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Scheibes Kolumne: Steaks aus dem Web

stern.de-Kolumnist Scheibe liebt das Internet und huldigt seinem stets verfügbaren Shopping-Tempel. Doch die große Frage ist: Kann man hier wirklich alles einkaufen? Auch Lebensmittel? Scheibe macht den Test und bestellt sich ein paar Gourmet-Steaks.

In der Uni lernte ich damals den blonden Lockenkopf Olli kennen. Der konnte hingebungsvoll und stundenlang auf Spanisch fluchen, wenn im Labor etwas nicht nach Plan lief. Noch heute kann ich einige der besseren Schimpfwörter rezitieren, obwohl ich sonst kein Spanisch spreche. "iquo de puta" heißt etwa "Hurensohn". Und ja, das kann man anscheinend auch zu unwilligen Reagenzgläsern im Bakterienlabor sagen.

Olli war nicht umsonst so gut in Spanisch. Er war als Sohn von Deutschen in Kolumbien aufgewachsen und später zusammen mit den Eltern wieder in die Heimat zurückgekehrt. Ollis größter Kulturschock war es damals, dass deutsche Steaks in der Pfanne zusammenschnurren wie Weintrauben in der Sonne - und auf einmal in einer hohen Pfütze Wasser stehen. Olli meinte, kolumbianische Steaks würden das nicht machen. Die würden einfach nur braun und knusprig werden - und gut schmecken.

Einkauf beim richtigen Fleischer

Tatsächlich ist es so, dass es sich bei Fleisch einfach lohnt, beim richtigen Fleischer einzukaufen, auch wenn es da durchaus einen Euro mehr kostet als beim Discounter um die Ecke. Die gewagte Frage ist allerdings: Kann man ein schönes Steak auch im Internet bestellen. Klar bin ich ein bekennender Internet-Junkie und bestelle inzwischen sogar meine Staubsaugerbeutel bei Amazon. Aber verderbliche Lebensmittel?

Vor einigen Jahren gab es einen Feldversuch in Berlin, da konnte man bei einem großen Discounter auch im Internet seinen Wocheneinkauf bestellen. Die Waren wurden einem dann nach Hause gefahren. Ich habe damals nicht teilgenommen, weil ich einfach die persönliche Auswahl schätze. So nehme ich lieber frische Waren aus dem hinteren Bereich des Regals, weil sie in der Regel länger haltbar sind als die Artikel, die vorne liegen. Wenn ich das online bestelle, würde ich da nicht gezielt nur die Waren bekommen, die dringend "weg" müssen?

Immer noch kein Empfang

Zuletzt bin ich aber über eine Web-Seite gestolpert, die machte mich neugierig. Bei Gourmetfleisch (www.gourmetfleisch.de) kann man nämlich Fleisch bestellen. Aufmerksam wurde ich auf die Sache durch das so genannte "Steak-Abo". Da bekommt man das ganze Jahr über Kisten mit Steaks ins Haus geliefert und zahlt dafür etwa 1.300 Euro im Jahr. Ein stolzer Preis für ein paar Steaks. Aber für sein Geld bekommt der Kunde auch ein paar ganz besondere und seltene Stücke Fleisch, darunter etwa ein Bison Rumpsteak, ein Argentinisches Entrecote oder ein Stück Fleisch vom Irish Angus.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich bestelle prompt ein Probepaket. Ob das wohl klappt? Einen Tag später erhalte ich bereits eine E-Mail mit der Meldung, dass mein Paket an den Paketdienst weitergereicht wurde und die Lieferung für den Tag darauf anberaumt ist. In der Tat klingelt der Paketbote am entsprechenden Tag und überreicht mir ein Paket in der Größe einer 2.500-Blatt-Papierkiste. Meine Buchhaltung mosert: "Das ist ja gar nicht gekühlt." Ich kontere: "Kannst du ja von außen gar nicht sehen, meinst du etwa, die binden da von außen einen Eisblock an?"

Gut gekühlte Lieferung

Im Paket steckt ein Styroporkarton und in dem liegen wiederum mehrere Eisbeutel. Sie halten das Fleisch schön kühl, das ich trotzdem schnell herausnehme und in den Kühlschrank trage. Jedes Stück Fleisch ist einzeln "aromaversiegelt" und in Plastik eingeschlagen. In meinem Paket sind zwei Scheiben "Irish Angus Roastbeef-Steak" und zwei Scheiben "American Beef Entrecote Steak" zu finden. Insgesamt haben die Scheiben ein Gewicht von etwa 1,1 Kilo. Auf dem Aufkleber steht genau, woher das Fleisch kommt und wo es zerlegt wurde.

Ein wenig aufgeregt bin ich ja schon. Ich folge den Anweisungen in der beiliegenden Anleitung und nehme das Fleisch eine halbe Stunde vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank. Ich tupfe es mit Küchenzewa ab, heize die gußeiserne Steakpfanne hoch und lasse die Steaks so lange von einer Seite scharf anbruzzeln, bis sie sich von alleine vom Pfannenboden lösen. Dann kommen sie noch in den Ofen. Erst anschließend würze ich - mit meinem Knoblauch-Kräuter-Mix, den ich mir aus den USA mitgebracht habe.

Vertrauen muss wachsen

Die Familie schaut misstrauisch: "Kann man das denn auch essen?". Na klar, auch das Fleisch im Supermarkt muss ja schließlich von A nach B transportiert werden. Trotzdem ist es so, dass man den Internet-Anbieter natürlich nicht so kennt wie seinen Fleischer um die Ecke. Im Web und in den gedruckten Broschüren kann der Online-Händler schließlich viel behaupten. Da muss das Vertrauen erst langsam wachsen. Ich lasse es mir schmecken und bin sehr angetan. Das Steak mundet hervorragend und der Unterschied zwischen Iris Angus und American Beef ist alleine schon optisch gut sichtbar.

Keine Frage: Bin ich Steak-Fetischist und noch dazu gut betucht, dann ist der Lieferdienst für Gourmetfleisch eine echte Option. Vor allem vor wichtigen Geschäftsessen lohnt es sich bestimmt, sich das "Besondere" ins Haus kommen zu lassen. Für meinen persönlichen Geschmack ist der Aufwand allerdings noch zu groß. Ich muss die Steaks schon ein bis zwei Tage vor der Zubereitung bestellen, ich muss sicherstellen, dass das Paket auch zugestellt wird und am Ende bleibt auch noch jede Menge Müll zurück - der Styroporkasten, die Eispakete, die vielen Plastikfolien. Und ganz preiswert ist der Spaß ja auch nicht. So bleibe ich meinem lokalen Fleischer erhalten, weiß aber für die Zukunft, woher ich edle Steaks bekommen kann, wenn ich sie einmal brauche.

Ansonsten gilt auch: Sich über das Internet ernähren - ab sofort ist das kein Problem mehr. Denn ist ein Steak nicht das Gemüse des hungrigen Mannes?

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania