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Volkswagen: "Wir müssen nicht alles mitmachen"

Im Reich von Volkswagen geht zurzeit die Sonne nicht unter. stern.de sprach mit dem Produktionsvorstand des Volkswagen-Konzerns, Jochen Heizmann, darüber, warum Volkswagen sich über wachsenden Zulauf an Fachkräften freut, wieso internationale Märkte den Standort Deutschland stärken und warum es kein "Billigauto" von VW geben wird.

Herr Heizmann, in Deutschland wird Volkswagen als vorwiegend deutsche Marke und als deutscher Autobauer wahrgenommen. Wie werden sich die Gewichte in den nächsten Jahren verschieben?

Wir sind ein deutsches Unternehmen, und dazu stehen wir. "German Engineering" stellt für uns einen Wert an sich dar. Wir nutzen unsere Technikkompetenz bereits an 47 global vernetzten Standorten. Wir sind bestens aufgestellt mit unseren bestehenden Werken in Europa, in China sowie in Mittel- und Südamerika. Einen Nachholbedarf sehen wir derzeit in den wichtigen Zukunftsmärkten Indien und Russland. Dort arbeiten wir mit Hochdruck an neuen Fertigungsstätten. So gesehen, verschieben sich natürlich auch Gewichte. Das hat aber keine Auswirkungen darauf, dass wir traditionell ein deutsches Unternehmen sind und bleiben.

Ein deutsches Unternehmen ist eine Sache, aber wird man in Zukunft auch in Deutschland noch Autos herstellen können?

Darauf setzt Volkswagen ganz klar und eindeutig. Es gibt Wachstumsregionen auf der Welt und wir wollen auch in diesen Regionen künftig produzieren um in den Märkten präsenter zu sein, das ist richtig. Dabei kommt dann aber auch ein Wachstumsimpuls nach Deutschland zurück, etwa in den Bereichen der Forschung und Entwicklung oder bei der Versorgung mit hochwertigen Fahrzeugkomponenten ebenso wie über Exporte von Fahrzeugen in kleineren Volumensegmenten aus europäischen Standorten.

Der Standort "Deutschland" wird in der Öffentlichkeit vorwiegend als Belastung dargestellt. Welche positiven Faktoren kann der Standort jetzt und in Zukunft für Volkswagen ins Feld führen?

Da gibt es eine Fülle positiver Aspekte. Das beginnt mit dem international hohen Qualifikationsstand der Mitarbeiter. Der gute Ausbildungsstand unserer Facharbeiter ist ein entscheidender Punkt, die vorhandene Motivation in unseren Mannschaften ist ein weiterer Faktor. Im internationalen Vergleich haben wir eine hohe Anlaufkompetenz beim Start neuer Entwicklungen und Produkte. Auf diese Fähigkeiten müssen wir setzen.

Viele Betriebe beklagen jedoch den Facharbeitermangel. Wie lautet die Botschaft von Volkswagen?

Unsere Erkenntnis lautet: Nur für attraktive Arbeitgeber arbeitet man wirklich gern! Wir benötigen die Besten für unsere ehrgeizigen Ziele. Volkswagen setzt auf kompetente und engagierte Mitarbeiter. Auch gesundheitliche Fitness ist die Voraussetzung für eine Spitzenmannschaft. An allen diesen Punkten arbeiten wir mit Nachdruck. Wenn man Ihre Frage weiter fasst, geht es auch um den Ingenieursnachwuchs in Deutschland. Hier spüren wir derzeit eine sehr positive Resonanz. Schließlich wird auf der Bewerberseite sehr genau geschaut, was bietet die Firma an Entwicklungsmöglichkeiten, wie interessant ist die Arbeit.

Sie sprechen von einer sehr positiven Wahrnehmung von Volkswagen, in die Schlagzeilen ist VW aber auch mit ganz anderen Dingen geraten.

Sicher, in der Vergangenheit ist da einiges an Porzellan zerschlagen worden. Ich spüre aber etwas anderes, wenn ich mich mit den Menschen über Volkswagen unterhalte. Wir bekommen derzeit eine ganz neue Attraktivität, das überwiegt eindeutig. Unser Konzern ist international erfolgreich und strategisch auf Jahre außerordentlich gut aufgestellt.

Sie wollen eine Vielzahl neuer Modelle in den nächsten drei Jahren bringen. Eine dreifache Aufgabe: Mehr Typen, höhere Qualität und gesteigerte Produktivität: Wie soll dieses Kunststück gelingen?

Für mich ist das kein Spannungsverhältnis. Wir müssen uns stetig weiterentwickeln, um unseren hohen Ziele zu erreichen. Wenn wir Jahr für Jahr um zehn Prozent produktiver, also effizienter arbeiten wollen, müssen wir auf der anderen Seite entsprechend wachsen, um Beschäftigung zu sichern.

Wenn wir wachsen wollen, brauchen wir attraktive und neue Produkte. Das ist also quasi Hand in Hand zu sehen: Produktivität steigern, zusätzliches Wachstum durch attraktive und hochwertige Produkte generieren und damit positive Antworten für unsere Mannschaften bieten.

Wo sehen Sie das Potenzial, kontinuierlich diesen Fortschritt in der Produktivität zu erreichen?

Im gesamten Konzern arbeiten wir intensiv im Bereich der Standardisierung von Abläufen. Wir können in fast allen Gebieten noch Prozess- und Termintreuer werden als bisher, vor allem bei unseren anstehenden Produktanläufen. Für unsere Fahrzeuge arbeiten wir mit Hochdruck an der Nutzung eines modularen Baukastensystems. Aus unserem modularen Querbaukasten werden in den nächsten Jahren über 43 Fahrzeugmodelle entwickelt. Wir versprechen uns hiervon deutliche Synergieeffekte, eine optimierte Modellvielfalt und natürlich auch Einsparungen durch sinkende Materialkosten.

Deutschen Herstellern wird gern der Vorwurf gemacht zu technik-verliebt zu sein. Wie wichtig ist die technologische Führerschaft? Kann es auch ein Zuviel an "Top-Technik" geben?

Natürlich kann es auch ein zuviel an Technik geben. Das merken sie spätestens, wenn der Kunde neue Entwicklungen nicht haben möchte. Technik ist kein Selbstzweck, sie muss zu Kundenwerten führen. Technologische Führerschaft heißt, begeisternde Technik bezahlbar herstellen zu können. Erst dann ist man auf dem richtigen Weg. Sehen Sie unsere intelligenten DSG-Doppelkupplungsgetriebe. Wir verbinden hier auf einmalige Weise Sportlichkeit und Dynamik mit geringem Kraftstoffverbrauch. Mit dieser Spitzentechnologie sind wir weltweit führend und der Kunde erkennt den Wert für sich.

Russland ist auf dem Weg, der größte Automarkt Europas zu werden. Wie stellt sich Volkswagen dieser Aufgabe?

Russland ist für Volkswagen einer der wichtigsten Zukunftsmärkte. In unserer neuen Fabrik in Kaluga bei Moskau haben wir bereits Ende 2007 die ersten Fahrzeuge auf russischem Boden montiert. In 2009 wollen wir dann im zweiten Schritt mit einer vollen Produktion starten und nicht bei reinen Montagearbeiten bleiben. Wir werden dort also neben der Montagehalle auch ein eigenes Presswerk, einen Karosseriebau sowie eine eigene Lackiererei aufbauen. Die Fahrzeuge aus Kaluga sind ausschließlich für den russischen Markt bestimmt. Ein solches Projekt ist natürlich nicht wirtschaftlich, wenn wir die hierzu benötigten Rohstoffe und Fahrzeug-Bauteile auf Dauer von Europa nach Russland transportieren. Deshalb lautet die große Herausforderung für uns, in den nächsten Monaten vor Ort die richtigen Partner und Zulieferer zu finden, um diese Dinge zu lokalisieren.

Dann geht es also nicht nur darum, die Zollkosten zu umgehen?

Es ist immer günstiger, Fahrzeuge vor Ort zu fertigen und damit Importzölle einzusparen. Derzeit müssen wir aber noch sämtliche Bauteile für die Fertigung nach Russland bringen. Die hierbei anfallenden Transportkosten gehen wiederum zu Lasten der Einsparungen beim Zoll. Alles in allem ist das derzeit in etwa ein Nullsummenspiel. Daher kann unser Weg nur in die Regionen gehen. Der Schlüssel für die Wirtschaftlichkeit des Projektes ist die sinnvolle Nutzung lokal vorhandener oder aufzubauender Lieferanten und die Nutzung lokaler Rohmaterialen und Ressourcen.

Weltweit wird der Markt der Billigfahrzeuge unter 5000 Dollar enorm wachsen. Volkswagen hält sich das vornehm zurück. Wieso?

Billigfahrzeuge, wie Sie es nennen, sind für den Volkswagen-Konzern grundsätzlich kein Thema. In einer Fahrzeugklasse von 3000 bis 5000 Dollar lassen sich unsere Mindeststandards an Qualität und Sicherheit nicht erfüllen. Wo Volkswagen draufsteht, muss auch künftig Volkswagen drin sein. Wir arbeiten aber sehr wohl an Fahrzeugen, die unseren Vorstellungen entsprechen und die für bestimmte Regionen in der Welt attraktiv sein werden. Mit unserer "New Small Family" von Volkswagen etwa werden wir mit Preisen von rund 6000 Euro in die internationalen Märkte gehen. Darunter gibt es keinen Markt für uns. Sehen Sie, die Anbieter in dem Segment unter 5000 Dollar setzen andere Schwerpunkte. Dort konkurrieren die Hersteller zum Teil mit klassischen Zweirädern als Fortbewegungsmittel für eine ganze Familie.

Dennoch kann man die Vorstellung sehr wohl haben, da tut sich weltweit ungeheuer etwas und Volkswagen verschläft es und nimmt seine Chance nicht wahr.

Wir haben nichts verschlafen. Dieses Thema verfolgen wir seit langer Zeit sehr genau und haben mit unseren neuen Fahrzeugen und Technologien auch bereits die passenden Antworten parat. Es gilt für Volkswagen genau abzuwägen: Was sind die die Werte von Volkswagen? Wie stellen wir unsere Kunden auch langfristig noch zufrieden? Ich bin sicher: Das ist auch eine Frage der Sicherheit und nicht allein eine Frage des Preises. Wir müssen unsere Qualitätsstandards erfüllen, aber wir müssen nicht alles mitmachen.

Das Gespräch führte Gernot Kramper

Wissenscommunity