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Praxistest: Chevrolet HHR 2.4 LT: Al Capone läßt schön grüßen

Inmitten all der Modelle aus Korea ist der HHR der einzige echte Ami, den Chevrolet in Europa anbietet. Und er sieht nicht nur so aus - er fährt sich auch so. Leider. Denn eigentlich mag man ihn lieber mögen.

Chevys HHR kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder. Denn dafür gibt es viele Gründe. Sein Designer zum Beispiel. Der hat schon für die Konkurrenz von Chrysler den PT Cruiser entworfen, der seit einigen Jahren auch in Europa Achtungserfolge einheimst. Danach ging Bryan Nesbitt (so heißt er wirklich) zu Chevrolet und baute fast das gleiche Auto noch einmal.

Oder - zweites Beispiel: tief sitzende Kindheitserinnerungen. Egal, wo man in den alten US-Fernsehserien auch hinsah: Überall rollten Autos durchs schwarz-weiße Bild, die so ähnlich aussahen wie der "Äitsch Äitsch Aar" - mal fuhren sie Lassie zum Tierarzt, mal Heuballen zu Fury und ein anderes mal den Sheriff zur nächsten Schießerei. An das tatsächliche Original werden sich die wenigsten erinnern - der 1949er Suburban brachte es naturgemäß nur in ganz wenig Exemplaren auf Europas Straßen. Dafür allerdings zum "Dienstwagen" von Al Capone.

Chevrolet setzt mit den HHR also auf die Retro-Welle, die uns neben dem PT auch schon den New Beetle, den Mini oder den Fiat 500 beschert hat. Autos, die wir irgendwie lieben, weil ihre Formensprache uns tief, tief in die Seele gebrannt ist. Gleich nebenan vom Kindchen-Schema. So wie der HHR sieht in unserer Psyche "Das Auto" aus.

Die ausgeprägte Motorhaube, die bauchigen Radkästen vorne mit den darin integrierten Scheinwerfern, die steilen Seiten und die Türen mit den verchromten Griffen, die fast schon vergessenen Trittleisten, und das steile Heck - der HHR wirkt wie eine in Blech gepresste Kinderzeichnung von einem Auto. Und soweit durchaus liebenswert.

Leider aber ist er nicht nur außen retro - er bringt auch eine ganze Reihe von Macken aus der Jugendzeit des Automobils mit über den großen Teich, die man den modernen Autos über viele Jahre erst mühsam angewöhnt hat. Denn "retro" kommt man sich mit ihm auch im Alltag vor.

Das fängt schon an, bevor man einsteigt. Wenn man die Einkaufstüten hinten im Laderaum deponieren will. Die Heckklappe schwingt nur bis zum rechten Winkel auf - zu niedrig bei einem nur 1,6 Meter hohen Auto, als dass ein normal gewachsener Mitteleuropäer unverkrümmt darunter stehen könnte.

Den Laderaum selbst haben die Amerikaner zwar mit 430 bis 1550 Litern Fassungsvermögen recht üppig, aber auch durchaus gewöhnungsbedürftig ausgestattet. Ein Rollo zum Abdecken gibt es nicht. Nur einen dicken aber leichten Plastikboden über dem Reserverad, den man herausnehmen und in zwei Höhen im Laderaum fixieren kann. Das hat zwar den Vorteil, dass sich der Raum horizontal praktisch teilen lässt - ist aber im Alltag ziemlich umständlich. Und wenn man den Boden am Boden lässt, überlegt man sich doppelt, was man beim Parken hinten liegen lässt. Denn obwohl die Heckfenster dunkel eingefärbt sind: Mit ein paar leichten Verrenkungen findet man Einblick.

Blinker in Stereo

Der Einstieg durch die weit öffnenden Türen ist bequem - auch, wenn der Wagen tiefer ist, als er auf allen Fotos wirkt. Das Platzangebot in dem immerhin fast 4,5 Meter langen Ami ist sehr ordentlich - die Kopffreiheit ist auch für Große üppig und selbst bei ganz zurück geschobenem Vordersitz fühlt man sich in der hinteren Reihe nicht beengt. Dass dennoch immer wieder mal ein Gefühl der Enge auftritt, liegt am System Retro: Die hohe Gürtellinie und die relativ steile Frontscheibe lassen nur kleine Fensterflächen zu. Entsprechend eingeschränkt ist die Sicht durch diese Luken, vor allem nach hinten.

Retro schön und gut - aber an Teilen der Bedieninstrumente ist die ergonomische Entwicklung der letzten 60 Jahre doch etwas zu heftig vorbei gerauscht. Gut: Tacho und Drehzahlmesser sind auf alt, aber schön gemacht mit Chromring und weißem Zeiger. Und auch das Standard-CD-Radio aus dem Zuliefererregal sind noch ganz ok. Aber wie lieblos Chevrolet mit den Knöpfen etwa für die Fensterheber umgeht, ist schon erstaunlich: Nächtens unbeleuchtet und so tief in der Mittelkonsole reingeklatscht, dass man sich schon bücken muss, um sich hinter dem Gangwahlhebel zu ihnen durch zu fummeln.

Viele nette Überraschungen gibt es auch, wenn man mit dem HHR auf Strecke geht. Dass das Relais für die Blinker sowohl vorne wie auch heckwärts in Stereo klickt, mag nur irritierend sein - jenseits von Tempo 130 vernimmt man es ohnehin kaum noch. Denn spätestens dann vermischen sich der Krach des Motors und der heftig an Frontscheibe, Glasschiebedach und Radioantenne zerrende Wind zu einem beeindruckenden Crescendo. Nur wenn man den Sichtschutz vor das Glasdach zieht, wird der Raumklang etwas ruhiger. Der HHR ist kein Auto für flotte Fahrer.

Amerikanische Gelassenheit

Dafür sorgt nicht nur die Geräuschkulisse. Auf dem Papier leistet der einzig verfügbare 2,4-Liter-Benzinmotor zwar noch durchaus akzeptable Werte. 125 kW/170 PS und ein Drehmoment von 224 Nm klingen gut. Und auch die versprochene Beschleunigung von 9,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h macht erst einmal einen zumindest ordentlichen Eindruck. Aber spätestens die für 170 PS doch recht bescheidene Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h macht stutzig. Das kann ja nicht allein der wenig windschlüpfrigen Kastenform geschuldet sein.

Ist es auch nicht. Wer Gas gibt, der merkt das sehr schnell. Oder besser: sehr langsam. Zwar dreht der Motor je nach Pedal-Kick hörbar mit - es kommt nur erst mal fast nichts bei den Antriebsrädern vorne an. Wie ein Unterhosengummi dehnt die 4-Stufen-Automatik jeden Beschleunigungsimpuls und gibt ihn nur gemächlich weiter.

Entsprechend lange dauert es auch, bis man auf der Autobahn auf Tempo 180 ist. Aber schon nach den ersten Metern schlechter Zufahrtsstraßen ist man nicht sauer darum - viel mehr würde das Fahrwerk so wohl auch gar nicht verkraften. Es ist zwar bequem und doch europäisch straff abgestimmt - poltert aber bei jeder größeren Fuge so missmutig vor sich hin wie Dr. House, wenn ihm ein Patient nicht passt.

Wer mit amerikanischer Gelassenheit über Europas Straßen gleiten will, ohne Hektik und schnelle Spurts, wer nicht in einem Einheitsauto und mit viel Platz unterwegs sein will, dafür auch lieber einmal mehr aufs Überholen verzichtet - für den ist der HHR durchaus eine Alternative. Für 22.990 Euro bekommt er dann ein fast schon komplett ausgestattetes Auto. Und die 1200 Euro Aufpreis für die nervtötend mühsame und Benzin schluckende Automatik sollte man sich eh ersparen und lieber bei der serienmäßigen 5-Gang-Handschaltung bleiben. Die einzige wirkliche Alternative, die man in Sachen US-Retro hat, ist nur der PT Cruiser. Der ist allerdings selbst als Diesel noch 1700 Euro preiswerter.

Jürgen Wolff / pressinform / PRESSINFORM
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