Porsche Boxster Der Testosteron-Hengst


Am Rande der Präsentation des neuen Porsche Boxsters gab Vorstandboss Wiedeking Lösungen zur weltweiten Finanzkrise zum Besten. Zum Beispiel diese hier: "Die Leute sollen endlich wieder unsere Autos kaufen." Richtig, den neuen Boxster will man sofort haben.
Von Klaus Bellstedt, Palermo

Wendelin Wiedeking stammt aus dem Sauerland, der Vorstandsboss der Ferry Porsche AG ist ein bodenständiger Mann, den Pragmatismus prägt. Und so sitzt er da bei der Vorstellung der neuen Modellgeneration des Porsche Boxters auf dem Podium in einer Hotel-Lounge irgendwo auf Sizilien und erklärt den andächtig lauschenden Zuhörern den Weg aus der Finanzkrise, die ja auch eine Krise der Autoindustrie ist.

Ein, zwei Sätze, mehr braucht Wiedeking dafür nicht. Nein, nein, allein wegen Barrack Obama rechne er nicht mit einer Trendwende zum Guten. Einzig und allein die Banken seien jetzt gefordert, die müssten sich endlich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, so Wiedeking. "Die Finanzhäuser müssen wieder in der Lage sein, Kredite zu vergeben, damit sich die Menschen auch unsere Autos kaufen können", so klingt Weltpolitik aus Zuffenhausen.

Nun, von wem also wird der neue Porsche Boxter wohl gekauft?

Nochmal Wiedeking: "Der Sportwagen soll vor allem jüngere Kunden ansprechen - erfolgreiche Führungskräfte und aufstrebende Spezialisten, die bereits in relativ jungen Jahren über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen und die ihren sozialen Status wie auch ihren individuelle, sportlich-aktiven Lebensstil durch den Erwerb eines entsprechenden sportlichen Fahrzeugs dokumentieren wollen."

Klingt irgendwie nicht so, als hätte es die aktuelle Generation potenzieller Boxster-Käufer nötig, sich den Roadster auf Pump über Bankkredite zu besorgen. Die neue Wirtschaftselite sollte das Geld doch im Säckel haben. Fazit: Die Kreditvergabe an Boxter-Liebhaber allein wird den Turnaround kaum beschleunigen. Cayenne, der 911, oder auch der nagelneue Panamera, der im Mai der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird, schlagen da im Zweifel mehr zu Buche - auf beiden Seiten.

Selbst wenn andere Porsche-Reihen einen höheren Anteil am Gesamtabsatz der Schwaben haben

, in diesen verregneten Januartagen auf Sizilien wird man bei Wendelin Wiedeking irgendwie das Gefühl nicht los, dass der neue Boxster möglicherweise einmal zum Lieblingspferd in den Zuffenhausener Stallungen avancieren könnte. Und das hat gute Gründe.

Wie der von uns im sizilianischen Dauerregen getestete neue Boxster S die überfluteten Straßen durchpflügt, das hat schon was. Der Grip ist trotz der widrigen Bedingungen optimal, natürlich auch dank ESP. Aber es ist vor allem der neu entwickelte Sechszylinder-Boxermotor mit 3,4 Liter Hubraum im Boxster S, der den Sportwagen wie auf Schienen dahin gleiten lässt. Der Sechszylinder im Boxster S entwickelt mit Benzin-Direkteinspritzung 15 PS mehr als bisher und kommt jetzt auf satte 310 PS (228 kW) bei 6.400/min.

Ein weiteres Pfund mit dem der Boxster wuchert

, ist das neu entwickelte Porsche Doppelungsgetriebe - kurz PDK. Wenn man den Hengst wirklich mal von der Leine lässt, dann galoppiert der Boxster S dank PDK in 5,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100, der Boxster mit dem Basistriebwerk erledigt den Sprint immerhin auch noch in 5,8 Sekunden. Trotzdem verbrauchen die Roadster dabei weniger Treibstoff je 100 Kilometer als bisher: 8,9 Liter beim Boxster und 9,2 Liter (nach EU4) beim S-Modell - jeweils mit PDK.

Auch äußerlich tritt der neue Boxster verdammt selbstbewusst auf: Die größer dimensionierten Lufteinlässe prägen das Erscheinungsbild und unterstreichen die hohe Performance der neuen Modelle. Je zwei in die äußeren Lufteinlässe integrierte Querstege sind beim Boxster in Wagenfarbei ausgeführt. Beim Boxster S sind diese schwarz abgesetzt.

Über den seitlichen Lufteinlässen befinden sich jetzt horizontal angeordnete LED-Positionleuchten und Nebelscheinwerfer.

Die Blinker sind in die neuen Halogenhauptscheinwerfer integriert, die mit ihrer Zwei-Tuben-Optik übrigens stark an den Carrera GT erinnern. Optional für beide Modelle stehen neue Bi-Xenon-Scheinwerfer mit Tagfahrleuchten, dynamischen Kurvenlicht, Scheinwerfer-Reinigungsanlage und automatischer Leuchtweitenregulierung zur Wahl.

Zurück auf die Straße: Den vorerst letzten Kick erfährt der Fahrer durch das Drücken der "Sport Plus"-Taste. Das ist pures zusätzliches Testosteron für den Hengst. Die Zaubertaste aktiviert bei den Modellen mit PDK die so genannte "Launch Control": Auf Knopfdruck bietet sich dem Fahrzeuglenker eine betont sportliche Abstimmung weiterer Fahrzeugsysteme wie der Motorsteuerung und des Fahrwerks. Auch nett: Dank "Launch Control" verbessert sich der Beschleunigungswert von null auf 100 km/h um jeweils 0,2 Sekunden.

Wir haben auf Sizilien mal die Probe aufs Exempel gemacht - in einem Tunnel.

Die elektronisch geregelte bestmögliche Anfahrtsbeschleunigung, ausgelöst durch das Drücken der "Sport Plus"-Taste, ist enorm, man wird förmlich in den Sitz gedrückt und ringt um Atem. Dazu der Boxster typische Sound aus den ovalen mittigen Doppelrohren, da macht Autofahren mal wieder richtig Spaß.

"Die Geiz ist Geil-Nummer führt irgendwann zum Tode", heißt eine volkswirtschaftliche Weisheit, die Porsche-Boss Wiedeking auf Sizilien am Rande der Boxster-Präsentation von sich gibt. Wenn Porsche-Fahrer geizen, dann aber auf hohem Niveau. Der neue Boxster S liegt inklusive Mehrwert-Steuer und länderspezifischer Ausstattung bei 55.781 Euro. Den kleinen Bruder mit dem 2,9-Liter-Basismotor gibt's schon für 46.142 Euro. Geiz ist ungeil, nicht wahr Wendelin?


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