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Navigationssysteme der Zukunft: Vernetzt verkehren

DVD-Filme auf der Mittelkonsole gucken, Radiosender aus der ganzen Welt hören und die Zielführung ist in 3-D. Die Autobauer arbeiten mit Hochdruck an neuen Navigationssystemen, die den Fahrer nicht nur schnell ans Ziel bringen, sondern auch unterhalten sollen.

Egal ob Asien, Europa oder die gebeutelten USA - fast alle Hersteller forschen derzeit gemeinsam mit Elektronikkonzernen an den Multifunktionssystemen von morgen und übermorgen. Fest scheint zu stehen, dass bei Navigation und Entertainment das meiste der Technik außerhalb des Autos zu finden sein wird. "Wir brauchen entsprechende Datenübertragungsraten", so Katharina Bölsterl, bei BMW zuständig für die Technologieentwicklung von Telematiksystemen, "dann ist im Auto fast alles möglich." Die Zeiten, in denen Hightech-Auto und die lahmenden Datenschnecken GSM oder GPRS gegeneinander arbeiteten, scheinen schon bald der Vergangenheit anzugehören. Zum einen soll in zwei bis drei Jahren als Nachfolger von UMTS der mobile Datenturbo LTE (Long Term Evolution) kommen. Zum anderen setzt die Industrie gerade in der City und entlang der Autobahnen auf Wlan-Zonen.

Zunächst dürften hier in rund fünf bis sieben Jahren die Innenstädte von Ballungsräumen versorgt werden. Vorteil: Die Insassen des Autos können jederzeit auf eine funktionierende und schnelle Datenverbindung zurückgreifen und beliebige Daten herunterladen. Bisher kann man das vergessen. Selbst das Hightech-Mobil der neuen 7er-Reihe von BMW muss beim Internetzugang mit der vergleichweise langsamen Übertragungsgeschwindigkeit Edge auskommen. Wer auf dem Parkplatz wartend einmal kurz eine Website besuchen oder online eine Adresse suchen wollte, weiß wie langsam außerhalb des Straßenverkehrs auch ein neuer 750 Li sein kann. Problem ist dabei nicht allein die im Fahrzeug verbaute Technik, sondern die fehlende Infrastruktur. "Auf die sind wir bei unseren Entwicklungen zwingend angewiesen", erklärt Ralf Guido Herrtwich, bei Daimler verantwortlich für die Entwicklung von Navigations- und Telematiksystemen, "doch das ganze sollte schon bald kein großes Problem mehr sein."

Daimler stellte jüngst mit "myCommand" das Bedien- und Navigationssystem der Mercedes-Zukunft vor, das in der übernächsten Modellgeneration der S-Klasse Realität werden dürfte. Während derzeit im Fahrzeug verbaute Festplatten alle wichtigen Daten für Musik, Entertainment, Navigation und Telefon beinhalten, werden mittelfristig wohl nur noch wenige Basisdaten im Auto selbst gespeichert. "Die meisten Inhalte sind dann rein webbasiert", so Herrtwich, "und werden nur bei Bedarf von einem zentralen Server in das Auto projiziert - selbstverständlich personalisiert." Bedientechnisch ist das ganze einfach und zeigt kaum nennenswerte Unterschiede zu den aktuellen Navigations- und Multimediasystemen wie MMI (Audi), Command (Mercedes) oder iDrive (BMW). Auch diese Systeme bieten eine Reihe von Annehmlichkeiten, präsentieren DVD-Filme, 3-D-Routenführung und Festplattenmusik. Doch wer hat derzeit schon Zugriff auf die wirklich besten Routen zur entsprechenden Fahrzeit oder alle gängigen Radiosender? Der Traum, seinen US-Lieblingsmusiksender "Smooth Jazz 95.7" aus Los Angeles auch in Lüneburg im Autoradio lauschen zu können, ist mit dem Webradio von morgen kein Problem mehr. Mainstream-Einerlei von Bayern 3 oder Dudelfunk von Einslive gehören dann der Vergangenheit an.

Noch wichtiger als akustische und visuelle Annehmlichkeiten bei Fahrt im Auto sind sicherheitsrelevante Informationen. Bei entsprechender Infrastruktur kann nicht nur der Fahrer Informationen aller Art aus seinem mobilen Auto-Computer bekommen, sondern versorgt ohne aktives Zutun auch die Verkehrszentralen mit wichtigen Erkenntnissen über Verkehrsfluss, Unfälle und Stauungen. "Wir gehen davon aus, dass Fahrzeuge auf absehbare Zeit einen Teil der Daten im Auto haben - auf entsprechend großen Festplatten oder Speichermedien - und aktuelle Informationen via Datenübertragung abrufen", blickt Katharina Bölsterl in die Zukunft. Etwas anders sieht man das bei Mercedes. Ralf Guido Herrtwich: "Ich gehe davon aus, dass mittelfristig alle nennenswerten Daten offboard ins Auto gebracht werden. Im Auto wird es dann nur einen kleinen Speicher zur Pufferung von Daten geben; wenn einmal keine Verbindung zum Netzwerk besteht."

Fieser Crash beim Driften

Auf große Fortschritte müssen nicht nur Elektronik- und Autofans seit Jahren vergeblich warten. Der vor zehn Jahren nach der ersten großen Mobilfunkwelle versprochene Datenturbo ist bisher allenfalls am Horizont zu sehen. Und auch die neuen technischen Entwicklungen dürften fünf bis zehn Jahre auf sich warten lassen. In punkto Information und Unterhaltung bieten die Internet-basierten Lösungen entsprechende Vorteile gegenüber den heute üblichen Systemen im Auto. "Per Funk aktualisiert es sich bei jedem Motorstart automatisch und bringt die Software somit fortlaufend auf den neuesten Stand", so Ralf Guido Herrtwich, "auch alle individuell abgerufenen Daten und Informationen sind stets aktuell und stehen den Insassen immer zur Verfügung, ohne dass komplizierte Bedienungsschritte notwendig sind."

Die Mobilfunkbetreiber sehen die Fortschritte in der mobilen Fahrzeugtechnik nicht nur mit einem lachenden Auge. Wenn flächendeckende Highspeed-Datenverbindungen existieren können die Autofahrer auch die Internet-Telefonie (VoIP) nutzen. Die kostenlosen Telefonverbindungen und Datenübertragungen sind besonders für Geschäftsleute interessant, die einen Großteil der Mobilfunkumsätze bei T-Mobile, O2, E-Plus oder Vodafone generieren. Zumindest scheinen Fahrer und Beifahrer nur noch beschränkte Zeit auf das gleiche Bild auf dem Multifunktionsbildschirm zu schauen. Systeme wie Dual-View oder Sprlit-Screen sorgen mit einer Lochmaske dafür, dass der Beifahrer im Netz surfen oder einen Film sehen kann, während der Fahrer durch den unterschiedlichen Sichtwinkel die Navigationskarte im Blick hat. Die Premiere wird in den neuen Mercedes-Modellen der E- und S-Klasse sein; Opel wird mit dem Insignia folgen.

Ungewöhnlich heftig streiten die Entwickler über die Bedienmöglichkeiten. Gerade die deutschen Hersteller setzen auf die bekannten Controller oder Dreh-Drück-Steller. Immer mehr Firmen sind jedoch der Ansicht, dass aufgrund der immer komplexer werden Systeme und Bedienmöglichkeiten am Touch-Screen kein Weg vorbeiführt. In unseren Breiten reichen 26 Buchstaben oder Ziffern zwischen 0 und 9 für die Texteingabe. In Asien braucht es jedoch bis zu 3.000 Schriftzeichen, um die entsprechende Adresse oder den Musiktitel seiner Wahl einzugeben. Sinnvoll ist dies nur per Touch-Screen oder Spracheingabe möglich. "Wir setzen für die Bedienung im Auto in erster Linie auf die Sprache" unterstreicht Katharina Bölsterl. Das sieht man bei Herstellern wie Audi, Mercedes, Volvo oder Fiat kaum anders, hat jedoch damit zu kämpfen, dass sich die Systeme zur Spracheingabe einer nicht einmal mittelmäßigen Nachfrage erfreuen. Teuer, unkomfortabel und fehleranfällig sind seit Jahren die Kritikpunkte – auch wenn sich einiges zum Guten gewandelt hat. Wirklich zufriedenstellend ist derzeit kein System. Auch darauf wird man noch ein paar Jahre warten müssen.

Stefan Grundhoff; Press-Inform

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