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Detroit Motor Show 2010: Deutschlands grüne Jungs

Sie kamen als Letzte und holten dann mächtig auf. Nie zuvor haben die deutschen Autobosse mehr über "Hybrid", "Elektrifizierung" und "Green Technology" geredet als jetzt in Detroit.

Von Michael Specht

Als Audi auf der ersten Automesse des Jahres 2010 das Tuch vom e-tron zieht, will der Applaus gar nicht aufhören. Der flache Zweisitzer - mit 3,93 Meter Länge kürzer als ein VW Polo - gleicht einem aus dem Vollen gefrästes Kunstwerk. Bildschön, perfekt proportioniert und mit dem knackigsten Hintern, an dem jemals vier Ringe klebten. "Was Tesla kann, können wir schon lange", unkt Audi-Chef Rupert Stadler. Das Detroit-Showcar ist, nur wenige Monate nach dem Debüt des Audi e-tron auf der IAA 2009, das zweite Elektro-Konzeptfahrzeug der Ingolstädter. Und gleichzeitig ein Symbol dafür, wie die deutschen Premium-Marken sich in den USA präsentieren: grün - und zwar dunkelgrün.

Statt V8 nur noch Zero Emission

Kein Wort mehr über Acht- und Zwölfzylinder, über Leistung und Drehmoment im alten Stil. Bis vor kurzem waren das noch die Lieblingsthemen der Deutschen. Stattdessen sind die Reden der Autobosse aus Germany gespickt mit Begriffen wie Full- und Mild-Hybrid. Lithium-Ionen-Zellen wechseln in den Sätzen einander mit Electric Drive und Zero Emission ab. Hört man hier noch richtig? Noch vor zwei Jahren wurde das Igitt-Wort "Hybrid" häufig mit einem gequälten "weil der Kunde es verlangt" begleitet. Aber am Ende kommt es in der Autoindustrie nicht darauf an, als Erster mit Elektro und Hybrid gestartet zu sein, sondern darauf, wie man mit ihnen ins Ziel kommt.

Und im Vergleich mit den amerikanischen Hausherren strotzen die deutschen Gäste vor Kraft und Selbstbewusstsein. Auch Mercedes. Selbst wenn die Stuttgarter dieses Mal keine neue Hybrid- oder Elektrostudie auf die Bühne rollen lassen, sondern trotz eisiger Außentemperaturen ihr neues E-Klasse Cabrio präsentieren. Ein ausfahrbarer Windabweiser am oberen Scheibenrahmen soll in Verbindung mit Windschott und Warmluftdüsen in den Kopfstützen auch im Winter offenen Fahrgenuss ermöglichen.

Mercedes-Entwicklungschef Thomas Weber lässt es sich nicht nehmen, den Amerikanern den Weg in die Zukunft zu weisen. Dieser heißt: BlueTec-Diesel, Hybrid- sowie reiner Elektroantrieb. Letzteres per Batterie oder Brennstoffzelle. Die Jahre der Ankündigungen sind vorbei. Inzwischen werden immerhin zwei Hybridmodelle in den USA verkauft, als milde Variante der S 400 und als Full-Hybrid die M-Klasse. Gute Verkaufszahlen machen zuversichtlich. Nächstes Jahr soll der E 300 BlueTecHybrid hinzu kommen, noch 2013 die nächste Generation S-Klasse als Plug-in-Hybrid. Die Luxuslimousine kann dann an der Steckdose aufgeladen werden und sich so lautlos und abgasfrei aus der Stadt schleichen.

Ähnliche Töne sind von BMW zu hören. Emission free mobility. Während der Mini E bereits im Großversuch in Amerika läuft, schieben die Münchener nun das 1er Coupé Active E nach. Für den Normalkunden gibt es diese Modelle freilich nicht, aber Alibiprojekten sind es auch nicht. Das Kompaktmodell der kleinsten BMW-Baureihe dient als Technologieträger fürs Mega City Car (Projekt i), das für zirka 2014 avisiert ist. Schon im April dagegen bringt BMW den Siebener und den X6 als Hybrid auf die US-Highways.

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VW mit Hybrid-Schönling

Auch VW steht in den Hybrid-Startlöchern. Die zweite Generation des Geländewagens Touareg wird Volkswagens erster Hybrid und soll zum Sommer auf den Markt kommen. 2012 will man eine ähnliche Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor (Quereinbau) auch in der Kompaktklasse anbieten. Wie chic so etwas aussehen kann, präsentierten die Wolfsburger mit viel Showeffekt in Detroit. Konzern-Designer Walter de Silva und VW-Designchef Klaus Bischoff schufen ein so elegantes und gut proportioniertes Sportcoupé, dass selbst einem Audi A5 die Kunden streitig machen könnte. Die NCC (New Compact Coupé) genannte Studie soll nur 4,2 Liter pro 100 Kilometer verbrauchen, was einem CO2-Ausstoß von 98 g/km entspräche.

Während die deutschen Hersteller in Detroit vor Selbstbewusstsein nur so strotzen, üben sich die amerikanischen Autobauer in Unbeholfenheit. Chrysler, kleinster der "Big Three", und nach dem Insolvenzverfahren mittlerweile von Fiat gelenkt, gab nicht einmal eine Pressekonferenz zur Lage der Marke. "Herr Marchionne wolle erst reden, wenn es was zu sagen gibt", hieß seitens Chrysler. Recht lieblos der Stand. Zwischen den Achtzylinder-Limousinen und riesigen Ram-Trucks stellte man lediglich zwei Fiat 500 ab - einer davon mit Elektroantrieb - sowie einen auf Chrysler umgetauften Lancia Delta.

Jedes GM-Auto mit 12.000 Dollar subventioniert

General Motors (GM), einst größter Autohersteller der Welt, musste vergangenes Jahr kräftig Federn lassen, entging der Insolvenz nur, weil zig Milliarden Dollar aus Washington bereit gestellt wurden. Der US-Gigant, in Amerika "Government Motors" genannt, schloss sieben Werke, setzte Tausende von Arbeitern vor die Tür, verkaufte die Marke Hummer, ließ Saturn und Pontiac sterben und sucht für Saab derzeit einen Restverwerter. Mit den übrig gebliebenen vier Marken GMC, Buick, Chevrolet und Cadillac will man die Wende schaffen, dieses Jahr sogar in die Gewinnzone fahren. Glauben tut dies allerdings nur noch das Management. Fachleute sehen schwarz für den blutleeren Konzern. Derzeit ist jedes verkaufte GM-Auto mit umgerechnet 12.000 Dollar subventioniert. Wirklich Neues gibt es für das Geld auch bei GM auch nicht zu sehen. Der Opel Insignia findet sich als Buick Regal wieder. Der Astra liefert die Basis für den Chevrolet Cruze. Und mit dem Concept Car Aveo RS will man den Kunden einen sportlichen Kleinwagen in Corsa-Größe schmackhaft machen.

Die Frischzellenkur aus Europa birgt große Risiken. Das Kleinwagensegment stößt bei den amerikanischen Kunden auf geringe Zuneigung. Dieses Käuferverhalten wird vielleicht auch Ford zu spüren bekommen. Der zweitgrößte Hersteller der Welt kündigte auf der Messe einen gewagten Kurs an. Geld in die Kassen soll der in Europa entwickelte Focus spülen.

Die Liebe zu dem attraktiven Kompakten setzt allerdings voraus, dass der Spritpreis kräftig steigt. Denn, so weiß der ehemalige Chrysler-Chef und heutige Daimler-Boss Dieter Zetsche: "Die Amerikaner definieren die Anschaffung ihrer Autos einzig und allein über den Benzinpreis." Und derzeit kostet der Sprit weniger als 50 Cent den Liter.

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