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Peking Autoshow 2008: PS-Wahn im Reich der Mitte

Eine Automesse auf dem größten Wachstumsmarkt der Welt kann man sich am besten vorstellen, wenn man an die Goldgräberzeit zurückdenkt. Während Europa zittert und die USA wanken, heißt es auf der Auto China 2008: bunter, größer, mehr.

Die Chinesen feiern eine PS-Party, zelebrieren die eigenen Marken und huldigen den bärenstarken Deutschen, die im unbegrenzten Land der automobilen Möglichkeiten von Rekord zu Rekord eilen. An Ständen von renomkierten Sportwagen- und Luxusherstellern wie Ferrari, Lamborghini, Porsche, Bugatti oder Rolls Royce herrschen bereits am ersten Messetag tumultartige Zustände. Bei europäischen Exoten wie BMW, Audi, Mercedes und Mini sieht es kaum anders aus. "China ist für uns bei Mercedes derzeit der zehnwichtigste Markt auf der Welt", zeigt Daimler-Vorstandschef Dr. Dieter Zetsche in welche Richtung die Reise geht, "in fünf Jahren werden sie wohl auf Platz drei sein." Die Tendenz ist steigend, steigend und nochmals steigend. Das Land, das ehemals von hunderten Millionen Fahrrädern und einigen Einheitskarossen dominiert wurde, fordert fahrbare Untersätze.

Da kommt eine Messe wie die Auto China 2008 gerade Recht. Die Wichtigkeit des Marktes hat längst jeder erkannt. So waren auch kaum kritische Töne von den Herstellern und Importeuren in Bezug auf die politischen Probleme innerhalb des Landes zu vernehmen. Allein Dr. Martin Winterkorn, mit der VW Gruppe größter Fahrzeugproduzent des riesigen Landes, erhob bei der Präsentation der neuen VW-Modelle leicht den Zeigefinger: "Ich hoffe, dass sich das Land seiner Chance durch die olympischen Spiele in diesem Jahr bewusst ist." In China ist das Auto alles andere als ein politisches Thema. Hier geht es um Weltpremieren wie das neue SUV-Doppel Mercedes GLK und Audi Q5. Beide kommen spät und beide jagen ab Herbst Modellen wie Toyota RAV4, VW Tiguan und dem übermächtigen BMW X3 hinterher.

Der Kunde hat die Wahl

Man sieht den Ford Fiesta, neue VW-Modelle, einen 550 PS starken Porsche Cayenne Turbo S oder die auch hier zunehmend begehrten Skodas. An den Ständen der unübersichtlich vielen einheimischen Autoanbieter wie Geely, BYD, Chery, Great Wall, JAC oder SAIC Roewe sieht man bekannte Plagiate, von denen viele jedoch nicht mehr derart plump abgekupfert sind wie vor ein paar Jahren. Hier haben die Chinesen so schnell wie erwartet dazugelernt und nutzen ansehnliche Designdetails gerne aus, geben den Fahrzeugen aber zunehmend eine eigene Note. So können sich Modelle wie der Roewe 550 ein Brilliance FRV oder Chery A5 mittlerweile durchaus sehen lassen. Keine China-Messe ohne die alten MG-Modelle TF, 3SW oder 75.

Plumper als plump bleibt jedoch der Versuch von Herstellern wie Diamand on the Crown. Die chinesische Allroundmarke zeigt auf der Audi China 2008 mit dem "Noble" die neueste Generation des viersitzigen Smart-Zwillings. Dr. Dieter Zetsche: "Wir müssen uns gegen die Plagiate natürlich formell wehren und haben die nötigen Schritte unternommen. Doch den Schlaf rauben die uns nicht. Hier verlieren wir keinen Kunden." Ganz im Gegenteil. China bekommt einen smarten Konter aus Stuttgart zu spüren. Im Sommer 2009 kommt der Smart Fortwo nach China und soll sich beim Auswärtsspiel mit den Plagiaten messen. Der Kunde hat die Wahl. Das wird sich BMW auch beim Mini denken. Der schmucke Brit-Flitzer hat in den Designabteilungen chinesischer Autohersteller scheinbar glühende Nachahmer gefunden.

Zaghafte Versuche

So sehr es auf den anderen Großmärkten in Europa, Japan, Korea und den USA mittlerweile um Hightech geht, so wenig ist davon in China uns insbesondere auf der Auto China 2008 zu spüren. Auf der Messe gibt es kaum mehr als zaghafte Versuche, Energiespartechnologien wie Hybrid oder gar Diesel in den Markt zu bringen. Hybride Schriftzüge erkennt man bei genauerem Hinsehen nur in homöopathischen Dosen und alles andere als seriennah. Auch bei SUV oder Kleinwagen ist der Markt überraschend zurückhaltend. Limousinen geben den Ton an - noch.

Stefan Grundhoff; press-inform / press-inform

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