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Jubiläum: Revolution der Computerindustrie

Vor 40 Jahren begründete IBM mit dem System/360 die Softwareindustrie. Die Entwicklung der damals schrankgroßen Maschine mit einem Speicherplatz von einem Megabyte war eine Revolution.

"Es war wie das Anwerfen eines Kraftwerks. Der doppelte Boden des Rechenzentrums erzitterte, brummende Ventilatoren wühlten die Luft auf, Magnetplatten sangen das hohe C." Der Großrechner System/360 von IBM hinterließ beim Schweizer Schriftsteller Emil Zopfi, der Anfang der siebziger Jahre als IBM- Systemingenieur arbeitete, einen nachhaltigen Eindruck. "Eine Stunde Rechenzeit auf einer IBM/360, das war Computer total." Vor 40 Jahren, am 7. April 1964, kündigte IBM in Böblingen und 77 anderen Orten weltweit das bahnbrechende Großrechnersystem an.

So groß wie ein Schrank

Technik-Historiker stellen das schrankgroße System/360 von IBM in eine Reihe mit dem Model T von Ford oder dem 707-Jet von Boeing. Schließlich begründete IBM mit diesem Großrechner die eigenständige Herstellung von Software. Zuvor waren Betriebssystem und Anwendungsprogramme immer an ein bestimmtes Rechnermodell gekoppelt.

IBM-Chef Tom Watson jr. war Anfang der 60er Jahre bereit, das Schicksal der Firma auf eine völlig neue Basis zu stellen. "Das ist so, als ob General Motors beschlossen hätte, alle seine bisherigen Automodelle aus dem Angebot zu werfen und stattdessen eine neue Autoserie anzubieten, die allen Wünschen gerecht wird, mit nagelneuen Motoren ausgerüstet und mit einem exotischen Treibstoff angetrieben wird", schrieb die Zeitschrift "Fortune" im September 1966.

Erstmals war die Wiederverwendbarkeit von Programmen gewährleistet

"Erstmals wurde ein Großrechner als Rechnerfamilie konzipiert", sagt Ralf Bülow, Computer-Historiker des Heinz-Nixdorf-MuseumForums (HNF) in Paderborn. Damit wurde insbesondere die Wiederverwendbarkeit von Programmen gewährleistet, denn bislang musste Software bei einem Systemumstieg immer wieder neu geschrieben werden. "So konnten Firmen oder Behörden mit einer kleinen Variante des System/360 beginnen und später auf größere Maschinen umsteigen, ohne dass sie Probleme mit der Kompatibilität der Software hatten."

Bei der Einführung des neuen Großrechners griff Watson jr. in die Trickkiste. Im April 1964 war das neue System längst noch nicht fertig. Watson hatte aber mitbekommen, dass der kleine Wettbewerber CDC "den größten und schnellsten Computer der Welt" auf den Markt bringen wollte. Gegen den "Phantom-Computer" von IBM, der erst anderthalb Jahre später tatsächlich ausgeliefert wurde, hatte CDC aber keine Chance mehr. Ein von CDC angestrengter Prozess wegen unlauteren Wettbewerbs endete 1973 dann mit einem Vergleich.

Heute hat jedes Multimedia-Handy einen viel größeren Speicher

Die größte der 360er-Maschinen hatte damals einen Speicherplatz von einem Megabyte. Heute hat jedes Multimedia-Handy einen viel größeren Speicher. Der Großrechner konnte nur von Programmierern bedient werden. Komplizierte Rechenoperationen waren schwierig, denn sie mussten alle auf die Grundform der Addition zurückgeführt werden. Die Daten mussten mit gestanzten Lochkarten eingegeben werden, die Tastatur setzte sich erst in den 70er Jahren als Eingabegerät am Computer durch. Zu den ersten Anwendern, die das System/360 einsetzten, gehörten Versicherungen, Versandhäuser, Ölkonzerne und Krankenhäuser.

In den 70er und 80er Jahren dominierte IBM mit dem System/360 und den Nachfolgemodellen den Markt der Großrechner. Selbst im damaligen Ostblock wurde die IBM-Architektur zum Standard erklärt, obwohl die RGW-Staaten keinen direkten Zugriff auf die Hochtechnologie aus dem Westen hatten. In der DDR wurde das IBM-System unter dubiosen Umständen nachgebaut. Die Großrechenanlage "ESER 1055", ein Klon des IBM-Systems aus dem Sachsenwerk in Dresden, kann heute im HNF in Paderborn besichtigt werden.

Innovation aus Böblingen sicherte den weiteren Erfolg für IBM

Ende der Achtziger schien das Ende der "Computer-Dinosaurier" gekommen zu sein. Kleinere Mini-Rechner boten ein besseres Preis/Leistungsverhältnis. "Die Chip-Technologie der Großrechner war damals an ihre Grenzen geraten, denn die Maschinen wurden viel zu heiß und konnte auch mit Wasser kaum noch gekühlt werden", erinnert sich der deutsche IBM-Forschungschef Herbert Kircher. Eine Innovation aus Böblingen, der Umstieg auf die so genannte CMOS-Chiptechnologie, hauchte den IBM-Dinos neues Leben ein.

Auch 40 Jahre nach der Einführung des Systems/360 sieht Kircher eine strahlende Zukunft für Großrechner, denn kein System arbeite so zuverlässig wie ein Mainframe. Außerdem könnten mit Großrechnern moderne Konzepte wie Computerleistung nach Bedarf ("Computing on Demand") kostengünstig realisiert werden. "Fast alle Menschen haben jeden Tag mit einem Mainframe zu tun, auch wenn sie das so bewusst nicht wahrnehmen. So arbeitet bei einem Geldautomaten oder einer Kreditkarten-Transaktion fast immer ein Großrechner im Hintergrund."

Christoph Dernbach / DPA