Werder Bremen Kühler Kopf nur auf dem Platz


Die Pflichtaufgabe im Uefa-Cup hat Werder Bremen mit spielerischer Leichtigkeit gelöst. Dank eines 2:2 beim französischen Abstiegskandidaten AS Saint-Etienne sind die Hanseaten fürs Viertelfinale qualifiziert. Disqualifiziert haben sich die Bremer Fans, die mit Leuchtspurmunition auf französischen Anhänger schossen.
Von Frank Hellmann, St. Etienne

Es ist nicht davon auszugehen, dass die Wirrköpfe, die im Namen Werder Bremens mit nach Südfrankreich gereist waren, wussten, dass die Stadt Saint-Etienne einst für ihre Waffenproduktion berühmt war. Bereits im 15. Jahrhundert waren hier Handwerker mit der Herstellung von Schusswaffen beschäftigt, in beiden Weltkriegen spielte die Stadt mit seiner Montanindustrie eine bedeutende Rolle bei der Versorgung der französischen Armee mit Waffen und Munition. Das entschuldigt nicht, dass einige Bremer Chaoten während des Uefa-Cup-Spiels des SV Werder beim AS St. Etienne (2:2) im Stade Geoffroy-Guichard teilweise kriegsähnliche Zustände ausriefen.

Mehrere Dutzend Randalierer ließen es - unbehelligt von Ordnungskräften und Polizei – vor allem nach den beiden Führungstoren der Grün-Weißen im wahrsten Sinne des Wortes krachen. Höhepunkt der Böller- und Leuchtmunition-Orgie: eine direkte Raketenattacke auf französische Fans. Der europäische Fußballverband Uefa reagiert bekanntlich allergisch auf solchen Unfug: Es wird eine wohl fünfstellige Geldstrafe geben, im Wiederholungsfall droht sogar eine Platzsperre. Der vorläufige neue Bremer Boss Klaus Allofs fand denn auch deutliche Worte: "Wir schämen uns für solche Aktionen. Das kostet Werder sehr viel Geld. Dafür habe ich absolut kein Verständnis. Wir versuchen, die Schuldigen ausfindig zu machen."

"Solche Aktionen verderben viel"

Das gelang noch in der Nacht zu Donnerstag der französischen Polizei: Sie machte drei Personen ausfindig und nahm diese fest. "Sie dürfen St. Etienne nicht vor Freitag verlassen", teilte Werders Mediendirektor Tino Polster mit. Sicher ist, dass die Chaoten mit Stadionverboten belegt werden. Werders Anhängerschaft, zuletzt sogar noch vom DFB wegen seiner Prävention in Sachen Rassismus ausgezeichnet, schaffte es tatsächlich, einen an sich positiven Auftritt zu entwerten. Allofs räumte ein: "Solche Aktionen verderben viel."

Und sie trübten sogar den Blick der Spieler aufs Erreichte. "Ich habe ein bisschen durchschnaufen müssen, wenn man so zugenebelt wird", gestand Abwehrchef Per Mertesacker, den der beißende Gestank im Stadion zu schaffen gemacht hatte. "Weniger Rauch und dafür mehr Gesänge", wünscht sich der Nationalspieler. Merkwürdig nur, dass sich immerhin sieben Bremer Profis noch bei den Fans nach Schlusspfiff für die "super Unterstützung" (Torsten Frings) bedankten. Allerdings räumte auch der Wortführer ein, "dass sich so etwas wie mit der Rakete nicht gehört".

Partie schnell mit kühlem Kopf entschieden

Zumal der bremische Auftritt in der krisengeschüttelten Hauptstadt des Département Loire, eigentlich früh jeden Zündstoff in dem stimmungsvollen, aber nie feindseligen Hexenkessel im Keim erstickt hatte. Nach sechs Minuten wuchtete Sebastian Prödl den Ball nach Ecke von Torsten Frings unbedrängt ins Tor, nach 28 Minuten köpfte Claudio Pizarro nach Maßflanke von Mesut Özil das zweite Werder-Tor. Inklusive des Hinspielresultats (1:0) stand es also 3:0 für die Gäste. Das zweite Duell war mit kühlem Kopf entschieden, ehe es sportlich hitzig werden konnte.

"Wir haben das Spiel immer im Griff gehabt, erst am Ende sind wir nachlässig geworden", resümierte Frings zufrieden. "Wir waren vom ersten Moment an gut in der Partie. Mit dem Toreschießen kann man nicht früh genug anfangen, sonst ist das Spiel vorbei und man hat es vergessen", analysierte Trainer Thomas Schaaf. "Danach haben wir uns das Leben unnötig schwer gemacht. Man geht im Kopf dann einen Schritt zurück – es war nicht geplant, dass wir zweite Halbzeit so tief zurückgehen." So kam, was kommen musste: Die auf diesem Niveau nur zweitklassigen Franzosen – in der heimischen Ligue 1 zudem mitten im Abstiegskampf – witterten noch ihre Chance und schafften durch Yohan Benalouane (64.) und Sebastien Grax in der Nachspielzeit noch den schmeichelhaften Ausgleich. Was Allofs, einst in Frankreich als Profi beschäftigt, ziemlich wurmte: "Ich hätte lieber gewonnen, lieber die zweite Halbzeit souveräner gestaltet und lieber keine Gelben Karten kassiert."

Froh war der neue Bremer Boss, der vom zurückgetretenen Jürgen L. Born vorläufig das Vorstandsamt übernommen hat, dass die Mannschaft sportlich Schritt für Schritt voran kommt. Offensichtlich ist man sich nach diversen Streitereien und Egotrips der Hinrunde in der Rückrunde auch menschlich näher gekommen, wie Pizarro verriet. „In der Mannschaft hat sich viel verbessert, das Verständnis ist sehr viel besser geworden“, verriet der Torjäger. Der stimmungsfördernde Aufwärtstrend soll auch am Samstag bei Borussia Dortmund in der Bundesliga anhalten. "Da haben wir noch Nachholbedarf. Mit einer Serie können wir noch weit nach oben kommen", gibt Allofs die Parole für den Ligazehnten aus.

Bloß nicht wieder gegen die Hamburger

Seit sieben Pflichtspielen ist Werder mittlerweile ungeschlagen, steht im Halbfinale des DFB-Pokals (beim Hamburger SV) und im Viertelfinale des Uefa-Cups, das am Freitag um 13 Uhr in Nyon ausgelost wird. Sofern sich heute der HSV bei Galatasaray Istanbul (20.30 Uhr/live im stern.de-Ticker) qualifiziert, wünscht sich Allofs kein innerdeutsches Duell, "sonst spielen wir ja nur noch gegen die Hamburger". In dieser Sache ist man sich beim Bundesligisten von der Weser etwas uneins. Denn genau das Nordderby ist der erklärte Wunsch Per Mertesackers. Die Begründung des Hünen: "Dann sparen wir uns viele Stunden Reisen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker