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Daimler-Thinktank CASE: "Klassische Produktzyklen dauern heute zu lange"

Die Automobilindustrie befindet sich in einer gigantischen Umwälzung. Elektroantriebe und vernetzte, autonome Fahrzeuge werden die Mobilität drastisch verändern. Axel Harries, Chef des Daimler-Thinktanks CASE, einer neuen Geschäftseinheit, erklärt seine Vision der Zukunft im Interview.


Daimler-Chef Zetsche zeigt das Forschungsfahrzeug F 015 auf der CES in Las Vegas.

Daimler-Chef Zetsche zeigt das Forschungsfahrzeug F 015 auf der CES in Las Vegas.

Kürzlich hat Daimler nicht nur ein Elektroauto präsentiert, sondern eine völlig neue Marke angekündigt, EQ. Intern hat der Konzern eine neue Struktur geformt: CASE. Das Kürzel steht für Connected, Autonomous, Shared & Services und Electric Drive. 

Wohin geht jetzt die Reise bei Mercedes-Benz?

Wir erfahren einen Transformationsprozess, der schon begonnen hat. Glücklicherweise können wir das ganze Thema aus einer Position der Stärke heraus starten. Wir hatten das beste Jahr der Geschichte, wobei wir allerdings verstehen müssen, dass das, was vor uns liegt, von uns allein nicht getrieben werden kann. Wir müssen uns öffnen für ein neues System, das für uns zumindest teilweise bislang fremd ist. Wir brauchen eine ganz andere Art von Partnerschaften und Kooperationen. Wir wiederum bringen ja nicht nur Mercedes-Benz Cars mit zu dieser Party, sondern wir sind ja ein Vollsortimenter mit Vans und Trucks und Bussen. 

Inklusive Smart und Carsharing wie Car2Go bieten Sie jetzt schon eine enorme Bandbreite. 

Gerade wenn man beispielsweise an moderne Mobilitätskonzepte für Ballungsräume herangeht, dann kann man sich vorstellen, einer Stadt so ein Nahverkehrskonzept aus einer Hand anzubieten und dieses mit den neuen Technologien entsprechend zu verknüpfen. 

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

Und Ihre neue Organisation namens CASE – was ist das genau? 

CASE ist bewusst als eigenständige Organisation gedacht. Wir können wie ein Startup agieren. Und wir haben die finanziellen Mittel, was natürlich auch die Verpflichtung darstellt, Ergebnisse zu liefern. Und gleichzeitig sind wir innerhalb des Konzerns so verknüpft, das wir auf das gigantische Knowhow, das es darin gibt, jederzeit zugreifen können. 

Wenn man alle aktuellen Entwicklungen im Auge behalten muss, besteht da nicht die Gefahr, sich zu verzetteln?

Das kann natürlich nicht einer alleine. Deshalb muss der Ansatz schon sein, dass CASE eine große Division darstellt. Und deshalb haben wir uns auch entschieden, die Entwicklungsteams, beispielsweise für autonome Fahrzeuge, genau dort zu belassen, wo sie jetzt sind. Denn die arbeiten ja nicht an einem Thema für einen Zeitpunkt in der Zukunft, sondern die Ergebnisse fließen ja jetzt schon in unsere Fahrzeuge ein. Wir merken aktuell in diesem dynamischen Umfeld leider auch, dass klassische Produktentstehungszyklen noch zu lange dauern. Wir müssen insbesondere bei Elektrofahrzeugen schneller werden. 

Wieso müssen Sie schneller werden? Weil Tesla Ihnen bei der Geschwindigkeit die lange Nase zeigt? Lautet Ihr Rezept nicht mehr, alle sicherheitsrelevanten Themen gründlich abzusichern? 

Die Software-updates über Nacht, wie sie auch bei einem Smartphone vorkommen, werden bald zur Normalität. Dennoch darf der Mercedes-Benz-Kunde natürlich zu Recht erwarten, dass dies in einem gesicherten Umfeld passiert. Und das sind die Herausforderungen, die wir so bisher nicht hatten.

Viele Smartphone-Kunden empfinden die permanenten Updates aber auch als lästig. Ist es nicht so, dass mit der neuesten Softwareversion ein Fehler der vorherigen ausgebügelt werden soll? Gleichzeitig besteht permanent der Verdacht, dass damit wieder irgendein neuer Fehler aufgespielt wird...

Trotzdem denke ich, dass diese Dynamisierung auch vor dem Automobil nicht Halt macht. Und wir müssen sicherstellen, dass der Kunde die Möglichkeiten, die er zu Hause oder sonstwo hat, auch im Fahrzeug wiederfindet. 

Inwiefern stellen solche neuen Felder wie autonom und elektrisch fahrende Fahrzeuge eine Marke wie Mercedes-Benz auf die Probe? Wenn sich der Kunde eben nicht mehr mit einem  Zwölfzylinder identifizieren kann oder mit einem extrem langlebigen Diesel, sondern mit einer austauschbaren Technik konfrontiert ist, die auch Tesla bietet, eine Marke ohne jede Historie.

Wir dürfen natürlich unsere Kernwerte nicht verlassen: Komfort, Sicherheit und Zuverlässigkeit werden, um nur drei Beispiele zu nennen, auch in Zukunft Bestand haben. Die neuen Technologien, die wir ins Fahrzeug bringen, werden natürlich entsprechend abgesichert sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Kunden als Versuchskaninchen Beta-Versionen fahren lassen. Das ist nicht Mercedes-Benz. Auf der anderen Seite werden wir dem Thema Rechnung tragen müssen, dass die Linie zwischen Fahrzeug besitzen, Fahrzeug teilen und Fahrzeug temporär nutzen total verschwimmen wird. Das sind genau diese Transformationsmodelle, die wir mit CASE überlegen. Damit wir morgen auch noch am Start sind.

Stoßen Sie nicht auch auf Widerstand, beispielsweise von dem Ingenieur, der Verbrennungsmotoren entwickelt und der das morgen nicht mehr kann? Der Angst um seinen Job hat?

Es wird natürlich durch neue Geschäftsmodelle zur Kannibalisierung von bestehenden kommen. Das ist aber gewollt, denn nichts zu tun, ist keine Option. Andererseits bekommen wir aus der Organisation extrem positive Rückmeldung. Die Leute wollen mitmachen. Und es ist ja nicht so, dass das eine das andere Morgen ersetzt. Das wird ja ein fließender Übergang. Verbrennungsmotoren wird es noch eine lange Zeit geben, auch wenn ich glaube, dass es mit der Elektrifizierung ziemlich rasch gehen wird.

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