs Rad gestiegen", sagt der ADFC-Marketingchef. "Jetzt ist für viele das Rad ein Sparschwein auf zwei Rädern." Zum heutigen Bestand von 67 Millionen Fahrrädern in Deutschland kommen jedes Jahr rund 4,6 Millionen Räder dazu.

Fahrrad als Investition

Ob mit Zweitakt-Motor oder Muskelkraft - bei Erdölpreisen von 120 Euro pro Barrel oder mehr werden Alternativen zum Auto immer attraktiver. Allein für Sprit gäben Bundesbürger im Laufe eines Lebens 80.000 Euro aus, heißt es beim ADFC. Wer täglich unterwegs sei, sollte mindestens 600 bis 700 Euro für ein Rad samt Ausrüstung ausgeben. Auf lange Sicht rechne sich die Investition. Denn neben den Spritkosten sparen Radfahrer Parkgebühren, Versicherungen und Steuern. "Und in der Werkstatt kommt man wesentlich günstiger davon", sagt der ADFC-Bundesvorsitzende Karsten Hübener.

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Städte auf steigenden Radverkehr nicht vorbereitet

Allerdings sind nach Ansicht des Fahrrad-Clubs viele Städte auf den steigenden Radverkehr nicht vorbereitet. Mit schmalen Radwegen, die mit Unkraut und Wurzeln zersetzt sind, werde sich der Anteil des Radverkehrs kaum steigern lassen, sagt Klama. Derzeit liegt er bundesweit bei knapp 10 Prozent. Die Bundesregierung sieht im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans ein Potenzial von bis zu 24 Prozent.

Bei Fahrten bis zu sechs Kilometern sei das Rad die ideale Alternative zum Auto, sagt Klama. In der Fahrradnation Niederlande legen Radfahrer auf eigenen Schnellfahrrouten bis zu 15 Kilometer auf dem Weg zur Arbeit zurück. Großzügige Radwege und deutliche Wegweiser erlaubten dort eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit.

Motorroller aus dem Baumarkt

Auch der öffentliche Nah- und Fernverkehr komme mit dem Radboom bisher nicht klar. So sei es bis heute nicht möglich, im ICE ein Rad mitzunehmen. Die Bahn habe sogar einen Pilotversuch dafür abgelehnt, beklagt der ADFC. Viele Bahnhöfe böten zu wenige Stellplätze.

Günstiger als manches Fahrrad sind die Motorroller aus dem Baumarkt. Zwischen 400 und 1200 Euro kosten diese "Chinaroller" mit einem Motor bis zu 50 Kubikzentimeter. "Die haben zwar keine große Qualität, aber man kommt auf jeden Fall von A nach B", sagt Stefan Deimann vom Scooter-Center in Bergheim bei Köln. Der nach eigenen Angaben zweitgrößte Ersatzteilhändler für Roller in Deutschland verzeichnet einen steigenden Umsatz und verdoppelt jetzt seine Lagerfläche - "aus Hoffnung und als Folge des Booms", wie Deimann sagt.

Esteban Engel/DPA

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