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Pedelec Frisierte E-Bikes – wie Tuner Hersteller wie Bosch abgehängt haben

Seitdem sportliche Radtypen mit Motor gebaut werden, nimmt das Tuning zu (Symbolfoto).
Seitdem sportliche Radtypen mit Motor gebaut werden, nimmt das Tuning zu (Symbolfoto).
© Filadendron / Getty Images
Die Industrie wollte illegales Tuning von Pedelecs mit intelligenter Software unmöglich machen. Der Versuch ist nach wenigen Monaten gescheitert. Auch die neuesten Motoren werden wieder schneller gemacht.

Das Tuning von Pedelecs über die erlaubte Grenze von 25 km/h hinaus wollten die großen Motorenhersteller mit einer gemeinsamen Anstrengung unterbinden. Die Motoren sollten die Manipulation erkennen und sich dann abschalten. Doch nach wenigen Monaten haben die Anbieter von Tuningkits nachgezogen und auch die Motoren der neuesten Generation werden wieder schneller gemacht.

In Deutschland werden im Jahr fast eine Million E-Bikes verkauft. Größtenteils handelt es sich um Pedelecs. Wer mit ihnen unterwegs ist, muss keinen Helm tragen und benötigt keine gesonderte Versicherung. Und er darf überall dort fahren, wo ein von Muskeln angetriebenes Rad hin darf. Nur einen Nachteil hat diese Rad-Klasse: Der Motor unterstützt den Fahrer nur bis 25 km/h – darüber hinaus wird er abgeregelt und der Antrieb erfolgt nur noch mit den Beinen.

Die sogenannten S-Pedelecs sind schneller, sie dürfen 45 km/h erreichen, doch für sie gelten die gleichen Restriktionen, wie beim Fahren einer Vespa. Eine Versicherung ist ebenso wie ein Helm vorgeschrieben und in beinahe jeder Situation ist das Fahren auf dem Radweg oder in Parks verboten – wie mit einem kleinen Motorroller, muss man auf der Straße fahren. Diese Spielregeln schrecken ab, der Marktanteil der S-Pedelecs ist denkbar klein.

Das Dilemma zwischen "langsam" und "nur auf der Straße" lösen viele E-Radfahrer in Deutschland durch illegales Tuning ihres Rades. Diese Unsitte nimmt zu, seitdem nicht nur Senioren gemütliche Tiefeinsteiger mit Motor kaufen, sondern sportliche E-Bikes ein jüngeres Publikum finden. Und diese Käufer fühlen sich von der 25-km/h-Grenze ausgebremst.

Das massenhafte Tuning hat auch den Gesetzgeber beunruhigt. Alle großen Hersteller von Antriebskomponenten haben sich daher verpflichtet, ihre Motoren tuningsicher zu machen. Der Chef von Bosch eBike Systems, Claus Fleischer, hat dem stern versichert, dass die neue Generation von Antrieben solche Manipulationen erkennen und sich daraufhin abschalten würde. (Bosch-E-Bike-Chef: "Wir wollen keine Subventionen – wir brauchen gute und sichere Radwege")

Das hat auch gestimmt – etwa drei Monate lang. Seitdem sind auch für die neuesten Motoren passende Tuningkits im Handel, die die Sicherheitssperren überlisten. In Deutschland haben wir die etwas paradoxe Situation, dass der Betrieb eines getunten Pedelecs im Bereich der StVO verboten ist, die nötigen Umbausets, welche die Räder schneller machen, aber frei verkäuflich sind. Ebenso sind ausführliche Anleitungsvideos frei verfügbar. Der Gesetzgeber schafft so erst die Bedingungen für das massenhafte Tuning. Würden die Kits nur heimlich verkauft werden können, würden sie nur eine Handvoll von Tuningfreaks bekommen. Doch mit offiziellen Shops, telefonischer Beratung und "Geld zurück"-Garantie erreichen sie einen großen Kundenstamm.

Wie wird getuned

Beim Tuning gibt es verschiedenen Ansätze. Extremes Tuning kommt selten vor, ist dann aber spektakulär. Dann wird ein komplett neuer Motor mit entsprechender Steuerung in ein Rad eingebaut. Diese Motoren sind ursprünglich für Lastkarren und E-Mopeds gedacht. Anstatt der 250 Watt eines Pedelecs leisten sie 1000, 1500 oder gar 2000 Watt. Der Effekt ist der gleiche, als würde man einen Porschemotor in einen alten Käfer einbauen. Doch die meisten Tuner nehmen so spektakuläre Umbauten gar nicht vor. Ihr Ziel sind auch keine Geschwindigkeitsrekorde von 70 und mehr Stundenkilometern. Das Rad soll schneller fahren, ohne dass die Leistung des Motors erhöht wird. Sie umgehen nur die Abregelung bei 25 km/h.

China-Motoren

Dazu gibt es unterschiedliche Methoden. Bei einigen kleineren Herstellern, die chinesische Komponenten verbauen, reicht es aus, in der App oder im Display das Land zu wechseln. Der Fahrer wählt anstatt Deutschland die Schweiz oder die USA aus und schon übernimmt das Rad die dortigen Bestimmungen. Das heißt, die Höchstgeschwindigkeit liegt dann bei 32 km/h.

+++Lesen Sie auch: Das "Cowboy" ist das iPhone unter den E-Bikes - wir haben es ausprobiert +++

Sind chinesische Komponenten etwa von Bafang verbaut, ist es meist möglich, ein anderes, einfach zu programmierendes Display zu verwenden. Das Teil muss nur eingesteckt werden, dann können alle Einstellungen verändert werden, eben auch die Höchstgeschwindigkeit.

Manipulation des Geschwindigkeitssensors

Für allen Motoren der großen Hersteller, die nicht zur neuesten Generation gehören, wird ein Bauteil angeboten, welches die Geschwindigkeitsmessung am Hinterrad manipuliert. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit wird nur die Hälfte der Umdrehungen an den Controller weitergemeldet. Der Motor "denkt" dann, er fährt nur 18, obwohl das Rad mit 36 km/h unterwegs ist. Entsprechende Sets sind ab etwa 100 Euro frei erhältlich. Vorteil an der Methode: Der betrügerische Impulsgeber lässt sich mit einem Handgriff wieder entfernen. Nach zwei Minuten befindet sich das Rad wieder im Ausgangszustand.

Austausch der Software

Bei den neuen Motoren wie dem Bosch CX 2020 ist das Tuning nicht mehr so einfach, aber von "manipulationssicher" kann keine Rede sein. Für diese Motoren sind Sets im Handel, die in den Motor eingesteckt werden müssen. Die Tuningkits unterscheiden sich jeweils, aber im Prinzip funktionieren sie alle gleich. Einfach gesagt, ersetzt ein neues Bauteil die vom Hersteller eingebaute Software mit ihren restriktiven Einstellungen gegen eine offene Variante ohne Höchstgeschwindigkeit. Die Sicherheitssoftware, von der sich die Hersteller so viel versprochen haben, wird einfach abgeschaltet. Im Vergleich zur Manipulation des Impulsgebers ist der Einbau etwas aufwendiger. Außerdem raten die Hersteller der Tuningteile dazu, keine offiziellen Softwareupdates für den Motor mehr aufzuspielen.

Welche Geschwindigkeiten werden erreicht?

Wie schnell werden die Räder? Alle Systeme versprechen Top-Geschwindigkeiten von 50 oder 75 km/h. Das ist nicht korrekt. Um 50 km/h zu erreichen, muss man die 250 Watt des Motors schon massiv mit den Beinen unterstützen. Ohne Veränderungen an Kettenkranz und Schaltung müsste der Fahrer zudem extrem schnell treten können. Doch Geschwindigkeiten von bis zu 40 km/h sind mit diesen Methoden mühelos möglich. Doch für derart hohe Geschwindigkeiten und Belastungen sind Rahmen und Bremsen sowie die Radwege nicht ausgelegt.

Nicht zu besiegen

Im Wettrennen mit den Motorenherstellern werden die Tuner immer die Nase vorn haben. Wenn die offizielle Steuerungssoftware gegen eine manipulierte Kopie ausgetauscht wird, können die Sperren nicht greifen. Doch auch wenn das Tuning nach wie vor einfach ist, sollte sich Pedelecfahrer die Konsequenzen vor Augen halten. Das Tuning eines Pedelecs wird heute weit schärfer bestraft als früher das Frisieren eines Mofas. Am schwerwiegendsten sind aber die Konsequenzen im Falle eines Unfalls. Da ein Pedelec keine spezielle Versicherung besitzt, geht diese bei einem Schaden auch nicht in Vorleistung. Alle Kosten eines Unfallgegners vom Sachschaden bis zum Krankenhaus muss der Fahrrad-Tuner tragen.

Hier geht es zum E-Bike Test.

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