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BMW X6 Active Hybrid: Der stärkste Hybrid aller Zeiten

Mit dem X6 Active Hybrid schickt BMW nächsten Monat sein erstes und zugleich das weltweit stärkste Hybridmodell an den Start. Premiere ist in den USA. Nach Deutschland kommt der Öko-Bolide im April.

Von Michael Specht

Die Drehzahlmessernadel des Achtzylinders steht auf Null. Den Ocean Boulevard in Miami Beach, eine der berühmtesten Flaniermeilen Amerikas, fährt der X6 trotzdem entlang. Zehn Blocks Art Deco Architektur, gepaart mit Neon-Reklame, Cafés, Bars, Hotels und Restaurants. Hier heißt es: sehen und gesehen werden. Aus Ferrari, Camaro, Corvette und anderen Angeber-Kisten wummert die übliche Musik. Auch der X6 fällt auf. Schade nur, dass keiner merkt, wie "eco friendly" wir hier gerade vorbei rollen - lautlos und ohne ein Gramm Abgas in die Luft zu pusten.

Der X6 Active Hybrid wird gerade von einem Elektromotor angetrieben. Das hat es bei BMW bislang nicht gegeben. Der schräge SUV ist der erste Full-Hybrid der Bayern - und der letzte aus dem Gemeinschaftsprojekt "Global Hybrid Alliance", das BMW einst mit DaimlerChrysler und General Motors eingegangen war. Zusammen wollte man so etwas wie den Super-Hybriden entwickeln. Einerseits, um der Toyota- und Lexus-Vormacht Paroli bieten zu können, andererseits, um sich nicht länger vorwerfen lassen zu müssen, die deutschen Autohersteller befänden sich in Sachen Hybridantrieb noch immer im Tiefschlaf.

Trotz 485 PS und 2,5 Tonnen nur 9,9 Liter

Wer jedoch denkt, der X6 Active Hybrid ist eine Art "Ich-rette-die-Welt-Auto" mit einem ähnlichen Öko-Image wie der Toyota Prius, liegt völlig daneben. Der Wagen ist mit 485 PS und 780 Newtonmeter nicht nur der stärkste Hybrid der Welt, sondern mit knapp 2,5 Tonnen Gewicht auch einer der schwersten. Umso erstaunlicher allerdings, dass er im EU-Normzyklus lediglich 9,9 Liter je 100 Kilometer verbrauchen soll. Wohlgemerkt Benzin, nicht Diesel. Das sind immerhin 20 Prozent weniger als der vergleichbare Achtzylinder im X6 Xdrive50i schluckt. "Kein anderer Hybrid schafft eine größere Einsparung", sagt Projektleiter Peter Tünnermann, dessen Team tief in die Trickkiste greifen musste, um diese Effizienz hinzubekommen.

So hat der X6 erstmals eine elektrische Lenkung. Auch der Klimakompressor läuft bedarfsgesteuert über Strom. Den Löwenanteil an der Verbrauchssenkung aber macht das so genannte Two-Mode-Hybridgetriebe aus. Es dürfte wohl zu den kompliziertesten Bauteilen im Automobilbau überhaupt gehören. Prinzipiell handelt es sich um ein stufenloses CVT-Getriebe. Aus Gründen der Sportlichkeit hat BMW aber über drei Planetenrädersätze sieben Gänge hinein gelegt, die - einmalig bei einem Hybrid - sogar über Schaltpaddels am Lenkrad gewechselt werden können. Das klappt ausgesprochen gut. Das Ganze fühlt sich eher an wie eine schnell schaltende Automatik ohne den oft spürbaren Gummibandeffekt stufenloser Getriebe.

Getriebe mit zwei Elektromotoren

In dem aufwändigen Räderwerk stecken außerdem zwei Elektromotoren, die je nach Fahrzustand einzeln oder beide ihre Arbeit verrichten. Daher der Name Two Mode. Der vordere startet und stoppt den Verbrennungsmotor, und dies auch während der Fahrt bis zirka 65 km/h. Der hintere dient zum elektrischen Fahren und zum Beschleunigen aus dem Stand. Möglich ist auch, dass der vordere E-Motor als Generator arbeitet und dem hinteren Strom liefert, weil dieser gerade bei der Beschleunigung hilft. Tritt der Fahrer das Gaspedal durch (Kick down), kommen beide E-Motoren ins Spiel und sorgen dafür, dass der Hybrid-X6 selbst mit hochkarätigen Sportwagen mithalten kann. 5,6 Sekunden für den Sprint von null auf 100 km/h gibt das Werk an.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Wann welches Zahnrad dreht und welcher der beiden E-Motoren wie arbeitet, wann der Achtzylinder aus ist oder läuft, steuert eine aufwändige Software und hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem Motor-Temperatur, Geschwindigkeit, Gaspedalstellung und - ganz entscheidend - der Ladezustand der Batterie. Ist sie voll, kann man mit dem X6 Active Hybrid entspannt elektrisch von Ampel zu Ampel rollen. "2,5 Kilometer bis zu einem Tempo von 60 km/h sind möglich", sagt Projektleiter Tünnermann. Der Nickel-Metallhydrid-Block mit 2,4 kWh liegt unter dem Kofferraumboden und bekam zur besseren Effizienz sogar einen eigenen Kühlkreislauf.

Sparen auf hohem Niveau

Günstig ist der ganze Spaß nicht. 102 900 Euro will BMW in Deutschland haben. Das sind gut 26 000 Euro mehr als für die Normalversion Xdrive50i. Ein happiger Aufpreis. Doch laut BMW Marketing-Mann Jens Lemon gehen rund zwei Drittel davon auf das Konto der Mehrausstattung. "Metalliclack, Nappa-Leder, Navigation Professional, der schlüssellose Zugang, Komfortsitze und eine 20-Zoll-Mischbereifung gehören bereits zum Serienumfang", sagt Lemon. Bleiben also etwa 8000 Euro für die Hybridtechnik. Diese Summe durch den geringeren Verbrauch jemals wieder einzufahren, kann man getrost vergessen. Obendrein rechnet der Hybrid-Kunde so nicht. Er ist Überzeugungstäter, er kauft aus Imagegründen, möchte stets die neueste Technologie an Bord haben und freut sich riesig, im Yacht- oder Golfclub davon erzählen zu können.

Wer richtig sparen möchte beim X6 Active Hybrid - nicht Benzin, sondern Geld - dem sei ein Blick über den Teich empfohlen. Denn die USA, und besonders Kalifornien, ist der wichtigste Markt für den feschen Öko-Boliden. BMW bietet den Wagen hier deutlich günstiger an: für 88.900 Dollar.

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