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Mille Miglia Argentina Kein Messer zwischen den Zähnen


Oldtimer-Fans suchen immer den besonderen Kick, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Wer genug hat von dem Asphalt-Tanz, der in Europa stattfindet, sollte sich bei der Mille Miglia Argentina anmelden.

Der Fahrer der 1969er Ford Mustang hat ziemlich viel Dusel. Als er in einer Kurve nahe der Ortschaft Villa la Angostura von der Strecke kreiselt, fällt er 1,80 Meter tief und "trifft" genau eine Dränage, die die Abwärtsbewegung stoppt. Damit nicht genug. Er landet auf allen vier Rädern und überschlägt sich nicht. Der Schaden ist mit einer gebrochenen Achse auch überschaubar. Nach einer Nacht- und Nebel-Reparatur sind Mensch und Maschine zwei Tage später wieder wohlauf und beenden die 25. Ausgabe der Mille Miglia Argentina.

Naturromantiker mögen die Oldtimer-Rallye durch das spätfrühlingshafte Pantagonien mit einem verklärten Blick als eine entspannte Herrenfahrt abtun, doch diese Episode zeigt, dass im Hochland, nahe der Anden, jede Aktion am Lenkrad wohl überlegt sein will. Schließlich reißen die 140 Teilnehmer in den drei Tagen rund 1.300 Kilometer herunter. Das ist schon in modernen Autos eine Leistung, in Young- und Oldtimern ist es ein beinhartes Erlebnis. Um die Zeitvorgaben zu schaffen, wird auf freier Bahn gebolzt, was die Räder und die zumeist großvolumigen Motoren hergeben.

Die Straßen und die Landschaft sind der Traum eines jeden Postkarten-Motivsuchers. Pittoreske Asphalt-Bänder schlängeln sich durch die immer wieder wechselnden Landschaften Patagoniens. Einmal schimmert der weißgezuckerte Vulkan Lanin 5.000 Meter-mächtig im Hintergrund der schroffen Felswände, um wenig später von Büschen, Steppengras oder den wunderschön gelb blühenden Retama-Büschen Platz zu machen. Als wenn das nicht genug wäre, glänzen noch die vielen kristallklaren Seen mit ihren türkisblauen Fluten im gleißenden Sonnenlicht. Einer davon ist der Nahuel Huapi nahe des Edel-Wintersportortes Bariloche. Die Naturvielfalt raubt selbst den eingefleischtesten Lenkrad-Artisten den Atem. Südlich des 42. Breitengrades direkt an der Grenze zwischen Argentinien und Chile ist die Natur noch unverfälscht.

Nur die Straßen, die sich auf 1.000 Meter über null an den Hügeln entlangschmiegen, erinnern an den Homo Sapiens. Doch die Menschen in ihren donnernden Kisten genießen jeden Meter dieser außergewöhnlichen Wettfahrt. Nicht immer ist volle Attacke mit dem Messer zwischen den Zähnen angesagt. "Die Mille Miglia Argentina ist kein Abklatsch des italienischen Originals. Wir sind verrückt im positiven Sinne. Bei allem Ehrgeiz muss auch Zeit für ein Picknick am Straßenrand sein," erklärt Manuel Elicabe, der Präsident des "Club de Automóviles Sport", der die Oldtimer Rallye veranstaltet. "Das macht hier weit mehr Spaß als die italienische Mille Miglia", ergänzt Eduardo Verado, der einen Ferrari 360 GTC durch das argentinische Hochland steuert.

Die Stimmung ist gleichermaßen entspannt wie freundlich. Stephane Connery, Stiefsohn des grandiosen Schauspielers, verfährt sich mit seinem Zuffenhausener Sportwagen, nur um die ihm arglos folgenden Lemminge wieder auf die richtige Strecke zu führen. Der zweifache Le-Mans-Sieger Andre Lotterer steuert einen Audi Sportquattro 859 aus dem Jahr 1982 und zieht das Ding trotz Reifenschadens durch. Genauso, wie der fünfmalige Gewinner der Rallye Dakar auf einem Motorrad Cyril Despres in einem Wanderer W 25K Roadster aus dem Jahr 1937.

Wo die europäische Version unablässig mit Hochgeschwindigkeit durch Städte ballert, lotst die argentinische Mille die Teilnehmer mit ihren teilweise extrem wertvollen Klassikern schon einmal auf staubige Schotterstraßen, durch die Hippie-Hochburg El Bolson oder zu einer Kartbahn, auf der enge Kurven eine Sonderprüfung zur echten Herausforderung machen. Ein anderes Mal geht es kreuz und quer durch eine Kaserne, wo eine Militär-Blaskapelle stramme Weisen intoniert und den Teilnehmern so einen akustischen Ohrenschmaus verpasst. Doch bei aller Entspanntheit, ist das sportliche Niveau extrem hoch. Zu den Teilnehmern gehört der Argentinier Juan Tonconogy, der dieses Jahr die italienische Mille Miglia gewonnen hat. Insgesamt 90 Wertungsprüfungen, bei denen es darauf ankommt, eine gewisse Distanz in einer vorgegeben Zeit zu absolvieren, stehen auf dem Programm. Selbst eine Abweichung von durchschnittlich 0,34 Sekunden reicht nur zum 71. Platz bei 143 Teilnehmern. Was für Italien recht ist, ist für Argentinien nur billig: Der Lokalheroe Tonconogy gewinnt auch die zweite Mille Miglia des Jahres.

Optisch gibt es ebenfalls einiges zu bewundern. In einem exklusiven Polo-Club - so viel Noblesse muss auch in Südargentinien sein - trainiert das Polo-Team auf den edlen Rössern. Immer wieder stehen Menschen am Straßenrand und winken der vierrädrigen Karawane zu. Beim Zieleinlauf ist der Marktplatz von Bariloche rappelvoll. "I love this car" strahlt ein junger Anden-Gaucho, der mit seinem Smartfphone einen BMW 2000 CS photographiert. Aber auch die anderen automobilen Preziosen können sich sehen lassen: ein Straker Squire ist ebenso dabei, wie ein Salmson GSS oder ein Bentley 4 ½. Doch das Gros der abenteuerlustigen Piloten sitzt am Steuer von Youngtimern. Ganz hoch im Kurs stehen Porsche 911 aus den 70ern oder Mercdes-Benz SL aus dem gleichen Zeitraum.

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