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Mazda MX-5: Kühler Platz im warmen Bruder

Was sagt die Wahl eines Autos über die sexuelle Orientierung seines Fahrers aus? Bei einem Mazda MX-5 offenbar sehr viel, wie stern.de-Redakteur Jens Maier am eigenen Leib erfahren hat.

"Der Wagen sieht total schwul aus." Das ist der erste Kommentar meines Beifahrers und der Dank dafür, dass ich Oliver extra von zu Hause abgeholt hatte. Okay, die knallrote Lackierung des kleinen Testwagens ist etwas zu grell geraten, "kardinalrot" nennt Mazda die Farbe, die eher zu einer Bonbonschachtel als zu einem Sportwagen passt. Und ja, der MX-5 hat es schwer sein Image als "Hausfrauenporsche" und "Sekretärinnenschleuder" abzulegen. Aber was bitte sieht an dem Wagen "schwul" aus? Ein Auto kann nicht schwuler oder heterosexueller sein als ein Staubsauger oder ein Fahrrad. Trotzdem hat sich unter Autofahrern die Meinung eingebürgert, dass manche Autos eine Aussage über ihre Fahrer treffen. Einem Kerl in einem dicken Geländewagen mit verchromten Auspuff-Rohren würde man wohl nachsagen, er sei ein Macho. Einem in einem tiefer gelegten Golf GTI, er sei ein Proll und einem in einem knallroten, offenen Mazda MX-5 am ehesten, er sei schwul. Autos transportieren ein bestimmtes Image. Und das des MX-5 strahlt bei Männern aus: Besonders feminin, was unweigerlich auf seine Fahrer abfärbt.

ACDC statt Barbra Streisand

Dabei zeigt der kleine japanische Roadster schon auf der Autobahn, dass er durchaus Macho-Qualitäten hat: Der solide 1,8-Liter-Vierzylindermotor mit 126 PS als Basismotorisierung ist zwar kein Beschleunigungswunder, bringt es aber immerhin auf 200 Stundenkilometer spitze. Statt Musik von Barbra Streisand sollte dann aber ACDC aus den Radio-Lautsprechern dröhnen - anders sind die lauten Fahrgeräusche kaum zu übertönen. Das straffe Sport-Fahrwerk gibt jede Bodenwelle unsanft an die Fahrgäste weiter, auf der Autobahn eher unbequem, garantiert das aber Spaß auf kurvigen Landstraßen. Überhaupt ist der MX-5 eher ein Cruiser als ein Sprinter, dank seiner knackigen Schaltung kann er aber auch im Stadtverkehr flott bewegt werden.

Wenn nicht gerade mal wieder Stop-and-Go angesagt ist. Wie auf der "Langen Reihe", eine Straße im Hamburger Szene-Viertel Sankt Georg und die schwule Meile der Hansestadt. Unser knallroter MX-5 ist allerdings der einzige, der sich langsam im Stadtverkehr voran schiebt. Auch am Straßenrand kein einziges Mazda-Modell zu sehen, wo doch hier - glaubt man Oliver - ganze Kohorten des MX-5 anzutreffen sein müssten. Einzig auffällig ist die erhöhte Cabriolet-Dichte. Trotz des kalten Oktoberwetters kommen uns zahlreiche offene Lifestyle-Mobile entgegen, deren Fahrer uns durch die dunklen Gucci- und Prada-Sonnenbrillen nicht mal eines Blickes würdigen.

Qual der Wahl beim Dach-Aufbau

Das könnte allerdings auch am neuen Kunststoff-Dach des MX-5 liegen, das den sonst eher auffälligen Zweisitzer in geschlossenem Zustand in ein unauffälliges Coupe verwandelt. Dem Trend der Zeit folgend, bietet Mazda wahlweise zum Stoff- gegen 1750 Euro Aufpreis auch ein neues Kunststoff-Dach an. Anders als bei anderen Hardtop-Cabrios à la Peugeot 307 benötigt es in gefaltetem Zustand allerdings kaum Platz und erfordert deshalb keine Kompromisse beim Heck-Design. Es faltet sich hinter die Sitze in jene Lücke, in der sonst das Stoffverdeck verschwindet. Das Kofferraumvolumen von 150 Liter blieb unangetastet. Zwölf Sekunden dauert die Verwandlung vom Coupé zum Cabriolet, ein Handgriff zur Verdeckverriegelung genügt, den Rest erledigen Elektromotoren.

Das Öffnungs-Manöver beschert uns allerdings keine neugierigen Blicke. Teilnahmslos rühren Café-Besucher weiter in ihren Latte Macchiatos, statt uns und unserem MX-5 ein bisschen Beachtung zu schenken. Die gilt offenbar ganz und gar einem Mini Cooper Cabriolet, viel mehr dessem Fahrer, der rhythmisch zu Britney Spears Skandal-Song "Gimme More" mitwippt. Das gleiche Auto fährt Oliver übrigens auch. Dieses Mal enthält er sich aber jeden Kommentars. Über die sexuelle Orientierung eines Fahrers sagt ein Auto eben doch wenig aus. Und das ist auch gut so.

Jens Maier
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