62. IAA Ihr Sparerlein kommet


Mehr Grün keimte nie in Frankfurts Messehallen. Konzernlenker wollen den Planeten retten, für den Spaß sorgen Rennwagen und Chinas Invasoren sehen etwas kläglich aus. Schließlich endet alles wie gewohnt.
Von Gernot Kramper

"Komm' bloß weiter, den Scheiß sehe ich mir nicht weiter an." Design-Altmeister Colani hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Der Kollege im Admiralsjackett auch nicht: "Bin seit einer Stunde da und will nur noch weg." Alle wichtigen Ansprechpartner weggesperrt oder unter der Haube, Messeheirat mit einem PR-Aufpasser. Hauptsache die Chefinszenierungen stimmen. Teleprompter und Ghostwriter sind Ehrensache, der ganze Auftritt auf lang abgekochte Claims und mühsam einstudierte Leidenschaft hin angelegt. Neueste Errungenschaft der Botschaften aus dem Windkanal: das eigene Web-TV. Endlich kann auch der Technikvorstand einmal stundenlang vor der Kamera zu Wort kommen.

Anders geht es in Hollywood und Cannes auch nicht zu, aber - weiß Gott - Charlotte Rampling, Brad Pitt und Co. verfügen über mehr angeborenen Charme und Witz als Autobosse oder Matthias Wissmann. Der frischgebackene VDA- und IAA-Präsident fährt gern Fahrrad und hat es aber trotzdem nicht leicht. Als Politprofi ist man Prügel gewöhnt, aber in den letzten Monaten hatte es der Auto-Verbandpräsident schwerer als der Sprecher einer Untergangsregierung.

"Öko" mit aller Macht

Immerhin hat der Profi die Zeichen des Sturms erkannt und die Messe konsequent unter das Zeichen der ökologischen Erneuerung gestellt. Noch schlägt das Herz der Branche in Frankfurt, wenn auch die Messen in Asien und Amerika selbst für die deutschen Hersteller immer wichtiger werden. Um diese Bedeutung zu erhalten, musste der allgemeinen Auto-Kritik entgegengetreten werden. Klimaschutz, CO2-Werte und alternative Antriebe sind die Themenfelder, die mit einer Unzahl an Fahrzeugen, Techniken und Studien begegnet besetzt werden soll.

Die saubere Unübersichtlichkeit

Die Unzahl der Anstrengungen ist ehrenwert, macht die Sache aber nicht übersichtlicher. Hinzu kommt, dass man dem Auto von außen die guten Dinge für Mutter Erde unter der Haube nicht ansieht. Selbst echte Großtechnik wie Hybridantrieb und Brennstoffzelle bleiben unsichtbar. Biokraftstoff versteckt sich im Tank und kleine praxisreife Verbesserungen wie das den Verbrauch schonende Ersetzen von Hydrauliken durch elektrische Antriebe merkt man schon gar nicht. Eine üble Situation für eine Hinguck-Messe. Gemeistert wird sie durch Öko-Lackierung.

Allen Orten leuchtet es jetzt Weiß und Grün oder in Weiß und Blau. Das sieht frisch und ökologisch aus. Aber, ob die weiße Flotte mit den jeweiligen Öko-Logoi die Herzen in den Bann schlägt, steht dahin. Denn durchsetzen müsste sich die schlichte Zier des guten Gewissens gegen große Kaliber geballter Auto-Herrlichkeit. Lamborghinis Murcielago-Ableger Reventón sieht so verdorben, gefährlich aus, dass der Hals trocken wird. Ob Porsche 911 GT2, oder der blank geschmirgelte Bugatti Veyron Pur Sang oder der Maserati Quattroporte GTS: Sie sind der Stoff, aus dem die Autoträume gemacht sind.

"Weniger" gibt es bereits

Unfair wäre es die IAA als "Klimashow" zu verhöhnen. Denn zahlreiche Modelle setzen bereits auf Sprit sparende Techniken. "Die größte Herausforderung, vor der die Welt steht, ist die Veränderung der Umwelt", verkündete der stellvertretende Europachef von Toyota, Thierry Dombreval. DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche konnte gleich 19 Automodelle mit verbrauchsarmen Antrieben vorstellen. "Wir wissen, was die Kunden von uns erwarten", sagte der Man mit dem Bart. General-Motors denkt mit dem Elektrofahrzeug besonders weit in die Zukunft und Ford Europachef John Fleming stellte die neue Reihe "ECOnetic" vor. Damit sollen Serien-Modellen Schadstoffwerte von künftig weniger als 100 Gramm CO2-Ausstoß möglich sein.

Stückzahlen und Absatz wird man in den nächsten Jahren nicht mit VW Up, Opel Flextreme oder Diesottos und Brennstoffzelle machen, sondern mit SUVs und Geländewagen. Diese Gattung legte in den letzten Jahren stets über Gebühr zu. Und dabei gehören SUVs zu den teueren Fahrzeugen, die gern mit Vollausstattung verkauft werden, also zu den Gewinnbringern im Angebot. Neben eher verstörenden Versuchen wie dem 4007 von Peugeot tritt jetzt endlich der Tiguan von VW an. Vom Konzept bis zum Design ein Abenteurer der Marke "Nur kein Risiko". Gerade darum ist sein kommerzieller Erfolg fast unvermeidlich. Ford bietet mit dem Kuga immerhin eine SUV-Studie auf, deren aufregendes Design die Marke wie schon der S-Max und der Mondeo weiter nach vorn bringen wird.

Praxis ist In

Neben Zukunftsmusik und Geländefantasien überrascht die Präsenz des Realitätsprinzips in den Hallen. Jahrelang verpönt, sind Kombis und Familienfahrzeuge wieder in En Vogue. Ein Wagen wie der Skoda Fabia Kombi mag einem keine schlaflosen Nächte schenken, aber dennoch bietet er im Dreikampf von Rauminhalt/Qualität und Preis absolute Bestmarken. Mit solchen Fahrzeugen wird es möglich sein, auch Kundengruppen zu motorisieren, die sich den Wettlauf des "immer teurer" nicht mehr leisten können. Quer durch alle Portemonnaiegrößen zeigen Kia Cee'd SW, Mercedes C-Klasse und das Renault-Pärchen Clio Grandtour und Kangoo, dass man seine Transportbedürfnisse auch ohne comicartige Crossover-Experimente und ohne Geländeantrieb erfüllen kann. Besonders schick und verspielt mach es der Mini Clubman mit seinem einzigartigen und verspielten Heck. Den Clubmann wird auch in einer besonders verbrauchsarmen Variante auf den Markt kommen. Er wäre dann der Beweis, dass Umweltbewusstsein und Lifestyle kein Widerspruch sein müssen.

China ratlos

China war ein Riesenthema vor der IAA, die tatsächliche Präsenz am Stand wirkt dann ernüchternd. China Automobile kam – wie angekündigt – mit zwei SUVs nach Frankfurt. Beide von lebenden Vorbildern inspiriert. Die Preise von etwa 16.000 Euro für den UFO und 25.000 Euro für den X5 ähnlichen CEO mögen stimmen. Schnäppchen sind es dennoch nicht. Die Technik mag solide sein, aber sie ist von gestern. Verarbeitung und Anmutung sorgen dafür, dass trotz nomineller Vollausstattung kein Oberklassengefühl aufkommt. Wieviel Potential in China steckt zeigt dagegen Brilliance. Eben erst vom Crash-Ergebnisse der Mittelklasse Limousine praktisch vom Markt gefegt, verspricht der Hersteller Nachbesserungen in Sachen Sicherheit. Im Punkt Design und Verarbeitung ist das augenscheinlich nicht mehr nötig. Die Brilliance Fahrzeuge mögen keine Top-Highlights sein, können sich aber ohne Frage überall sehen lassen.

So, wie es immer war

Nicht alles gerät in Frankfurt aus den Fugen. Kaum am Abend aus der Halle, stürmen drei nette Damen mit rosa Hütchen und knappen Tops auf den Messegast zu. Ihr Flyer weist nicht den Weg ins Ökoparadies, sondern in den "Elite FKK"-Club mit 1A-Top-Mädels. Passend zwischen Zubringer und Autobahnkreuz gelegen. Na, jetzt stimmt die Auto-Welt doch wieder.


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