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Range Rover Evoque SD4: Am seidenen Faden

So ein Erfolgsmodell wie den Evoque hat es für Land Rover noch nicht gegeben. Eine Tour auf der abenteuerlichen Seidenstraße zeigt, dass der schicke Brite nicht nur etwas für die City ist - ganz im Gegenteil.

Jeder kennt sie - die Sondermodelle der Autohersteller. Oft dünn ausgestattet und mit ein paar mehr oder wenigen sinnvolles Extras versehen, um den Käufer in den Verkaufsraum zu locken. Land Rover geht bei seinem Bestseller Range Rover Evoque einen völlig anderen weg. Das Sondermodell mit dem wenig handlichen Namen Evoque Seidenstraße hat eben auf dieser Route bewiesen, was es kann - und ist entsprechend ausgestattet. Geländereifen, Unterfahrschutz und ein rustikaler Gepäckträger lassen einen von der 16.000 Kilometer langen Tour von Berlin nach Mumbai träumen, die eine kleine Schar von Erkundungsmodellen gerade erfolgreich hinter sich gebracht hat. Die weiße Lackierung in Verbindung mit den bunten Seidenstraßen-Beklebungen ist Geschmacksache - doch auch ohne großen Aufwand zu entfernen. Was dann bleibt, ist ein kompakter Geländewagen, der einem nicht nur wortreich vorgaukeln will, mehr zu sein, als ein SUV.

Für den Antrieb im 4,37 Meter langen Range Rover Evoque SD4 sorgt ein 2,2 Liter großer Commonrail-Diesel mit 140 kW / 190 PS und einem maximalen Drehmoment von 420 Nm. Gekoppelt ist der Topdiesel ab November mit einer neuen Neunstufen-Automatik aus dem Hause ZF. Ein nennenswertes Turboloch kann der drehmomentstarke Vierzylinder nicht verhehlen. Wer auf der kurvigen Landstraße zwischen Pokhara nach Tansen im nepalesischen Bergland die zahllosen Lastwagen und Kleinbusse überholen will, sollte daher den nötigen Mut in die Waagschale werfen und sich vorher für den Sportmodus entscheiden. Sonst wird jeder Überholvorgang zum reinsten Glücksspiel. Doch auch im Sportmodus könnte die Schaltung weicher arbeiten sich die neun Gänge schneller finden. Beim Serienmodell will Land Rover jedoch noch nacharbeiten. Auf der Seidenstraßentour waren alles Vorserienmodelle unterwegs.

Das Evoque-Leergewicht von bereits stattlichen 1,7 Tonnen wird bei dem Expeditionsfahrzeug durch Ersatzreifen, medizinische Ausstattung, große Reisetaschen und zwei 20-Liter-Ersatzkanister nennenswert nach oben geschraubt. Gut unterwegs ist man trotzdem, wenn gleich der Wunsch nach einem kraftvollen Sechszylinder-Diesel nicht nur im nepalesisch-indischen Grenzgebiet aufkommt. Normalerweise ist Land Rover auf seinen im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Expeditionen, die bereits nach Namibia, Peru und Malaysia führten, in den rustikaleren Konzernmodellen Discovery oder gar Defender unterwegs. "Diesmal haben wir uns bewusst für den Evoque entscheiden", erklärt Tour-Organisator Dag Rogge, "wir wollten auf dieser schweren Reise zeigen, dass der Evoque ein echter Offroader ist. Wir hatten mit den Evoques nirgendwo Probleme - weder in der Wüste noch im Himalaya."

Etwas mehr Wumms könnte der Range Rover Evoque schon wegen seines sportlichen Äußeren vertragen. Doch Hersteller Land Rover will den Abstand zum ganz frischen Range Rover Sport, der mit sechs und Vierzylindern zwischen 250 und über 500 PS zu bekommen ist, nicht zu klein werden lassen. Unbeladen sind 195 km/h Spitze auf deutschen Autobahnen in dieser Klasse einfach zu wenig. Der Spurt 0 auf Tempo 100 in unter neun Sekunden geht ebenso deutlich mehr in Ordnung wie der Normverbrauch, der bei sechs Litern Diesel liegen soll.

Mit dem zusätzlichen Gewicht, den Geländereifen, schwerem Untergrund und dem aerodynamisch wenig günstigen Gepäckornat auf dem Dach lag der Durchschnittsverbrauch des Seidenstraßenmodells im Bergland zwischen 12 und 15 Litern Diesel. Im realen Alltag erscheinen acht bis neun Liter realistisch. Beeindruckender als das Getriebe und der Allradantrieb, der seine Motorleistung bisweilen nur mit Verzögerung an die Hinterachse schickt, sind jedoch Lenkung und besonders die Fahrwerksabstimmung. So tief die Schlaglöcher auch sein mögen und so zerborsten die Piste in Richtung Delhi auch ist: der Range Rover Evoque federt Stöße, Schläge und Fahrbahnlücken weg, als wäre er zwei Klassen höher unterwegs. Angenehm zudem die geringen Nick- und Wankbewegungen der Karosserie - trotz opulentem Aufbau.

Fieser Crash beim Driften

Im Innenraum gibt es wertige Materialien, ein gutes Platzangebot und Schalter, die einem keine Rätsel aufgeben. Die Expeditionsfahrzeuge waren mit belederten Basissitzen ausgestattet. Etwas mehr Verstellmöglichkeiten, Beinauflage und Seitenhalt würden bei anstrengenden Ganztagesetappen allemal erfreuen. Das alles andere als überzeugende Navigationssystem im Evoque hatte dagegen ein paar Tage Pause. Hier machte das Offroad-Navigationssystem zwischen Kathmandu und Delhi einen allemal ordentlichen Eindruck. Das muss der Interessent des Range Rover Evoque Sondermodells Seidenstraße vor seiner nächsten Tour ebenso dazukaufen wie die grandiosen LED-Fernscheinwerfer auf dem Dach, die nicht nur kleine Ortschaften nach Sonnenuntergang mit dem Aufgehen einer neuen, überaus mobilen Sonne erfreuten. Der Basispreis für den Range Rover Evoque Pure mit 150 PS und einem wenig standesgemäßen Frontantrieb liegt bei 33.400 Euro. An sich führt am mindestens 40.430 Euro teuren Evoque SD4 mit Allradantrieb und Automatikgetriebe kein Weg vorbei. Mit entsprechender Komfortausstattung ist die 50.000-Euro-Grenze schnell durchbrochen und mit der kompletten Staffage sind selbst 60.000 Euro locker zu packen. Das Sondermodell Seidenstraße bietet das meiste der sinnvollen Expeditions-Ausstattung, hat jedoch den Nachteil im Modelljahr 2013 produziert zu sein und verzichtet daher auf die Neunstufenautomatik, die erst der 2014er bietet. So müssen für einen Preis von knapp 54.000 Euro die bisherigen sechs Gänge reichen. Wem das zu viel ist, darf auch erst einmal schnuppern. Im März nächsten Jahres startet die Land Rover Experience Tour in anderer Richtung zurück von Mumbai bis Berlin - zu Preisen ab 2.600 Euro.

Press-Inform / pressinform

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