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Fiat Croma: Unerwartet unentschieden

Fiat kehrt mit dem Chroma in die Mittelklasse zurück. Offen bleibt, ob das seltsam unbestimmte Fahrzeug die Herzen erobern kann. Sicher ist, dass es ziemlich günstig ist.

Sie können einem langsam leid tun, diese Italiener. In den Neunzigern liebten deutsche Autofahrer Fiat und kürten sie mit ihren Käufen zum Importeur Nummer Eins. Heute sind die Zahlen im Keller und die Modelle stehen wie Blei auf dem Hof. Und das, obwohl die Deutschen nach Fiats eigenen Berechnungen 2005 wieder verstärkt Autos kaufen, von Januar bis Mai über 15.000 mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Nur eben leider keine Fiats. Deren Absätze gingen im gleichen Zeitraum um rund 10.000 Stück zurück.

Solche negative Statistiken "haben hohen Erklärungsbedarf", weiß auch der deutsche Fiat- und Lancia-Vorstand Manfred Kantner. Fiat richte "den Fokus nun auf Ertragssteigerung", habe deshalb seine Vertriebsstrategie geändert und wolle nun mehr an Privatkunden und weniger an Flotten verkaufen. Außerdem baue der deutsche Importeur gerade verstärkt Lagerbestände ab und habe zusätzlich im Mai unter den Auswirkungen des italienischen LKW-Fahrerstreiks gelitten. "2005 ist für uns ein Jahr der Gesundung, in dem wir mit neuen Produkten zu alter Stärke zurückfinden", sagt Kantner. Insgesamt rund 50.000 Verkäufe hat sich der Fiat Deutschland für 2005 vorgenommen.

Irgendwie unitalienisch

Eine "hunderprozentige Eroberungsrate" erhofft sich der deutsche Importeur dabei vom neuen Croma. Denn aus dem Segment der Mittelklasse hatte sich Fiat 1994 ersatzlos verabschiedet. Nach elf Jahren Abstinenz kommt nun mit dem Nachfolger "das italienische Auto, das sie nicht erwartet hätten" wie der Croma-Werbeslogan verspricht. Wie wahr, möchte man den Marketingstrategen zurufen. Das hätten wir wirklich nicht erwartet. Auch wenn Design-Papst Giorgetto Giugiaro höchstpersönlich Hand an die Mischung aus Kombi und Van gelegt hat, sieht das Auto nicht die Spur italienisch aus. Mit seiner flachen Front, den konturlosen Rundungen und der 1,60 Meter hohen Dachlinie wirkt der 4,75 Meter lange und 1,77 Meter breite Wagen seltsam unentschieden, irgendwo zwischen Kombi und Van. Ob damit die "unternehmungslustigen Familienväter mit aktiver Freizeitgestaltung", die Fiats Marketing-Mann Basilio Scelza als Zielgruppe im Auge hat, oder - dann doch wieder - die "Dienstwagenfahrer, die anderen durch ein formschönes Fahrzeug imponieren wollen", zu locken sind, bleibt abzuwarten.

Viel Platz bei bequemen Einstieg

Die Vorteile dieser Karosserie-Architektur sollten eigentlich mehr die älteren Zeitgenossen ansprechen. Bequemer Ein- und Ausstieg wie auch eine gute Übersicht aufgrund der höher angebrachten Sitze, geradezu verschwenderische Raumverhältnisse dank 2,70 Meter Radstand, besonders was die Kopf- und Beinfreiheit auf den hinteren Plätzen angeht. 90 Zentimeter zwischen den Sitzreihen können weder Kombi-Konkurrenten wie Renault Laguna oder Opel Vectra noch Kompaktvans wie Ford Focus C-Max oder Citroen Picasso bieten.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

Beim Kofferraum und der Variabilität hingegen wieder der unentschiedene Kompromiss. Das etwas zerklüftete Gepäckfach hinter der Rücksitzbank fasst zwar 500 Liter, das sich maximal auf 1600 Liter erweitern lässt. Allerdings nicht mit einer ebenen Fläche, weil bei den Rücksitzen nur die Lehnen asymmetrisch zu klappen sind. In der Top-Ausstattung Emotion oder gegen Aufpreis (160 Euro) gibt es ein Modulsystem, das den Stauraum in ein nicht einsehbares Unterflurfach und einen ebenes Kofferabteil unterteilt.

Bieder und gemütlich

Das Interieur vermittelt Wohnzimmer-Atmosphäre, etwas bieder, aber bedienerfreundlich. Cockpit und Instrumente sind funktional geordnet. Der Schalthebel sitzt ergonomisch günstig in der Armaturentafel, dafür das Zündschloss wie bei Saab-Modellen zwischen den Vordersitzen. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt, um noch einen Knie-Airbag für den Fahrer unterzubringen. Das können andere Hersteller zwar auch mit Zündschloss am Lenkrad, aber gut. Immerhin summiert sich damit die serienmäßige Zahl der lebensrettenden Luftsäcke auf sieben, Seitenairbags hinten gibt es gegen Aufpreis (280 Euro). Für die aktive Sicherheit sorgen ESP mit Berganfahrhilfe, ABS mit EBD und Bremsassistent.

Partikelfilter sind Serie

In Bewegung gesetzt wird die ganze Fuhre wahlweise durch zwei Benziner, wobei beim deutschen Start am 11. Juni nur der 2,2-Liter mit 147 PS (108 kW) zu haben sein wird. Der Basis-Benziner mit 1,8 Liter Hubraum und 140 PS (103 kW) folgt erst Ende 2005. Auf der Dieselseite gibt es drei Common-Rail-Triebwerke, alle ab Werk mit Partikelfilter und Sechsganggetriebe, die ein Leistungsspektrum von 120 PS (88 kW) bis 200 PS (147 kW) abdecken. Volumenmodell mit einem Drittel der Gesamtverkäufe in Deutschland (5000) erwartet Fiat vom 1,9-Liter-16V-Diesel mit 150 PS (110 kW). Ein kräftiger und laufruhiger Motor, der mit ordentlich Drehmoment (320 Newtonmeter) schnell auf Touren kommt. Damit lässt es sich wie ebenso flott auf der Autobahn vorankommen wie schaltfaul durch den Stadtverkehr bummeln. Noch kommoder geht es mit der neuen, sanft schaltenden, Sechsgangautomatik, die allerdings 1500 Euro kostet.

Günstig eingepreist

Immerhin bewegen sich die Anschaffungspreise in moderaten Grenzen. Auf den deutschen Markt kommt der Croma in drei Ausstattungslinien, wobei die momentan günstigste Version mit 2,2-Liter-Benziner (ab 21.900 Euro) unter anderem eine Klimaanlage, elektrische Fensterheber, verstellbares Lenkrad, Trip-Computer, Kühlbox in der Mittelkonsole und Funkfernbedienung enthält. Das Topversion Emotion mit 2,4-Liter-Fünfzylinder-Diesel (200 PS) kostet 30.900 Euro und ist serienmäßig mit 2-Zonen-Klimaautomatik, Lederlenkrad, Tempomat, klappbarer Beifahrerlehne, Doppelfach im Gepäckabteil, getönten Scheiben und 17-Zoll-Alufelgen bestückt. Dazu kommt allerdings noch eine lange Aufpreisliste, auf der sich Zusatzfeatures wie Leder (1500 Euro), Xenonlicht (720 Euro), elektrisch verstellbare Sitze und Panorama-Glasschiebedach (1100 Euro), Reifendrucksensor (150 Euro) oder ein Info- und Telematiksystem (2400 Euro) finden.

Für harte Rechner

Unterm Strich hat Fiat für die Rückkehr in die Mittelklasse nicht gerade sein Design-Meisterstück abgeliefert. Wer jedoch weniger auf die Optik und mehr auf den Kosten-Nutzen-Faktor schaut, ist mit dem Croma sicher gut bedient.

Maximilian Noah

Wissenscommunity