Autoklassiker: 50 Jahre NSU Prinz Zwergenkönig


Wer NSU hört, der denkt schnell an den Ro 80. Doch der kleine Prinz hatte viel mehr Charme. Als TTS wurde der Heckmotor-Winzling sogar zur Rennsemmel. Vor 50 Jahren erblickte der Prinz das Licht der Autowelt.

1958. Das deutsche Wirtschaftswunder war in vollem Gange. Mit dem wachsenden Wohlstand wurden die Menschen anspruchsvoller: Der Motorroller genügte nicht - ein schickes Auto musste her. Durch die Straßen wuselte ein Insektenstaat aus Käfern und anderen Kleinwagen, deren Namen heute kaum noch jemand kennt - Lloyd, Glas oder Goggomobil.

Auf der Frankfurter Automobilausstellung 1957 kam mit dem NSU Prinz ein weiterer Zwerg hinzu. Mit selbsttragender Ganzstahlkarosserie, zwei Zylindern und immerhin 20 PS gelang bis 1962 mit ihm fast 100.000 Käufern der Aufstieg vom knatternden Mofa zum richtigen Auto.

Dabei war NSU gerade mit Zweirädern groß geworden – mit Fahrrädern Ende des 19. Jahrhunderts und bald auch mit Motorrädern. Mitte der 50er Jahre war NSU der größte Motorradhersteller der Welt. Doch die sinkende Nachfrage nach den Zweirädern zwang zum Umschwenken.

Schon mehrfach in ihrer Geschichte hatten sich die Neckarsulmer im Autobau bewährt. Und so wurde der Prinz ein technisch solides Fahrzeug. "Fahre Prinz und du bist König" prahlte die Werbung. Viele Prinz-Piloten hätten sich in einem großen Opel oder Mercedes sicher königlicher gefühlt: Bei Tempo 105 war Schluss, und bis der Prinz das erreicht hatte, verging mehr als eine halbe Minute.

Designed by Bertone

Wirklich aufregend war der Wagen nicht und der Beifall eher höflicher Natur. Doch der Verkaufserfolg gab NSU Recht. Und beim braven Prinzen sollte es nicht bleiben: Schon im September stellte NSU den Sport-Prinz vor. Seine elegante Hülle entstand im italienischen Designbüro Bertone. 30 PS aus 583 Kubikzentimeterchen Hubraum trieben den Sport-Prinzen in immerhin 26 Sekunden auf 100 Sachen. Das zweisitzige Coupé wurde bis 1967 gebaut und war ein Imageträger für die Marke. Denn das wirtschaftlich wichtigere Auto für NSU blieb natürlich der normale Prinz.

Schon 1961 kam mit dem Prinz 4 die nächste Generation auf den Markt (die Prinzen I bis III sind verschiedene Versionen des ersten Modells). Der neue Wagen sah erwachsener aus als sein Vorgänger und bot trotz der knappen Abmessungen (3,4 x 1,5 x 1,3 Meter) einen großzügig bemessenen Innenraum mit viel Fensterfläche.

Details wie die kleinen runden Rückleuchten und der markante Falz in Höhe der Türgriffe erinnerten an die Chevrolet Corvair, das berühmt-berüchtigte Heckmotor-Experiment der Amerikaner. "Wirtschaftlich im Unterhalt – darauf kommt es an" wussten die Texter der Werbebroschüre. Schwenkfenster, Lenkschloss, Lichthupe und – man höre und staune – eine Klimaanlage gehörten zur Serienausstattung. Der Prinz 4 wurde bis 1973 fast unverändert gebaut und war nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien erfolgreich.

Zwerg Rase: NSU TTS

Mitte der 60er Jahre stürzte sich NSU mit dem Wankel Spider ins ungewisse Kreiskolbenmotor-Abenteuer. Der Spider wurde ebenso wie der Ro 80 ein Achtungserfolg und rief Lizenznehmer auf den Plan, von denen letztlich nur Mazda den Mut zur Serienproduktion hatte. Parallel zum Wankel-Abenteuer verpasste NSU dem Prinz endlich einen Vierzylindermotor. 43 Pferdestärken ließen den Zweitürer Tempo 135 rennen. 1967 nahm man Abschied vom Prinzen – allerdings nur vom Namen: Der Wagen hieß ab jetzt NSU 1000.

Welches Potenzial in dem kleinen Hecktriebler steckte, bewies ab September 1965 der TT. Erkennbar ist der Wagen sofort an seinen runden Doppelscheinwerfern. Zuerst mit 55 und dann mit 65 PS (bei auf 1,2 Liter vergrößertem Hubraum) ausgerüstet, spurtete der kleine Wagen in 14 Sekunden auf 100 km/h – ein durchaus respektabler Wert, denn selbst ein Porsche 911 brauchte damals 9 bis 10 Sekunden.

Doch es war noch mehr drin in Neckarsulm. 1967 bis 1971 wurde in kleiner Auflage der NSU TTS gebaut. Der Wagen hätte den Namen Sport-Prinz wahrlich verdient: Auf 995 Kilo abgespeckt, rannte er in 13 Sekunden auf 100 und erreichte 160 km/h. Der TTS war im Renn- und Rallyesport erfolgreich und ist heute noch gern gesehener Kleinstar bei Oldie-Rallyes. Willi Bergmeister - bei dem Michael Schumacher seine Kfz-Mechanikerlehre absolvierte - schrieb auf dem TTS Renngeschichte.

Was übrig blieb

Der Marke NSU erging es weniger gut, sie fusionierte 1969 mit der Auto Union GmbH. Später entstand daraus die Audi AG. Ein paar Jahre hielt sich der Name NSU noch über die Fusion hinaus, dann wurde er schließlich aufgegeben. Ganz hat sich Audi allerdings nicht von seinen Wurzeln losgesagt: Der aktuelle TT und TTS erinnern zumindest in ihrem Namen an die glanzvollste Zeit des kleinen Prinzen.

Sebastian Viehmann / pressinform PRESSINFORM

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