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Probefahrten Nissan: Weich-Ei

"Komfagil - modtro - simpelligent." Klingt sinnfrei, ist aber Werbung. "Sprechen Sie Micra?", wird man seit einiger Zeit in Werbespots von einem überdimensionalen Kussmund gefragt. Nein, sprechen nicht. Aber fahren. Wir waren mit dem Nissan Micra unterwegs.

"Komfagil - modtro - simpelligent." Klingt sinnfrei, ist aber Werbung. "Sprechen Sie Micra?", wird man seit einiger Zeit in Werbespots von einem überdimensionalen Kussmund gefragt. Nein, sprechen nicht. Aber fahren. Wir waren mit dem Nissan Micra unterwegs.

Einem Kleinwagen runde Formen mit auf den Weg zu geben, war noch nie ein Fehler. Ford Ka und Renault Twingo haben es mit einem ähnlichen Design zu Bestsellern geschafft. Vom Ur-Ei VW Käfer ganz zu schweigen. An derartigen Bestsellern wollen sich die Nissan-Designer aber gar nicht orientiert haben. "Wir wollten, dass der Micra ein freundliches Auto wird", formulierte Nissan-Designer Christopher Reitz bei der Präsentation seines jüngsten Sprosses. Mission gelungen.

Kann der Micra mit Polo, Fiesta und Co. mithalten?

Beschützerinstinkt

Mit seinen weit aufgerissenen Scheinwerfer-Augen und der tief heruntergezogenen Motorhaube weckt der Micra Mutter- oder Beschützerinstinkt. Ganz nach Geschlecht des Betrachters. Sympathiepunkte auch für einfache, aber intelligente Lösungen. Um beim Einparken einschätzen zu können, wo der kleine Knubbel denn nun aufhört, wurden die Micra-Scheinwerfer durch einen kleinen Höcker erweitert. Diese "Peil-Pickel" sind beim Rangieren ideal einzusehen und helfen bei der Einparkerei. Andere Hersteller lösen so etwas mit teuren Sensoren und aufwendiger Elektronik.

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Raum durch Radstand

"Und da soll ich reinpassen?" Wer als ausgewachsener Homo sapiens neben dem Micra steht, kann durchaus um seine angebrachte Unterbringung fürchten. Im Vergleich zum ebenfalls nicht ausufernd großen Vorgänger musste der aktuelle Micra drei Zentimeter Länge opfern. Bei einer Gesamtlänge von 3,7 Metern ist das schon ein beachtliches Stück. Entwarnung für alle Erbsenzähler: im Gegenzug legte der Radstand der Minis um satte sieben Zentimeter zu.

Weiches Gestühl

Das bringt, im Zusammenspiel mit der ausgeprägten Kuppelform des Daches, richtig viel Platz im Innenraum. Kopf, Schultern und Schenkel sind weit genug von Dachhimmel, Türverkleidung und Mittelkonsole entfernt, um tatsächlich bequem unterzukommen. Dazu tragen, zumindest auf den ersten Blick, auch die Sitze bei. Sitzfläche und Rückenlehne sind ausreichend dimensioniert, die Einstellwege üppig. Was man leider nicht von der Polsterung des Gestühls sagen kann. Selbst schmächtige Passagiere kommen auf holprigen Straßen in Kontakt mit dem Sitzrahmen, was zunächst irritierend und, je nach Straßenzustand, auch schmerzhaft ist.

Schickes Cockpit

Immerhin hat man immer was zu gucken. Das Micra-Interieur kann sich wirklich sehen lassen. Wo man wegen des unorthodoxen Äußeren zunächst Schlimmstes wittert, überrascht der kleine Nissan mit einem erstaunlich aufgeräumten und doch attraktiven Cockpit. Schick, die zwei Farben des Armaturenbretts und Schalter im Elfenbein-Look. Clever, der kleine Haken auf der Beifahrer-Seite für Einkaufstaschen, das ausziehbare Tablett im Handschuhfach und das Geheimfach unter dem Beifahrersitz. Ist man allerdings gezwungen, den schönen Schein auch zu benutzen, ändert sich das Bild. Dann wird klar, dass die zum Look passenden, hochwertigen Materialien dem Kostendruck zum Opfer fielen. So richtig gut fühlt sich keine der Oberflächen an. Hinzu kommen nervige Klapper- und Knarzgeräusche, die man nicht verschweigen sollte.

Nissan Micra 1.2

Motor

Vierzylinder-Benzinmotor

Hubraum

1.240 cm³

Leistung

80 PS / 59 kW

Länge/Breite/Höhe

3.715/ 1.660/ 1.540 Millimeter

Bremsen

Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten, ABS, EBD

Getriebe

Fünfgang-Schaltgetriebe

Höchstgeschw.

167 km/h

0-100 km/h

13,9 Sekunden

Durchschnittsverbr.

5,9 Liter (Werksangabe)

Grundpreis

11.300 Euro

Neue Motoren

Und unter der Haube? Da hat die designerische Freiheit bekanntlich ihre Grenzen. Dennoch muss sich der frische Micra nicht mit altem Eisen herumplagen. Gleich drei Vierzylinder-Triebwerke (65, 80 und 88 PS) wurden für Kleinwagen neu entwickelt, ein Common-Rail-Turbodiesel von Partner Renault folgt im September. Damit kann der kleine Nissan locker mit der Konkurrenz mithalten.

Flotter Sauger

Von 80 PS getrieben, war unser Teswagen gut zu Fuß. Vor allem während kleiner Überhol-Sprints und langen Anstiegen sind die zusätzlichen Pferdestärken eine echte Hilfe. Der kleine Sauger hängt gut am Gas und dreht locker leicht aus dem Drehzahlkeller. Richtig voran geht es ob des geringen Hubraums jedoch erst jenseits der 3.000 Umdrehungen. Wen chronisch hohe Drehzahlen und ein heiseres Motor-Röcheln nicht stören, kann damit aber prima leben. Zumal man bei gezähmtem Gasfußeinsatz nicht oft bei der Tankstelle vorbeischauen muss. 6,3 Liter auf 100 Kilometer im Testbetrieb - damit können auch Kleinwagen-Fahrer prima leben.

Obwohl unser Testwagen auf der Autobahn deutlich mehr als die 167 werksseitig angegebenen Stundenkilometer drauf hatte, tragen Langstrecken im Micra nur bedingt zur allgemeinen Erheiterung bei. Das cityweiche Fahrwerk schluckt harte Bodenwellen nur widerwillig und bei höheren Geschwindigkeiten legt sich der Fahrtwind lautstark mit den Fahrzeugrundungen an. Hinzu kommen die viel zu weichen Sitze, die in schnell gefahrenen Kurven ähnlich viel Seitenhalt bieten wie eine Parkbank.

Intelligenter Schlüssel

Wer will, darf sich gegen Aufpreis ein echtes Oberklassen-Extra an Bord holen. Ein "intelligenter Schlüssel" ver- und entriegelt den kleinen Flitzer, sobald man sich seinem Micra nähert oder sich von ihm entfernt. Gestartet wird dann über einen Drehschalter an der Lenksäule.

Fazit

Es wird enger im Konzert der Kleinwagen. Mit dem neuen Micra rückt Nissan den altgedienten Bestsellern deutlich auf die Pelle. Das verspielte Design täuscht über die wahren Qualitäten des kleinen Japaners hinweg. Drehfreudige Motoren, ein gelungenes Interieur, jede Menge clevere Ideen und der günstige Preis (Ab 10.800 Euro) sprechen für den Micra. Warum allerdings Verarbeitungsmängel und billige Materialien dieses Bild trüben müssen, werden wir wohl nie erfahren.

Jochen Knecht
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