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Essen und Tanken an Russlands Federalna-Magistral: Jenseits des ADAC-Raststätten-Tests

Tanken und Essen an Russlands Ost-West-Tangente hat so gar nichts mit westlicher Rastplatz-Kultur gemein. Die Speisen sind gewöhnungsbedürftig und die Sitten rau, aber zumeist herzlich.

Das helle Holzhäuschen lässt sofort Gedanken an Quentin Tarantinos frühes Meisterwerk "From Dusk till Dawn" aufkeimen. Nur, dass die Kneipe nicht in Mexiko steht, sondern an der Federalna Magistral, der Ost-West-Tangente Russlands, die Vladivostok mit Moskau verbindet. Genauer gesagt: zwischen Birobidzhan und Blagoveschensk, nur 50 Kilometer von China entfernt. Die Kneipenwirtin ist auch keine Selma Hayek in der Rolle eine Vampirin, die George Clooney mit einem erotischen Tanz bezirzt, sondern eher das Modell russische Siebenkämpferin. Die blonde Endzwanzigerin hat eher maskulinen Gesichtszüge, unter ihrem schwarzen T-Shirt, das mit Strasssteinen besetzt ist, zeichnen sich weibliche Rundungen und das eine odere andere Pfund zu viel ab. Die orange-blonde Mähne wird durch den schwarzen Haaransatz relativiert und den linken Oberarm ziert ein nachlässig gestochenes Tattoo eines undefinierbaren Tieres, das auf der Haut schwarze Kratzspuren hinterlassen hat.

So rau das Äußerliche, so einfach und herzlich sind die Sitten und der Umgang der Herrscherin des Tresens. Das Essen stand dem in nichts nach. Natürlich rumpelt Svetlana, so der Name unserer Heldin, zunächst mit einem Tablet voll Borschtsch an. Jener russischen Suppe, deren Basis rote Beete ist und die so sättigt, wie eine halbe Packung Kartoffelchips. Wer will, kann sich auch eine durchaus genießbare Rinderbrühe mit Fleisch und Kartoffel ordern. Als Hauptgang gab es Reis mit Fleisch oder drei Pelmeni. Eine Art riesiger russischer Tortellini mit Fleischfüllung. Das Getränk? Brotrunk. Versteht sich. Schmeckt etwa so wie bitteres Malzbier. Der Preis für dieses Opulente Mahl? Knapp zehn Euro. Für Moskauer Verhältnisse ein Klacks. Hier in der Mitte von nirgendwo durchaus eine Ansage.

So einfach das Essen. So rustikal das Ambiente. Links und rechts stehen Einfach Holzbänke mit einem Pressspann-Tisch. An der Seite steht ein verschlissenes Sofa mit Kunstlederbezug, der seine besseren Zeiten auch schon hinter sich hat. Das Zentrum des Raumes bildet ein Waschbecken, an dem sich gerade ein 100-Kilo-Plus-Koloss den nacktem Überkörper wäscht. Wie sich herausstellt, ist das der Fahrer des DAF-Trucks, der vor der Tür parkt. Dimitri, freut sich über die anderen Gesten und erzählt, dass diese Gaststätten eine beliebte Anlaufstelle für seinesgleichen sind. Über unter dem Dreiecksdach gibt es sogar zwei Zimmer, in denen die Kapitäne der Landstraße sich ausruhen können. Dass die Toilette im Holzverschlag abseits des Haupthauses ein besserer Donnerbalken mit Loch im Boden ist, wen stört\'s.

Diese Autobahn-Gaststätten, die Russen entweder Zabegalovka (Slang: kleine Hütte an der Straße) oder weiter westlich Road Café nennen, säumen die russischen Autobahnen, wie Perlen an einer Kette. Nimmt man einen ADAC-Raststätten-Test als Maßstab, gäbe es für die meisten dieser Wirtshäuser maximal eine Vier-Minus. Doch hier in Putins östlichen Hinterhof sind diese Etablissements oft die einzige Möglichkeit, etwas auszuspannen und zu regenerieren. Nicht nur für die LKW-Fahrer, sondern auch für die Autofahrer die vom östlichen Sibirien Richtung Moskau oder umgekehrt, reisen. Hat man sich einmal an diese Anlaufstellen gewöhnt, erschließt sich auch der durchaus vorhandene Charme. Von den simplen Holzverandas gibt es bisweilen einen atemberaubenden Blick auf die Taiga oder Steppe im Osten Russlands, der nichts selten von dem Zügen der transsibirischen Eisenbahn garniert wird.

Was das Essen für den Magen und die hygienischen Umstände für das Empfinden, ist das Tanken für jeden modernen Automobil-Motor. Dass bei den Inhabern der alten Ladas, Toyotas oder Hondas das Wort "Direkteinspritzung" eher den Gedanken an eine feuchtfröhliche Wodka-Nacht hervorruft, zeigt, dass das Nachfüllen von Treibstoff im Osten Russlands eine Herausforderung für die Motor-Ingenieure ist. Die Qualität des Treibstoffs variiert doch sehr stark. Nicht immer sind 95 Oktan oder gar 98 Oktan vorhanden, Und wenn, dann stimmt die Tatsächliche Wertigkeit der Kohlestoffketten nicht immer mit dem angegebenen Wert überein. Jeder Fahrer, der ein modernes Automobil in dieser Gegend bewegt, singt bei jedem Tankvorgang ein Loblied auf die Erfindung des Klopfsensors. Das nächste Kapitel, das die Hüter des heiligen Kraftstoff-Grals die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt, ist die Sauberkeit der Kraftstoff-Behälter. Wenn einer der Uralt-LKWs den Vorrat einer Tankstelle wieder auffüllt, geht erstmal eine Stunde gar nichts mehr. "Erst muss sich der Sprit setzen", lautet die lapidare Erklärung des Tankwarts Anatoli Diwerdiow. Im Klartext: Erst muss sich der organische und sonstige Schmutz am Boden des Behälters sammeln, dann geht es mit der Ausgabe des Benzins weiter. Jetzt müsste ein Hoch auf den Benzinfilter folgen. Aber das lassen wir dann doch lieber.

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