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Taxis der weltweiten Zukunft: Elfenbeinturm war gestern

Die Taxiszene wird derzeit in ihren Grundfesten erschüttert. In vielen Ländern haben Uber und Didi Kuaidi den normalen Taxifahrern längst den Rang abgelaufen und auch bei den Fahrzeugen selbst bleibt kein Stein auf dem anderen. Das gilt insbesondere für die Taxi-Metropolen New York und London.

ACM City eTaxi München - ein Projekt für 2017 / 2018

ACM City eTaxi München - ein Projekt für 2017 / 2018

Waren das noch Zeiten. Ein Griff zum Telefon und nach ein paar Minuten schickte die Taxizentrale weithin vernehmbar einen elfenbeinfarbenen Mercedes 220 D vor die Haustür. Der grummelige Fahrer half mal mehr, mal weniger beim Ein- und Ausladen, reagierte mürrisch auf den Wunsch nach Kreditkartenzahlung und das war es. Längst wird das Taxi in weltweiten Metropolen mit einer App auf dem Smartphone bestellt. In vielen Ländern kommt dafür gar kein Taxi mehr, sondern ein privater Fahrdienst. In den USA hat Uber hier längst die Hosen an und in China schwingt sich der Dienst von Didi Kuaidi zu Millionen von Kundenfahrten auf. Die einstige Mercedes-Limousine wird in unseren Breiten immer mehr von ebenso geräumigen wie variablen Großraumvans abgelöst. Es gibt immer mehr Hybrid-Modelle und selbst elektrische Tesla Model S rollen mittlerweile durch Städte wie München und Hamburg. Die meisten Taxler setzen jedoch nach wie vor Dieselmotoren, die die Betriebskosten in einem erträglichen Rahmen halten sollen.

Elfenbeinturm war gestern
ACM City eTaxi München - ein Projekt für 2017 / 2018

ACM City eTaxi München - ein Projekt für 2017 / 2018

Wie lange das noch so bleibt, wird sich zeigen. Jüngst wurde von der Hochschule München ein dreisitziges Taxi der Zukunft vorgestellt, das bereits ab 2017 in einem Flottenversuch erste Testkilometer abreißen soll. Kreiert wurde das Leichtbaufahrzeug City eTaxi von einer Arbeitsgemeinschaft, der unter anderem die Fahrzeugdesigner Peter Naumann und Johann Tomforde beiwohnten. Letzterer hatte im Hause Daimler bereits der ersten Smart-Generation und den Mercedes-Kleinstwagenvorläufern mit Mercedes-Stern ein Gesicht gegeben. Das City eTaxi ist eines der Projekte, die die Bundesregierung bis zum Jahre 2018 unter dem Titel "Adaptive City Mobility" fördert. Angetrieben wird das Münchner Taxi von Übermorgen von einem 15-kW-Elektroantrieb, der von sechs austauschbaren Akkus mit einer Kapazität von 1,9 kWh gespeist wird. Maximale Reichweite: 120 km. Höchstgeschwindigkeit: autobahnuntaugliche 90 km/h. "Derzeit heißt es immer seitens der Kommunen, wir investieren noch nicht großflächig in Infrastrukturen, da ja noch niemand Elektrofahrzeuge fährt", erläutert Projektinitiator Paul Leibold, "auf der anderen Seite heißt es von den Anwendern, nein, wir kaufen uns noch kein Elektroauto, da a) zu teuer und vor allem b) es gibt ja noch keine Infrastruktur. Das ACM-Projekt bringt nun seine eigene Infrastruktur mit und funktioniert damit losgelöst von Diskussionen zu den hohen Investitionskosten der Elektromobilität."

In der Taxi-Hochburg New York ist der reine Elektroantrieb ebenfalls ein Taxi-Thema. Derzeit sind hier Tag für Tag mehr als 14.000 Taxis unterwegs. Statt der historischen Checker-Cabs poltern tausende von betagten Ford Crown Victoria Modelle über die zerborstenen Asphaltpisten von Manhattan und Brooklyn. Die Zahl der hybriden Ford Escape Taxen steigt ebenso wie die Modelle vom Typ Toyota Sienna oder Camry - ebenfalls mit Elektrounterstützung machen sie es dem vor einigen Jahren eingeführten Taxi der Zukunft aus dem Hause Nissan, ein speziell umgebauter NV200 mit kleinem Benzinmotor, schwer, sich in der Millionenmetropole durchzusetzen. In Tokio oder Hong Kong ist wenig von der Veränderung im weltweiten Taxigewerbe zu spüren. Der Toyota Crown Comfort oder der historisch anmutende Nissan Cedric dominieren im Zwei-Ton-Lack nach wie vor viele asiatische Taxistände. Design und Technik des kantigen Cedric stammt zum Beispiel noch aus den 80er Jahren. Daran ändern auch die allenthalben verbauten Fernseher oder die Häkelüberzüge für Kopfstützen und Rückenlehnen wenig. Toyota entwickelt zusammen mit der Japan Federation of Hire-Taxi Associations ein neues, besonders komfortables Taxi für Großstädte wie Tokio, das ebenfalls im kommenden Jahr in den Probebetrieb gehen soll. Rund um die japanische Hauptstadt Tokio werden Technologien zum automatisierten Fahren erprobt. Sie unterstützen die stetig wachsende Gruppe von Taxi-Fahrern, die auch ältere und Personen ausländischer Herkunft umfasst, im Alltag.

Auch in der europäischen Taxi-Metropole London ist nichts mehr so, wie es einmal war. Hier liefen die schwarzen und dunkelroten Citymobile jahrzehntelang nahezu unverändert durch die engen Gassen. Rechtliche Rahmenbedingungen sorgten dafür, dass die London Taxi Company zwar nahezu eine Monopolstellung hatte; jegliche Innovationen verschlief und 2013 allein durch die Übernahme des chinesischen Geely-Konzern vor dem Bankrott gerettet werden konnte. Im englischen Coventry sollen spätestens ab Anfang 2018 die neuen London-Taxis vom Band laufen. Im Gegensatz zu den bisherigen Modellen, soll der Designcharakter des Verkehrsmittels zwar erhalten bleiben, ein Elektroantrieb jedoch die strengen Emissionsvorschriften für die Londoner Innenstadt erfüllen. Die Neuausrichtung rief potenzielle Konkurrenten auf den Plan. Der indische Wettbewerber Frazer-Nash - bis in die 50er Jahre legendäre britische Karosserieschmiede - überholte den chinesischen Geely-Konzern mit seinem New Metrocab rechts und hat bereits eine elektrische Kleinflotte im Probebetrieb. Geely klagte gegen das ansonsten wenig in China verteufelte Taxi-Plagiat und verlor.

Der indische Geschäftsmann Kamal Siddiqi begann sich in den 1980er Jahren einen Bauchladen aus verschiedenen Autofirmen zusammenzukaufen. "Das fing vor 25 Jahren mit Gokarts an", erzählt Sohn Sheban Siddiqi. Was damals mit einer Bastelei anfing, soll heute in London für fast emissionsfreie Taxifahrten sorgen. "Wichtig ist die Skalierbarkeit", erklärt Sheban Siddiqi. Beim New Metrocab geht die Kraft der zwei bürstenlosen E-Motoren auf die Hinterachse. Ein digitales Differential, also Software, mit der die Räder einzeln angesteuert werden, hilft bei den Kurven. Schließlich ist für London Taxis ein Wendekreis von maximal 7,6 Metern vorgeschrieben. Angeblich wird der durch die Wendemöglichkeit vor dem mondänen Ritz-Hotel definiert. Das schafft das New Metrocab. Die beiden 50 kW / 68 PS-Triebwerke garantieren strammen Vortrieb; kein Wunder bei einem maximalen Drehmoment von zweimal 1.400 Newtonmetern. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 130 km/h abgeriegelt.

Trotz seiner Länge von 4,91 Metern und des Leergewichts von 1.750 Kilogramm schieben die beiden E-Motoren kräftig an. Auch das digitale Differential funktioniert: Der Personentransporter geht entspannt um die Kurven. Für einen Taxifahrer ist wichtig, was unter dem Strich in der Geldbörse bleibt. Laut Sheban Siddiqi wird das E-Metrocab seinen Betreibern mehrere tausend britische Pfund im Jahr sparen. Mit einem Durchschnittsverbrauch von 3,8 Liter auf 100 Kilometern und einer CO2-Emission von weniger als 50 g/km unterbietet das neue London Taxi seinen Vorgänger in diesem Bereich um rund 75 Prozent. Die maximale Reichweite: 644 Kilometer. Die beiden E-Motoren werden von einer 12.2-kWh-Lithium-Ionen-Batterie gespeist. Ein Dreizylinder-Benzinmotor sorgt dafür, dass der nicht der Saft ausgeht. Die Ladezeit der Batterie beträgt rund fünf Stunden. Sinnigerweise liefert Frazer-Nash die Ladestation inklusive Solarstellen gleich mit. Bei den traditionell kritischen Londonern Taxlern, kommt das neue Taxi gut an. Für James Sinclair ist "dieses Taxi ist einen riesen Schritt nach vorne". Ein anderer will sogar seine Rente verschieben, um noch einmal in den Genuss zu kommen, "The New Metrocab" zu pilotieren. Ganz entscheidend für den Erfolg des Personentransporters wird die Zuverlässigkeit der Technik sein. Die Londoner Taxifahrer sind bekannt dafür, ihr Arbeitsgerät hart ranzunehmen.

Die angestaubte Silhouette täuscht. Denn unter dem traditionell anmutenden Blechkleid steckt moderne Technik. Eine Luftfederung sorgt für Komfort und im Passagierraum herrscht keine Enge. Die Batterie befindet sich im Unterboden und der Motor so klein, dass die Motorhaube kürzer ist. Sechs Passagiere statt bisher fünf können im neuen London Taxi transportiert werden. Die haben auch mehr Platz als bisher. Selbst bei Vollbesetzung. Die vorgeschriebene Rampe für Rollstuhlfahrer ist ebenfalls installiert. Auch der Lenker hat es bequem. Ein virtuelles Cockpit versorgt ihn mit den notwendigen Daten. Im Gegensatz zu den Ambitionen der englisch-indischen Firma: Ab 2018 soll in der Londoner Innenstadt emissionsfreier Verkehr rollen. Dann will Frazer-Nash 3.000 bis 5.000 Taxis pro Jahr verkaufen. Später soll sich diese Zahl verdreifachen: Die wichtigsten Märkte sind neben Großbritannien, Asien und Australien, aber auch Frankreich und Deutschland. Mal sehen, was der Geely-Konzern darauf zu entgegnen hat. Erst einmal muss die Fabrik am Stadtrand von Coventry fertiggestellt werden.

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