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Dino: Pferdchen-Stärke

Ein kleiner Ferrari? Noch wird dementiert. Doch Insider wollen es besser wissen. Der Flitzer könnte Dino heißen - wie schon vor fast 40 Jahren.

Luca di Montezemolo ist ein mächtiger und ehrenwerter Mann. In Italien nennt man ihn den "Avvocato", was viel mehr bedeutet als die schlichte Berufsbezeichnung des Anwalts. Wenn er eine Rede hält, herrscht Schweigen im Saal. Er ist Präsident des Industriellenverbandes und von Fiat, und zudem steht der 59-jährige Gentleman mit den grauen Strähnen der bekanntesten Marke Italiens vor: Ferrari. Ein Nationalheiligtum.

Bereits in jungen Jahren war di Montezemolo Enzo Ferraris Assistent und Rennleiter, er holte mit Niki Lauda zwei Weltmeistertitel. Er kennt jede Nuance, jeden Schachzug innerhalb der Industrie. Größere Affären und Skandale um seine Person sind nicht bekannt. Kurz: Luca di Montezemolo ist ein Fuchs.

Es ist noch nicht lange her, es war kurz vor Ende der Formel-1-Saison 2005, da bot er dem lieben Gott schlitzohrig den Verzicht auf die Weltmeisterschaft an - wenn nur der neue Fiat Punto ein Verkaufserfolg werden würde. Nur: Als er das sagte, war die Saison für Ferrari gelaufen.

Es ist ebenfalls noch nicht lange her, da wurde di Montezemolo in einem Interview von "Auto Motor und Sport" gefragt, was an den hartnäckigen Gerüchten über einen kleinen Ferrari dran sei, die einfach nicht verstummen wollen. Zuletzt waren Mitarbeiter von Zulieferfirmen sowie Manager von Fiat wohl zu aufgeregt, um dichtzuhalten. Dagegen di Montezemolos Antwort pflichtgemäß: "Keine Chance ... Ein kleiner Ferrari würde zuerst bedeuten, dass er kein Ferrari wäre." Ein energisches Dementi - und doch eines mit Hintertürchen.

Denn: Er müsste ja nicht so heißen. Und die Idee ist auch nicht neu. 1967 präsentierte Ferrari nämlich einen kleinen Sportwagen mit einem Mittelmotor direkt hinter den beiden Sitzen - sowohl ohne Ferrari-Schriftzug auf der Karosserie als auch ohne das berühmte Abzeichen, das cavallino rampante, das steigende Pferdchen. Der Markenname des Flitzers lautete schlicht Dino. Das war auch der Kosename von Enzo Ferraris Sohn Alfredo. Er war 1956 im Alter von nur 24 Jahren gestorben.

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Die teuren Serienautos von Ferrari hatten damals allesamt Zwölfzylinder unter der Haube; die Befürchtung aber, dass ein kleines Modell mit weniger Leistung die Exklusivität der Marke beschädigen könnte, erwies sich als unbegründet. Der Zweiliter-V6-Motor des Dino mit zunächst 180 PS (später 2,4 Liter mit 195 PS) war schließlich von einem erfolgreichen Ferrari-Renntriebwerk abgeleitet worden, an dessen Entwicklung noch Alfredo Ferrari mitgearbeitet hatte. Nicht einmal, dass dieser Motor auch in Sportwagen von Fiat und Lancia verpflanzt wurde, schmälerte den Ruf des Produkts.

Der in vergleichsweise großer Stückzahl gebaute Dino gilt bis heute als waschechter Ferrari. Viele Dino-Fahrer klebten auch ein Pferdchen ans Heck - und wurden dafür niemals als Aufschneider belächelt. Für zahlreiche Fans ist der Dino bis heute sogar der schönste Sportwagen, der je gebaut wurde. Gegen den Trick mit dem Namen spricht also nichts, solange der Abstand zum kleinsten echten Ferrari-Modell, dem Typ 430 für 150 000 Euro, gewahrt bleibt.

Mit dem Achtzylinder-Motor der Schwestermarke Maserati (4,2 Liter, 390 bis 400 PS) wäre das möglich. Der leistet rund 100 PS weniger als jener im FerrariTyp 430 und könnte, wie bei den großen Modellen 599 und 612, vorn eingebaut werden. Das ließe Platz für einen Kofferraum im Heck des knapp viereinhalb Meter langen Flitzers.

Jedenfalls wurden in jüngster Zeit auffallend viele potenzielle Konkurrenzmodelle eines kleinen Ferrari rund um das Werk in Maranello gesichtet - der neue kleine Aston Martin V8 Vantage (385 PS, ab etwa 105 000 Euro) zum Beispiel. Der wäre ein direkter Rivale. Ebenso wie ein Porsche 911 in der starken S-Version oder ein BMW M6.

Wenn der Dino tatsächlich kommt, wahrscheinlich 2009, kann Ferrari seine Produktion beinahe verdoppeln. Gut 5000 Stück werden jährlich gebaut, noch einmal 4000 Dino kämen hinzu. Das wäre ein gewaltiger Sprung, aber er brächte den Sportwagenbauer noch lange nicht in die Riege der Massenhersteller. Die Exklusivität von Ferrari, die für Luca di Montezemolo so wichtig ist, bliebe also gewahrt. Und ein Zusatzgeschäft wäre auch noch drin: Pferdchen-Aufkleber und Ferrari-Schriftzüge massenweise, original Ferrari natürlich.

Frank Janssen / print

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