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Jaguar XF: Schicke Schale für den neuen Anlauf

Mit dem Jaguar XF soll der Katzenjammer über schwache Verkäufe bei der britischen Edelmarke ein Ende finden. Der stern war bei den letzten Tests dabei.

Von Michael Specht

Starterknöpfe sind in Mode. Auch Jaguar hat das Zündschloss verbannt. Die Taste pulsiert sogar leuchtend rot, wie das Auge des Terminators kurz vorm Ableben. Hier ist es umgekehrt. Es scheint so, als ob das Auto dem Fahrer mit dem Leuchten sagen will: Drück drauf und erweck das Herz vorn unter der Haube zum Leben.

Wolfgang Schuhbauer drückt drauf. Grummelnd erwacht der Achtzylinder mit Kompressor. Gleichzeitig fährt aus der Mittelkonsole ein kleiner Drehschalter senkrecht empor. Es ist der Hebel für die Automatik. Kein anderes Auto bietet so etwas in dieser eleganten Form. Ein nicht minder cooles Schauspiel vollführen die vier Lüfterdüsen nach dem Motorstart. Sie drehen sich in eine offene Position. Erst jetzt ist der Jaguar bereit für ein paar weitere der unzähligen Runden, die Schuhbauer auf der Nordschleife des Nürburgrings mit diesem Wagen schon gedreht hat. Ein sternTeam fährt mit. Der 42-jährige Ingenieur kennt den Kurs genau. Er ist der Chef des Jaguar-Testcenters direkt am Ring. "Früher", sagt Wolfgang Schuhbauer, "haben wir auf der Autobahn getestet. Vollgas. Die Werkstatt bestand aus einem Lkw an der Raststätte. Später haben wir uns ein Hotel gesucht und in dessen Garage geschraubt."

21. Mai 2007: Schuhbauer sitzt in keinem normalen Jaguar, sondern im neuen XF. Jenem Modell, das die traditionsreiche britische Autoschmiede aus der Krise fahren soll. Der XF löst im Frühjahr 2008 den "S-Type" ab. Noch darf aber keiner sehen, wie der Viertürer gestaltet ist. Und vor allem, dass er eher ein gestrecktes Coupé als eine Limousine ist. Eigens deswegen wurde der Wagen komplett getarnt. Front und Augen sind verklebt, das Heck ist mit dicken Polstern in Mattschwarz sogar richtig hässlich gemacht. Keine Chance, auch nur annähernd zu erahnen, was sich darunter verbirgt. Innen verdecken schwarze Tücher das Armaturenbrett und die Mittelkonsole. Nur die Instrumente sind zu erkennen. "Die Tarnung muss schon wegen der Konkurrenz sein", sagt Schuhbauer.

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Besonders die Front sorgt für Verblüffung

Auf seinem Programm steht die "Motor- Getriebe-Kalibrierung". An der Einfahrt zur Nordschleife versuchen junge Typen ihre Fotohandys in Position zu bringen. Doch Schuhbauer fackelt nicht lange, gibt Gas. Sekunden später ist der XF mit dem 416 PS starken V8-Motor auf über 200 km/h. Die Knipser haben sicher nur verwischte Bilder machen können. Die Sechsgangautomatik schaltet geschmeidig, aber dennoch sportlich. Schuhbauer fährt hart, treibt den 1,7-Tonner mit sicherer Hand durch das Kurvengeschlängel. Bricht der Wagen aus? Schlagen die Federn durch? Wippt das Auto merkwürdig? Nichts von alledem. Und das Handling? Prima. Lassen sich die Bremsen gut dosieren? Alles bestens. Der Nürburgring ist für Profitester ein Traum. 300 Höhenmeter Unterschied. Die Gefällestrecke runter Richtung Breidscheid ist gut für die Kühlung des Motors, aber eine extreme Belastung für die Bremsen. Die Bergaufpassage zur Hohen Acht bringt in der Sommerhitze das Motoröl zum Kochen, lässt jedoch die Bremsen verschnaufen.

Auch für die Steifigkeitsprüfung der Karosserie bietet die Nordschleife ideale Bedingungen. Da kommt sozusagen jeder einzelne Schweißpunkt ins Schwitzen. Genauso wie die 25 verschiedenen Stahl-Güteklassen des Jaguar XF beweisen müssen, dass sie brutalen Verwindungsversuchen standhalten. Am Ende der Entwicklung hat der XF allein zum Punkt Steifigkeit 8000 Kilometer auf dem Nürburgring abgespult. "Wenn’s irgendwo knistert im Gebälk, dann hier", sagt Schuhbauer. 2. Juli 2007: Eher im Schritttempo geht es durch einen englischen Garten in der Nähe von London. Jaguar lässt seinen XF einen Kieselweg entlangrollen. Ein paar Journalisten sind Zeugen dieser Vorführung. Keine schwarzen Folien, keine Schaumstoffpolster verunzieren das Coupé. Die Tarnung ist ab. Die Reaktionen sind indes verhalten. Besonders die Front sorgt für Verblüffung. Das typische Jaguar- Gesicht mit den traditionellen Doppelscheinwerfern zeigt sie nicht. Chefdesigner Ian Callum, der schon die größeren Modelle XJ und den XK gezeichnet hat, spricht von "partieller Heritage", also Designdetails, die Jaguar schon früher prägten. So hätte schon der alte XJ von 1968 einen ähnlich tief eingesenkten Grill getragen.

Fehlt da nicht der Jaguar-Appeal?

Richtig ist wohl, dass Jaguar mit der neuen Katze einen großen Sprung in die Moderne macht. Sicher auch, dass Callum eine gut proportionierte, viertürige Sportlimousine (4,96 Meter) mit schnörkellosem Design gelungen ist. Aber dieser Kühler? Fehlt da nicht der Jaguar-Appeal? Die Gefahr, dass Callum mit seiner Lösung Nostalgiker vergraulen könnte, sieht er nicht. "Mir war es wichtiger, Begierde übers neue Design zu wecken", sagt er. Innen gibt es keine Einwände. Alles sehr wohnlich. Nicht überladen, keine Gimmicks, pur und clean, versehen mit edlen Materialien: Leder, Holz, Aluminium. Dazu leuchtende Schalter im Design des Motorola-Handys "Razr" und Instrumente in phosphorisierendem Blau. Zum Einschalten des Innenlichts reicht eine leichte Berührung der Leuchte mit dem Finger. Nach dem gleichen Prinzip öffnet sich das Handschuhfach. Vorn wie hinten sitzt man kommod - auch das Golfbesteck hat Platz im 500 Liter großen Kofferraum. Aber das Wichtigste an dem Wagnis XF ist eine bestimmte Hoffnung der 500 Ingenieure und aller anderen Mitarbeiter, die an dem Projekt beteiligt waren. Der künftige Kunde soll beim Anblick des neuen Jaguars von dessen Aura fasziniert sein und das Gefühl verspüren, ihn augenblicklich haben zu wollen. Im Marketingkauderwelsch heißt dies "Must-have-Faktor".

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