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Boom der Elektrofahrräder: Waden-Power aus dem Akku

Fahrräder mit Elektromotor sind der Renner. Seitdem auch schicke E-Räder angeboten werden, entdecken die Deutschen die Lust am Radeln mit Hilfsmotor. Worauf Sie dabei achten müssen.

Von Gernot Kramper

Seltsam: Da schwärmen Grüne, Stromkonzerne und Batteriehersteller immer wieder gerne von der zukünftigen Elektromobilität beim Auto. Dabei findet die Stromrevolution längst statt – aber beim Fahrrad. Denn im Gegensatz zu den strombetriebenen Autos, die hierzulande noch eher mit Skepsis gesehen werden, werden Elektrofahrräder in Deutschland immer beliebter: 200.000 Stück wurden 2010 in Deutschland verkauft, 33 Prozent mehr als 2009. Und dieses Jahr soll einen weiteren Anstieg bringen.

Verantwortlich für den Boom ist, neben der besseren Technik, vor allem das modernere Design der neuen Räder. Denn wurden zunächst nur eher altbackene Modelle mit tiefem Einstieg für die ältere Generation angeboten, ist nun von schicken Cityrädern über Klappräder bis hin zu Sportmaschinen alles dabei. Die Fotostrecke zeigt eine Übersicht der aktuellen Bauformen."Die neuen Modelle haben die Hemmschwelle für Kunden enorm gesenkt, die vorher von dem Oma-Image abgeschreckt worden sind", sagt Herwig Reuss, Marketingchef von "Derby Cycle".

Die niedersächsische Firma ist Marktführer für Elektroräder in Deutschland, stellt unter anderem auch die bekannten Zweiradmarken Kalkhoff und Focus her. Reuss ist sich sicher, dass das Wachstum des Markts von Elektrorädern sich fortsetzen und sogar noch verstärken wird. Und das ist kein Wunder. Denn alle Fragen, die beim Elektroauto offen sind, wurden beim Fahrrad mit Elektroantrieb bereits praxisgerecht gelöst. Die Technik ist stabil, sicher und einfach zu handhaben.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Elektrorad schnell oder langsam

Allerdings: Auch das tollste E-Bike nimmt seinem Besitzer die Anstrengung nicht ganz ab. Denn bei einem Elektrofahrrad wirkt der Motor nur unterstützend. Ohne eigenes Zutun geht nichts, es muss, zumindest ein wenig, mitgestrampelt werden. Die Motorhilfe kann allerdings sehr großzügig ausfallen und die Power der eigenen Muskelkraft um ein Mehrfaches übertreffen. Bei normalen Elektrobikes – auch "Pedelec" genannt – hilft der Motor bis 25 Stundenkilometern mit, bei noch höheren Geschwindigkeiten schaltet er sich dann ab.

Vorteil: Solche Räder gelten in Deutschland als Fahrrad, für sie ist kein Führerschein, keine Zulassung und auch keine Versicherung notwendig. Auch im Straßenverkehr gelten die gleichen Regeln wie für ein herkömmliches Fahrrad. Schnellere E-Bikes (bis etwa 45 km/h, Motor mit mehr als 250 Watt Leistung) werden wie ein Mofa behandelt. Für sie benötigt man Zulassung, Führerschein und Versicherung. In der Regel muss man damit dann auch auf der Straße fahren.

Schnelle E-Bikes lohnen sich nur für sportliche Fahrer, die lange Distanzen noch schneller überwinden wollen. Sie profitieren auch davon, genau wie ein Moped auf der Straße zu fahren. Für die Mehrzahl aller Radler sind Modelle bis 25 km/h die bessere Wahl. Sie sind langsamer, dürfen dafür aber die Radwege benutzen. Mit ihnen muss man sich in der Stadt nicht auf mehrspurige Kreuzungen wagen und kann die Radwege in Parks genießen.

Kosten und Reichweite

Billig ist der Spaß allerdings nicht zu haben. Für ein Elektrorad eines Markenherstellers muss man mindestens 2000 Euro einkalkulieren. Ein vergleichbares Rad ohne Stromantrieb wäre etwa 800 Euro billiger. Die Stromkosten beim Aufladen sind minimal. Top-Akkus halten über 1000 Ladezyklen durch, danach verringert sich die Leistung. Nach einigen Jahren müssen sie also ersetzt werden. Im Baumarkt gibt es No-Name-Elektroräder ab 1200 Euro. Wegen der spürbar schlechteren Qualität lohnt sich der Kauf trotz dieser Preisdifferenz nicht. Wer sein Rad nicht selbst warten kann, sollte grundsätzlich nur bei einem Händler kaufen, der auch den Service übernimmt.

Die meisten Akkus verhelfen einem E-Bike zu einer Reichweite von etwa 60 Kilometern. Hochleistungsbatterien mit 18 Amperestunden schaffen bis zu 140 Kilometer, sind aber fast doppelt so teurer. Herwig Reuss von Derby Cycle: "Für Alltagsfahrer ist diese Investition eigentlich nicht nötig, da reicht die normale Kapazität." Mit einem Ladegerät kann der Akku an einer normalen Steckdose aufgeladen werden.

Bei jedem Elektrorad kann der Stromspeicher vom Rahmen abgenommen werden, sodass man ihn einfach in der Wohnung oder im Büro auftanken kann. Bei einigen Rädern ist es auch möglich, den Akku aufzuladen, ohne ihn vorher abzunehmen. Bei keinem E-Bike ist das Ladegerät im Rad integriert. Bei einer Fahrradtour muss das – teils recht sperrige – Ladegerät also separat mitgenommen werden. Für Pendler empfiehlt sich die Anschaffung einer zweiten Ladestation für die Arbeitstelle.

Wie sicher sind Elektroräder?

Ein Fahrrad mit Elektroantrieb ist nicht sicherer oder unsicherer als ein normales Fahrrad, eine besondere Gefahr geht vom Stromantrieb nicht aus, solange der Akku nicht beschädigt wird. Im Vergleich zu einem modernen Auto schneidet ein Rad im Punkt passive Sicherheit grundsätzlich schlecht ab. Umso wichtiger, dass alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Die relativ teuren Elektroräder der Markenhersteller sind meist mit sehr guten Lichtanlagen ausgerüstet. Auch die Bremsen sind so dimensioniert, dass sie den höheren Geschwindigkeiten und dem höheren Gewicht des E-Rades standhalten. Für Elektroräder existiert keine Helmpflicht, wegen der hohen Geschwindigkeiten sollten E-Radler aber immer einen Helm tragen. Gerade im Zusammentreffen mit "normalen" Fahrrädern drohen Gefahren. Der aktuelle stern berichtet über die schlimmen Folgen von Unfällen mit Elektrorädern.

Grundsätzlich sollten sich E-Biker nicht überschätzen. Wer wegen gesundheitlicher Probleme oder mangelnder Kondition zum Elektrorad greift, sollte bei den gemütlichen Bauformen bleiben. Sportliche Rahmen belasten Handgelenke und Rücken. Sie zwingen den Radler in eine sportliche Haltung, die er nicht lange durchhält. Die Höhe des Rahmens sollte so gewählt werden, dass der Radler jederzeit sicher mit den Füßen Halt am Boden findet. Mit einem hohen Oberrohr am Rahmen wird das Auf- und Absteigen immer zur gymnastischen Übung. Eine flacheres Rohr oder ein tiefer Einstieg sind sicherer und bequemer.

Die Last mit dem Gewicht

Ein Fahrrad mit einem Wert von über 2000 Euro eignet sich nicht zum Abstellen unter der Laterne, es benötigt einen sicheren Stellplatz. Elektroräder wiegen wegen des zusätzlichen Gewichts des Akkus und des Motors mindestens 20 Kilogramm. Nur relativ starke Personen können solche Räder Treppen rauf und runter tragen, bei allen anderen muss das Rad entweder ebenerdig oder in einer Tiefgarage abgestellt werden. Für viele Interessenten, die in einer älteren Etagenwohnung in der Stadt leben, ist das Gewicht der Elektroräder ein K.o.-Kriterium.

Tipp: Mini-Räder oder Elektroräder, die auf einem Mountainbikerahmen aufbauen, sind nicht leichter, aber deutlich handlicher als solche mit 28-Zoll-Bereifung. Diese entscheidenden Zentimeter weniger machen es einfacher, das Elektrorad in ein Auto oder einen Fahrstuhl zu bekommen oder es die Kellertreppe hinab zu rollen.

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