HOME

Silberpfeil: Der nagelneue Alte

Trauen Sie Ihren Augen nicht! Dieser Silberpfeil, ein Auto Union Typ D, ist kein Oldie, sondern Jahrgang 2008. Der perfekte Nachbau eines brachialen Rennwagens aus dem Jahr 1939. Am Steuer: Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason.

Von Cornelia Fuchs und Michael Specht

Mitunter tropfte Blut aus ihren Handschuhen. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte der Job des Werksfahrers am riesigen Lenkrad eines Auto-Union-Rennwagens sehr schmerzhaft sein. Oft war die Haut an den Händen von Hans Stuck, Bernd Rosemeyer und Tazio Nuvolari trotz Handschuhen so aufgerissen, dass sie bei jedem Boxenstopp gepudert und neu verbunden werden musste. Obendrein floss der Schweiß in Strömen beim Bändigen der rasend schnellen Geschosse. Über Rosemeyer wird erzählt, dass er einmal während eines Grand Prix acht Kilo verloren habe.

"Das würde mir auch ganz guttun", scherzt Nick Mason, der Schlagzeuger der Rockgruppe Pink Floyd. Der 64-Jährige passt ohne Weiteres in das Auto, das er am Wochenende beim Festival of Speed im englischen Goodwood fahren wird: einen Auto-Union-Rennwagen Typ D. Nicht das Original von 1939. Sondern einen perfekten Nachbau, den Audi als Nachfolger der Auto Union in Auftrag gegeben hat, um die eigene Sammlung zu komplettieren. Thomas Frank, Leiter des Audi-Museums, sagt: "Der ist vom Original nicht zu unterscheiden."

In Goodwood ist zwar offiziell Premiere vor vielen Tausend Zuschauern, doch bei einer Vorpremiere auf dem Kemble Airfield in der Grafschaft Gloucestershire hat Mason am Steuer dieser Replik bereits erlebt, wie sich Rosemeyer und Co. damals gefühlt haben müssen. Der Drummer ist kein Anfänger: Er startete nicht nur bei vielen Oldtimer-Wettfahrten, sondern auch fünfmal bei den 24 Stunden von Le Mans. Das ist aber nur ein Grund, ihn ans Steuer zu lassen. Der andere: Mason lockt das Publikum an. Thomas Frank: "Einen Rockstar hautnah erleben zu können, von dem die meisten Schallplatten im Schrank haben, wann hat man das schon mal?"

Verschwundene Kostbarkeiten

Robert von Eberan-Eberhorst, damals Chefkonstrukteur der Auto Union, baute vor 70 Jahren das Original des Typ D - mit Zwölfzylinder-Doppelkompressormotor, drei Liter Hubraum, 485 PS und 340 km/h schnell. Während des Zweiten Weltkrieges wurde etwa ein halbes Dutzend Silberpfeile unterschiedlichen Typs in einer Bergwerkshalle nahe der Produktionsstätte in Zwickau versteckt. Nach Kriegsende entdeckten sowjetische Soldaten die Wagen und schafften sie nach Moskau, zum Forschungsinstitut für Automobilbau.

Erschreckende Bilder: So wird auf deutschen Autobahnen gedrängelt

Welche Kostbarkeiten sie erbeutet hatten, bemerkten die Sowjets offenbar nicht. Die Autos gammelten entweder vor sich hin, wurden bei Rennen zu Schrott gefahren oder verschwanden irgendwo im Riesenreich. Nur ein Exemplar blieb erhalten und landete im Automuseum von Riga. Es ist das Auto von Hans Stuck, der damit 1939 Bergrennen fuhr. In den 90er Jahren holte Audi den Wagen im Tausch gegen eine originalgetreue und fahrfertige Replik nach Ingolstadt.

Vier Jahre dauerte Nachbau

Damals wie heute wurden drei Engländer mit dem Nachbau betraut: Dick Crosthwaite und John Gardiner für die Technik, Keith Roach für die Karosserie. Sie gelten als die Besten der Branche. Crosthwaite und Gardiner konnten auf alte Konstruktionsunterlagen zurückgreifen. Roach hingegen musste vor allem seinem Blick und seinen genialen Händen vertrauen: Für das Dengeln der Alublechhaut standen ihm als Vorlage nur alte Fotos und Zeichnungen zur Verfügung. Vier Jahre hat es gedauert, bis das Meisterstück fertig war. Der stern sprach mit Nick Mason über seine Erlebnisse am Steuer dieses brachialen Rennwagens und über seinen Auto-Tick.

Herr Mason, sagen Sie ehrlich, wie schnell sind Sie gefahren?

Oh, das ist schwer zu beantworten, weil ich so konzentriert war. Aber ich schätze, dass ich 160 km/h geschafft habe.

Ist das Auto schwierig zu beherrschen?

Ich konnte den Wagen natürlich nicht so fahren, wie es Tazio Nuvolari mit dem Original getan hat. Bei Tempo 340 stelle ich mir das sehr anstrengend vor. Dieser Typ- D-Nachbau hat zwar eine ziemlich harte Kupplung. Aber so schwer, wie immer erzählt wird, sind solche Rennwagen nicht zu beherrschen. Er liegt einfach großartig auf der Straße.

Welcher Eindruck ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Das Bild, das man vor sich hat, wenn man im Auto sitzt: die freistehenden Räder und der sehr kurze Rumpf. Dieses Bild hat sich mir eingebrannt.

Haben Sie das Geräusch des Zwölfzylindermotors noch im Ohr und den Geruch des Autos in der Nase?

Klar, ein großartiger Sound. Aber wenn ich ehrlich bin, dann kann er nicht ganz mithalten mit dem V16 BRM, einem englischen Rennwagen von 1949. Den habe ich, wie viele andere Oldtimer, auch gefahren. Der hat wahrscheinlich den lautesten Motor überhaupt. Der Geruch des Auto Union ist ganz eigen. Bis auf den Lenkradbezug gibt es kein Leder, sogar der Sitz ist mit Stoff bezogen. Was dominiert, ist ein leichter Verbrennungsgeruch von den Bremsen und der Kupplung. Zu riechen ist auch das heiße Öl, sozusagen als Geruchsuntermalung. Die Schwaden des speziellen Benzingemischs erreichen den Fahrer immer nur in kurzen Momenten, weil der Motor ja hinten liegt.

Haben Sie sich unsicher gefühlt, es gibt ja weder Airbags noch Knautschzonen?

Etwas, aber ich habe versucht, das zu verdrängen. Außerdem war ich damit beschäftigt, keine Beule ins Auto zu fahren.

Warum hat Audi gerade Sie ausgewählt?

Ich kenne die Leute von Audi schon eine ganze Weile. 1993 habe ich den Audi RS2 für mich entdeckt, das ist ein sehr spezieller Sportkombi, der damals gemeinsam von Audi und Porsche gebaut wurde. Seitdem bin ich Audi-Fan. Vor einiger Zeit durfte ich dann bei mir auf dem Land in Gloucestershire einen Rallyewagen von Audi fahren. Neben mir saß ein deutscher Ingenieur. Ich fuhr deswegen sehr vorsichtig. Irgendwann gab er mir zu verstehen, ich könne schon schneller werden. Das habe ich getan - und damit wohl auch eine Art Auswahltest bestanden.

Sie besitzen mehr als 30 Oldtimer. Wie fühlen die sich an, wenn Sie damit fahren?

Die haben alle einen eigenen Charakter, sie geben unmittelbarer weiter, was mit ihnen passiert. Da kann ich Hinterräder kontrolliert ausbrechen lassen, mit ihnen spielen. Diese Autos sollen keine Museumsstücke sein, sie sind dazu da, gefahren zu werden. Das Schönste ist für mich, mit einem Mann wie dem ehemaligen Formel-1-Rennfahrer Gerhard Berger in einem meiner Autos zu sitzen und von seiner Begeisterung angesteckt zu werden. Zum Beispiel sagt er manchmal: "Nick, dieses Auto können wir noch schneller machen." Für diesen Moment besitze ich Autos. Und auch, damit meine Kinder sie fahren können.

Wie kam es zu Ihrer Leidenschaft für Autos?

Es begann damit, dass mir mein Vater ein Rennwagenmodell mitgebracht hat. Er war Dokumentarfilmer und arbeitete damals an einem Film über die Formel 1. Überhaupt bin ich in einer Welt aufgewachsen, in der Autorennen die allerschönste Freizeitbeschäftigung waren. Mein Vater hat mich nie daran gehindert, in den Motorsport zu gehen. So halte ich es auch in meiner Familie. Und jetzt fahren meine Frau, meine beiden Töchter und mein ältester Sohn Autorennen. Eine Tochter pausiert gerade, weil sie schwanger ist.

Sind die anderen Musiker von Pink Floyd auch so autoverrückt?

David Gilmour, unser Gitarrist und Sänger, ist auch ein paar Rennen gefahren. Die anderen mochten schnelle Autos, aber ich war der Einzige, der das Ganze so weit getrieben hat.

Wer war der beste Auto-Union-Rennfahrer?

Mein Held ist Tazio Nuvolari, der gleich in seinem ersten Jahr auf Auto Union den Großen Preis von Italien gewann. Aber auch Bernd Rosemeyer war ein beeindruckender Fahrer. Rosemeyer hat als Motorradrennfahrer begonnen und brachte dieses Kurvengefühl mit, das man auf zwei Rädern braucht, um erfolgreich zu sein.

Worauf gründet sich eigentlich die Silberpfeil-Legende?

Es ist diese wahnsinnige Kraft und die Schnelligkeit. Das zu spüren ist unglaublich. In einem Auto zu sitzen, das ähnlich stark ist wie moderne Rennwagen, aber vor 70 Jahren konstruiert wurde, das ist faszinierend.

print

Wissenscommunity

Von:

und Michael Specht