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Roboter am Steuer Auf Testfahrt mit Daimlers selbstfahrendem Bus

Selbstfahrender Bus von Daimler in Amsterdam
Der selbstfahrende Bus von Daimler in Amsterdam.
© picture alliance / dpa
In Amsterdam erprobt Daimler den ersten autonomen Stadtbus der Welt. Das hat sich bislang kein Hersteller getraut. Eine Testfahrt.

Sobald Manfred Bachus auf die Strecke steuert, entwickelt sein Bus ein Eigenleben. "Citypilot available" leuchtet im Display. Der Hochleistungscomputer in dem zwölf Meter langen Nahverkehrsbus will jetzt selbst ans Steuer. Bachus legt einen Schalter um, das Licht im Bus schaltet vom gewohnten Weiß auf technischkühles Blau. Eines Tages, wenn tatsächlich bis zu 60 echte Fahrgäste an Bord sein werden, erkennen sie an diesem Signal: Der Roboter hat das Kommando übernommen. Maximale Offenheit ist wichtig angesichts der Sorgen nach der Todesfahrt mit einem Tesla.

Autonomes Fahren: Daimler testet den selbstfahrenden Bus

Der "Future Bus" von Daimler ist weltweit der erste seiner Art: Kein anderer Fahrzeughersteller hat sich bisher so weit nach vorn gewagt. Zwar gibt es etliche Vorstöße, Autos autonom fahren zu lassen. In der Regel aber nur auf Autobahnen. Insbesondere das Fahren in chaotischen Innenstädten, inmitten von Gedränge und dichtem Verkehr, gilt bislang als zu komplex für die Computer. Die selbstfahrenden Stadtbusse sollen nun der erste Schritt in die neue Roboterwelt sein. Ihr Vorteil: Busse fahren auf festen Strecken. Die ersten Tests in Amsterdam zeigen, was heute bereits möglich ist.

Manfred Bachus legt die Hände auf die Oberschenkel und nimmt den Fuß vom Gas. Das Fahrzeug beschleunigt weiter. Bis zu 70 km/h sind auf der Busstrecke in einigen Abschnitten erlaubt. Die Strecke ist kurvig, hat elf Haltestellen, viele Kreuzungen und drei Tunnel, die wegen der Lichtwechsel und dem fehlenden GPS-Signal besonders schwierig zu meistern sind.

Der Bus nähert sich der ersten Ampel. Per WLAN nimmt er Kontakt mit dem Verkehrszeichen auf, bittet um Durchfahrt. Die Ampel meldet, wie viele Sekunden sie noch rot ist. Entsprechend passt der Bus sein Tempo an und rollt genau bei Grün über die Kreuzung. Zehn Kameras und sechs Radarsysteme mit bis zu 200 Meter Reichweite überwachen dabei die Umgebung. "Ich vertraue dem System von Tag zu Tag mehr", sagt Fahrer Bachus, "da muss man aufpassen, dass man nicht unvorsichtig wird."

Testphase und Alltagstauglichkeit

Die Testphase über die Alltagstauglichkeit hat erst vor Kurzem begonnen. Gerade einmal zehn Tage ist der Bus jetzt zwischen Haarlem und dem Flughafen auf der rund 20 Kilometer langen Strecke unterwegs. Bachus' Kollege Uwe Grimm, der auf einem Laptop die Sensordaten verfolgt, hat im Herbst die ersten Fahrten mit der neuen Technik gemacht. Damals war sie noch in einem normalen Reisebus eingebaut. "Ein Fernreisebus mit deutschem Kennzeichen auf einer holländischen Busspur – die entgegenkommenden Fahrer haben mir ständig einen Vogel gezeigt", erinnert er sich.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Daimler mit offizieller Erlaubnis unterwegs ist. Amsterdam bietet den Deutschen ideale Testbedingungen. Die "Linie 300" ist eine der ganz wenigen echten Schnellbuslinien mit eigener Trasse in Europa. Im dichten Innenstadtverkehr wäre die Technik ohne getrennte Spur noch überfordert. Inzwischen grüßen die meisten Busfahrer und heben den Daumen. Dabei könnte der Roboterbus sie langfristig den Job kosten.

Daimler will irgendwann auf Fahrer verzichten

Das langfristige Ziel von Daimler ist es, irgendwann einmal vollkommen auf die Fahrer verzichten zu können. Zunächst – da sind sich alle Beteiligten einig – wird es wohl nicht ganz ohne Menschen gehen. Sie sollen jedoch nur im Notfall eingreifen, etwa wenn Schneefall die Sensorik verwirrt. Doch wenn die Bedingungen gut sind, kann der Roboter schon bald den Menschen am Steuer ersetzen. Der hätte dann Zeit, seinen Fahrgästen Fragen zu beantworten oder Kaffee zu verkaufen. Barista statt Busfahrer – ein äußerst kostspieliger allerdings, schließlich macht der Fahrer rund 50 Prozent der Betriebskosten bei einem Nahverkehrsbus aus.

Die Übernahme der Roboter aber wird noch eine Weile dauern. Gerade fährt der Bus vollautomatisch an eine Haltestelle. Fünf oder sechs Wartende gucken interessiert. Das futuristische Mobil bremst sanft, hält exakt eineinhalb Meter vor der Anzeigetafel und zehn Zentimeter vom erhöhten Bordstein. Alles perfekt. "Besser bekommen das menschliche Fahrer auch nicht hin" , sagt Bachus. Der Bus öffnet seine Doppeltüren. "Das Türöffnen gehört zum Testprogramm" , erklärt Uwe Grimm, „aber natürlich sind wir noch nicht im regulären Passagierbetrieb unterwegs.“

Bevor die Roboterbusse zum Alltag gehören werden, sind noch viele weitere Kilometer notwendig. Vermutlich beginnt die Zukunft dann auch nicht in Amsterdam oder anderswo in Europa, sondern eher in Asien oder Südamerika. Denn dort gibt es schon heute mehr als 100 reine Bustrassen wie die in Amsterdam.


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