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Simplex American La France Type 45: Automobile Heldensaga

Das Feuerwehrauto American La France mit der Chassis-Nummer 2276 blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Das Auto von Richard Gebert ist etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil es gewaltig aussieht, sich wie ein Trecker anhört und fast 100 Jahre alt ist. Der Simplex American La France Type 45 mit der Chassis-Nummer 2276 ist ein Gewinner. Genauer gesagt der Gewinner der Fahrzeugklasse Veteran Car Club für Autos bis 1920 bei der 12.000 Kilometer langen Rallye Peking - Paris im Jahr 2007. Und das, obwohl der auf fast einem Meter großen Rädern rollende Wagen im eigentlichen Sinne ein Feuerwehrauto ist - und unmittelbar zuvor die 4.000 Kilometer lange Rallye Hong Kong - Peking absolvierte. Doch der Reihe nach.

Nach seiner Fertigstellung als Feuerwehrauto im Dezember 1918 brachte ihn ein Zug zur Johns Town Feuerwache in Pennsylvania. Seinen ersten Tag als frischgebackener Firefighter bestritt er am Freitag, den 28. Februar 1919. Dreißig Jahre lang transportierte er die hart arbeitenden Feuerwehrleute zum Brandherd und wieder zurück zur Wache. Dann ist lange nichts bekannt über den Großstadthelden. Bis zu jenem Tag im Jahr 1995, an dem er auf einem amerikanischen Schrottplatz gefunden wurde. Ganz offensichtlich durchlief er in der Zeit bis dahin jedoch eine grundlegende Veränderung. Er wurde vom Feuerwehrauto zum Sportwagen, einem Speedster Spezial. Doch warum sollte jemand so etwas machen? Gerüchten zufolge sollen die in einer gewissen Regelmäßigkeit und Konsequenz durchgeführten Verwandlungen auf einer Marketingstrategie beruhen. Denn wenn die Welt sieht, wie schnell ein auf einem Feuerwehrauto basierender American La France-Sportwagen, kurz ALF-Speedster, fahren kann, dann kann das doch nur gut für den Feuerwehrauto-Umsatz sein.

Ohne Frage, das Potenzial bringt ein ALF von Geburt an mit. 14,5 Liter Hubraum, sechs Zylinder, drei Gänge und 150 PS muten bereits auf dem Papier äußerst sportlich an. "Wer mutig ist, schafft sogar Tempo 150", verrät Richard Gebert. Angesichts der sowohl bei zu hoher Feuchtigkeit als auch bei zu hoher Trockenheit stark leidenden Eichenholzspeichenräder inklusive Felgenring aus Esche wird auf derlei Geschwindigkeitsfahrten der Gesundheit zuliebe verzichtet. Zudem waren zum damaligen Zeitraum solche Tempi hauptsächlich den Flugzeugen vorbehalten.

Eine Besonderheit des mit einer 63 Kilogramm schweren Schwungscheibe ausgestatteten Motors mit der Nummer 4373B ist die Anzahl der Zündkerzen. Denn da ein ALF ab Werk über eine doppelte Zündanlage verfügt, bekam jeder Zylinder drei Zündkerzen. Ein Magneto erzeugt selbsterregend ein Magnetfeld, von dem aus pro Zylinder zwei Zündkerzen befeuert werden. Die herkömmliche Verteiler-Zündanlage ist für die andere Zündkerze verantwortlich. Vom Lenkrad aus können die Zündzeitpunkte eingestellt werden und sogar entschieden werden, ob mit einer oder beiden Zündanlagen gefahren wird. Dass diese Maßnahme für eine signifikante Kraftstoffreduzierung des im fahrbereiten Zustand 3,5 Tonnen schweren Amerikaners sorgt, ist bei einem Durchschnittsverbrauch von bis zu 45 Liter auf 100 Kilometern nicht zu glauben. Dank des 200 Liter Benzin fassenden Treibstofftanks ist zumindest eine mit heutigen Autos vergleichbare Reichweite zu realisieren. Völlig von Flüssigkeiten befreit wiegt er "nur" 2,7 Tonnen.

Nachdem der auf der Straße so manch einem unbezahlbaren Oldtimer die Show stehlende 4,80 Meter lange und 1,80 Meter breite Sportwagen 1995 vom amerikanischen Schrottplatz nach Großbritannien verschifft worden war, begann der Wiederaufbau. Chassis, Motor und Getriebe wurden grunderneuert. Zwei Jahre später bekam er seinen noch heute geltenden und den Kühlergrill zierenden Namen The Beastie verpasst. Sieben Jahre später, im Juli 2005 kauften zwei Einwohner Hong Kongs, der aus Zell an der Mosel stammende Kurt Schneider und sein Duisburger Kollege Ralf Weiss, das Auto und schifften es nach Deutschland, um es dort weiter zu restaurieren und rallyetauglich zu machen. Denn die beiden Mitfünfziger hatten vor die 100. Oldtimerrallye Hong Kong - Peking zu fahren. Für dieses Vorhaben flogen sie The Beastie im Frühjahr 2007 in die damalige britische Kronkolonie ein.

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Am 25. März 2007 fiel der Startschuss der Rallye nahe des Hafens Hung Hom in Tsim Sha Tsui East - 98 Tage später wurde Hong Kong an China zurückgegeben. Im Vorfeld der 4.000 Kilometer langen Fahrt an der Ostküste bis hin zur Hauptstadt Chinas überkamen die beiden zwar des Öfteren Zweifel an ihrem Vorhaben: "Je näher wir der Rallye kommen, desto mehr denken wir, was für eine bescheuerte Idee das ist". Am Ziel angekommen waren sie jedoch nicht den Champanger-Duschen erlegen, sondern auf dem Platz des himmlischen Friedens schlicht links abgebogen. Das nächste Ziel hieß: Paris! Und das nicht ganz zufällig. Denn kurz nachdem Ralf Weiss am 20. Januar 2005 einen Artikel über die Peking - Paris-Tour von Patrice Delsinne im 1958er Rolls-Royce Silver Cloud las, war er bereits als Starnummer 11 für das Jahr 2007 angemeldet.

"Bevor Du The Beastie fährst, musst Du dich von allem frei machen, was Du zuvor über das Fahren von modernen Fahrzeugen gelernt hast. Alles ist anders. Das Lenken ist schwergängig und das Getriebe braucht viel Feingefühl. Außerdem musst Du einen großen Sicherheitsabstand zu den Vorausfahrenden halten, da die Hinterradbremsen eine Weile fürs Verzögern brauchen", erklärt Weiss. "Natürlich gab es welche, die gesagt haben "Seid Ihr verrückt?" Aber eigentlich hat uns jeder die Tortur zugetraut. Bis auf einen: unseren Mechaniker." Das Resultat nach nochmals gefahrenen 12.000 Kilometern kann sich sehen lassen: Sieg in der Veteranenklasse für Fahrzeuge bis Baujahr 1920.

Mit diesem Tagebucheintrag versehen verbrachte The Beastie die folgenden Jahre im Museum of Science in Hong Kong. Im Januar 2010 verguckte sich der Deutsche Richard Gebert in den Feuerwehr-Sportwagen, dessen Hinterräder von je einer Kette angetrieben werden. "Nach den mindestens 16.000 gefahrenen Kilometern habe ich ihn nochmals generalüberholt. Heute ist er voll verkehrstauglich", schwärmt sein sympathischer Besitzer, der in diesem Jahr auf eigener Achse aus Prichsenstadt zum 41. Oldtimer Grand Prix in die Eifel gefahren ist. Nach all der nochmals hineingesteckten Arbeit ist das einstige Feuerwehrauto heute rund eine Viertelmillion Euro wert. Dass Reichtum einsam macht, würde ALF, wenn er denn sprechen könnte, nicht bestätigen, denn er teilt sich seine Garage mit weiteren fünf Artgenossen. Einen netten Tipp an Simplex American La France Type 45-Fans hat Richard Gebert auch noch: "Es ist das ideale Bastlerfahrzeug für Rentner, da die Schrauben ein bisschen größer sind und auch die Einspritzdüse vom Vergaser kann man noch ohne Brille erkennen."

Press-Inform / pressinform

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