Spielzeugautos Heiße Räder


Von wegen Spielzeugautos! Hot Wheels, die größte Automarke der Welt, feiert im Jahr 2008 ihren 40. Geburtstag. stern.de-Autor Helmut Werb nahm das zum Anlass, um ein wenig zu spielen.
Von Helmut Werb

"Nennen Sie es auf keinen Fall ein Spielzeugauto", flüstert mir fast flehentlich Dick Messer zu, immerhin Direktor des Petersen Automuseums in Los Angeles. Solch frevlerisches Zeug käme mir nie in den Sinn, denn das Ausstellungsstück, ein feuerroter Renner, präsentiert wie ein kostbares Juwel auf purpurnem Samt unter edler Kristallhaube, stellt einen beträchtlichen finanziellen Gegenwert dar, und mit einem Spielzeug hat eben dieser Hot Wheels "Twin Mill" in etwa soviel gemein wie sein Nachbau mit automobilistischer Wirklichkeit: ein mit zwei gewaltigen V8-Kompressormotoren befeuerter "Twin Mill Fantasy Racer", den kürzlich ein gewisser Bryan Hladek in Lebensgröße auf der Ausstellung "Dream Machines" des renommierten Pasadena Design Centers präsentierte.

Tja, ein wenig spinnert muss man schon sein, wenn man ein - na sagen wir mal - richtiges Auto einem Spielzeug, ooops, einem Modellauto nachbaut anstatt umgekehrt. Aber die Uhren ticken sowieso anders im Hot Wheels-Universum, jenem ur-amerikanischem Phänomen, das seit genau vierzig Jahren den Kindern im Alter von acht bis achtzig ihren wohlverdienten Schlaf - und das Taschengeld - raubt. Man sollte es nicht glauben, aber der Welt größter Automobilhersteller ist weder der japanische Riese Toyota, noch der der US-Konzern General Motors. Hot Wheels, die Tochterfirma des amerikanischen Spielzeugherstellers Mattel, verkaufte seit 1968 über drei Milliarden Modellautos an Kinder und Erwachsene (allein im Jahr 2006 sechzig Millionen), 800 Modelle mit insgesamt 11.000 Varianten, rasende "collector’s items", geliebt und gesammelt von weltweit 41 Millionen Männern mit vorwiegend glasigen Augen und einem leicht aus dem Gleichgewicht geratenen Sozialleben.

Keine Chance für Barbie

Der durchschnittliche Hot Wheels Collector hat exakte 1550 Modelle in seiner Sammlung, erfährt man, die jährlichen Hot Wheels-Conventions in Kalifornien ziehen hunderttausende Besucher an, und einige der bekannten Hot Wheels-Sammlungen sind mehre Millionen Dollar wert - Zahlen, mit denen Barbie-Puppen nicht mithalten können, und die der internationalen Automobilindustrie die Tränen des Neids in die Augen treiben.

Hit aus der Garage

Angefangen hat alles - wie in den USA ja durchaus üblich - in der Garage des Mattel-Firmengründer Elliott Handler, der seinen Enkelkindern endlich mal anständige Spielzeugautos bauen wollte und dabei auf eine veritable Marktlücke stieß. Die Cars des damaligen Marktführers, die britischen Matchbox Toys, fand Handler langweilig, zerbrechlich, vor allem aber viel zu langsam. Kurzerhand kaufte er eine Metall-Gusswerkstatt in Kalifornien und begann im Jahr 1968 - gegen den Widerstand seiner eigenen Mattel-Manager! - mit der Produktion seiner Hot Wheels, regelrechte Renner, die auf plastikgelagerten Achsen über die Teppiche amerikanischer Kinderzimmer sausen sollten. Für die rechte Stimmung sorgten dabei ein ehemaliger Marine-Ingenieur, der bei der US-Navy Raketen entwickelt hatte, und Harry Bradley, ein Autodesigner und Hot Rod-Fan, den der umtriebige Handler von Chevrolet holte und der dann auch prompt einen "Custom Camaro" als erstes Hot Wheels-Modell auf den Markt brachte.

Fantasy Modelle, flitzige Radlager und kultige Paintjobs

Sechzehn Modelle stellte Hot Wheels im ersten Jahr vor, eines davon, der "Beatnik Bandit", designt von Ed "Big Daddy" Roth, jenem legendären Auto-Aufmotzer der kalifornischen Subkultur in den 60er Jahren. Nur ein Jahr später waren Hot Wheels schon der große Renner auf dem Spielzeugmarkt - sowohl die Cars, als auch die dazugehörigen Rennbahnen, deren elektrische Beschleuniger den Modellen Spitzengeschwindigkeiten von maßtabsberechneten 300 KaEmmHa ermöglichten. Fantasy Modelle, flitzige Radlager, kultige Paintjobs und für die Toys erstaunliche gute Fahreigenschaften (zum Teil mittels recht anständig funktionierender Federungen) waren das Geheimnis des Hot Wheels-Erfolges.

Mattel-Designer wie Larry Wood und Ira Gilford wurden zu Legenden, Gilfords Design des "Twin Mill" aus dem Jahr 1969 wurde zum regelrechten Markstein der Modellauto-Geschichte: das erste ausschließlich für Mattel entwickelte Auto-Design. Im Jahr 2001 wurde der "Twin Mill" dann als fahrbares "Project Car" im Maßstab 1:1 nachgebaut und tourt seitdem die Car Shows in den USA. Der Erfolg war ansteckend. Unter anderem schlossen Ferrari, Ford und Chevrolet Verträge mit Mattel, um ihre Fahrzeuge als Hot Wheels verewigen zu lassen. Fanzines wie das populäre Hot Rod Magazin oder die Leitung der US-Rennserie NASCAR gaben sich Mattels Klinken in die Hand, um sich an die Beliebtheit der Hot Wheels anzuhängen.

72.000 Dollar für ein Modellauto

Dick Messer will mir den Wert des "Twin Mill" Modells nicht verraten, dem Highlight der (in der Zwischenzeit vorübergehend geschlossenen) Hot Wheels Ausstellung im Petersen Museum. Zehntausend Dollar, rate ich, eine Zahl, die nur ein ironisches Lächeln auf Dicks Gesicht zaubert. Zwanzigtausend? Vor sieben Jahren, sagt Dick Messer, hätte ein gewisser Bruce Pascal 72.000 Dollar für einen pink-farbenes, "Volkswagen Beach Bomb Rear Loader" genanntes Hot Wheel-Modell gezahlt, von dem nur noch 25 Stück existieren sollen. Das sei bisher der höchste Preis gewesen, der je für ein Hot Wheels Modell erzielt worden sei. Bis dato. Da ginge schon noch was, murmelt der Kurator, und streicht fast zärtlich über die Kristallkugel über dem "Twin Mill".


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