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Sudoku: Die Magie der Zahlen

Ansteckender als die Vogelgrippe: Das aus Asien importierte Nummernspiel Sudoku hat sich in Deutschland und auf der ganzen Welt rasend schnell ausgebreitet. Woher kommt die plötzliche Liebe zu einem kühlen Zahlenrätsel, das bereits 27 Jahre alt ist?

Von Matthias Schmidt

An den Anblick hat man sich inzwischen gewöhnt. Erwachsene, tief gebeugt über ein mit Nummern übersätes Papierstück. Stift kauend, stetig radierend, Stirnfalten werfend. In der U-Bahn, vor dem Check-in, in den Wartezimmern und Zugabteilen der Republik.

Das Volk der Dichter und Denker wurde infiziert von einem asiatischen Virus, das ausnahmsweise mal nichts mit der Vogelgrippe zu tun hat. Es trägt den komplizierten Namen "Suji wa dokushin ni kagiru". Was etwa "Die Zahl muss allein bleiben" bedeutet. Abgekürzt wird daraus das einprägsame "Sudoku".

Klingt wie japanischer Kampfsport. Ist japanischer Kampfsport, nur ohne Matte und Gürtelprüfungen. Ein geistessportlicher Kampf mit den Tücken der Logik. Kombinieren, ausschließen, versuchen und verwerfen innerhalb eines streng begrenzten Gitters mit insgesamt 81 Feldern. Denn in jeder Zeile (von links nach rechts), in jeder Spalte (von oben nach unten) und in jedem 3 mal 3 Felder kleinen Unter-Quadrat dürfen die Zahlen von eins bis neun nur einmal auftauchen. Keine Doppelungen. Sonst: Rätsel falsch, Fehler gemacht, Frust geschoben.

Simple Regeln. Sehr simple. Und dafür gibt eine ganze Nation Geld aus? Für auflagenstarke Knobelhefte und -bücher, Zeitungs- und Zeitschriftenbeilagen, Sudoku-Software für den Computer und das Mobiltelefon, Sudoku-Brett- und Kartenspiele? Nur um ein paar ungenutzte Minuten zu überbrücken in unserer Aber-wir-haben-doch-keine-Zeit-Zeit? Ein Rätsel, dieses Rätsel.

Kerstin Wöge sitzt auf einer kleinen Mauer vor dem Spandauer Rathaus und löst ein Sudoku. Wayne Gould sitzt in einem Flugzeug über dem Pazifik und löst ein Sudoku. Tetsuya Nishio liegt auf einem Ledersofa in seinem Apartment in Higashimurayama, einem Vorort von Tokio, und tüftelt an einem Sudoku. Drei von vielen Fans weltweit. Aber drei, die mit dem Zahlenrätsel auch ihre persönliche Erfolgsbilanz aufgebessert haben. Und die helfen können, hinter das Erfolgsgeheimnis des oberflächlich so eindimensionalen und harmlosen Spielchens zu blicken.

Wöge, 25, trägt seit vergangenem November den Titel der ersten Deutschen Meisterin. "Na ja, das war mehr eine erweiterte Berliner Meisterschaft", relativiert sie. "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und den ganzen Trubel mit Presse- und Fernsehinterviews gab es danach nur, weil es einfach das erste Mal war." Neben dem kurzen Ruhm hat ihr das einen Flug-Gutschein über 500 Euro eingebracht.

Ihr erstes Sudoku

knackte die Berlinerin, zierlich, Pferdeschwanz, blassblaue Augen, bereits lange vor dem aktuellen Trend-Tsunami: vor zehn Jahren in einem Bastei-Rätselheft. "Das war und ist Nervenfutter für mich. Ich kann abschalten und danach super schlafen." Vorteil gegenüber herkömmlichen Kreuzworträtseln: "Beim Sudoku wird nicht bereits vorhandenes Halbwissen abgefragt, sondern man muss geistig beweglich bleiben, neue Strategien finden."

Bei der Weltmeisterschaft, die im März erstmals im italienischen Lucca stattfand, gelang Wöge das leider nicht mehr so souverän. Platz 58. Dafür wurde sie dort auch mit ihr völlig unbekannten Sudoku-Varianten konfrontiert: Irregular Extravaganza, Pandigital, Pips oder Toroidal.

Als Wayne Gould, 60, das erste Sudoku seines Lebens in einem Buchladen in Tokio sah, war er "intrigued", fasziniert: "Das Gitter schrie geradezu danach, ausgefüllt zu werden." Eine Überwältigung, die dem pensionierten Strafrichter einen unerwarteten Unruhestand bescheren sollte. Denn Gould, Mitglied einer Kryptologen-Gesellschaft und Hobby-Programmierer, ersann nach der anfänglichen Begeisterung in den folgenden sechs Jahren ein Computerprogramm für den Entwurf neuer Sudokus.

Um für sein Produkt zu werben, das es auf seiner Internetseite www.sudoku.com noch immer für rund 15 Dollar zu kaufen gibt, bot Gould der englischen "Times" an, seine Sudokus kostenlos zu drucken. Bald lag ganz Europa im Rätselfieber. Und vergaß, dass das einzig Japanische an Sudoku der Name war. Ersonnen haben es ein Schweizer Mathematiker und ein amerikanischer Architekt (siehe Infografik auf Seite 191).

Den weltweiten Siegeszug erklärt sich Gould, inzwischen mehrfacher Millionär, der zwischen den USA und seiner Heimat Neuseeland pendelt, recht pragmatisch: "Sudoku ist sprachunabhängig und kann deshalb nationale und linguistische Grenzen überspringen."

Tetsuya Nishio, eine freundliche Erscheinung mit langen grauen Haaren, gilt als einer der Väter des japanischen Sudoku-Booms. Der 51-Jährige studierte erst französische Literatur, jobbte in einer Galerie und entdeckte schließlich in einer US-Spielzeitschrift ein Rätsel namens "Number Place": "Es ödete mich an, es war zu simpel", erinnert er sich. Die meisten Ziffern waren vorgegeben, ein schneller Zeitvertreib für die Kaffeepause. "Aber ich dachte mir, ich kann ja schwerere und schönere erfinden."

Schwerer: Möglichst wenige Zahlen vorgeben. Mathematiker haben sich nach längeren Versuchsreihen inzwischen darauf geeinigt, nur 17 von 81 Feldern vorzugeben, um zu einer einzigen Lösung zu gelangen. Zwei oder mehrere Lösungsmöglichkeiten gelten unter Sudoku-Fans als verpönt und unelegant.

Schöner: Die Vorgegebenen

Ziffern wie Kreise anordnen. Oder wie Bäume. Dafür zieht sich Nishio, inzwischen weltweit als Sudoku-Großmeister gehuldigt, in sein hauseigenes "Rätselstudio" zurück: Computer, Kopiergerät, Schreibtische, Bücherregale. Den Computer benutzt er jedoch nur, um die Korrektheit seiner neuen Sudokus zu testen. Er entwirft sie im Kopf und zeichnet sie mit Bleistift in ein Schreibheft für Grundschüler. Ein leichtes Sudoku entsteht auf diese Weise in fünf Minuten, ein schweres in zwei bis drei Stunden.

So lange brauchen Laien denn auch, um die schwierigsten Brocken in den Logik-Schwitzkasten zu nehmen. Allein in Japan haben Rätselzeitschriften, die dem Kult Rechnung tragen, inzwischen eine monatliche Gesamtauflage von weit über 600 000. Um den unstillbaren Hunger nach neuem Material zu befriedigen (mathematisch sind 6 670 903 752 021 072 936 960 Varianten denkbar, lässt man Symmetrien, also Doppelungen durch Spiegelungen außen vor, bleiben noch rund 5,5 Milliarden Möglichkeiten), hat sich Nishio seit einiger Zeit eine neue perfide Variante ausgedacht: Killer-Sudokus. Keine einzige Zahl mehr vorgeben. Nur Quersummen für zusammenhängende Felder, die auch die üblichen Unterquadrate überspringen können. Hölle! Nishio: "Wir können diese Rätsel so kompliziert machen, dass selbst ein Champion sechs Stunden dafür brauchen würde."

Wer an seinem Sudoku verzweifelt, ist gut beraten, mal die Freundin oder Arbeitskollegin zu fragen. Oder gleich beide. Auch wenn Sudoku eigentlich eine Aufgabe für alle Geschlechter, für alle Berufs- und Altersgruppen ist - kinderleichte Grundsätze, keine Rechenkünste erforderlich, kein ausgeprägter Wortschatz oder überhaupt Sprachkenntnisse und Bildung -, am Ende wurden bisher nicht die Bayern Meister, sondern die Frauen. Mathematisch begabte und beruflich verbandelte Frauen. Deutschland: Kerstin Wöge, Lehramtsstudentin, Nebenfach Mathe. Zentralschweiz: Cornelia Weibel, Mathe-Studentin. Frankreich: Juliette Thery, Mathe-Studentin. England: Nina Pell, Mathe-Studentin.

Kein Grund für männliche Panik, beruhigt der amtierende Sudoku-Weltmeister - okay, Weltmeisterin - Jana Tylova, Buchhalterin aus Tschechien. Die weibliche Siegessträhne beweise lediglich eines: "Es gibt keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Nicht einmal beim logischen Denken." Auch Kerstin Wöge wiegelt ab: "Das ist nur Zufall, dass bisher die Frauen gewonnen haben", meint sie. "Ich hatte am Ende einfach die besseren Nerven."

Bessere Nerven hätte inzwischen die ganze Welt gern. "Sudoku benutzt unsere Gehirne, um sich wie ein ansteckendes Virus über die Welt fortzupflanzen", schrieb der englische "Observer". Malaysia, Indien, Kanada, Türkei, Frankreich, Israel, Rumänien, Australien, Südamerika und sogar Afrika: Wohin man auch reist, Sudoku ist längst da und schreit "Füll mich aus!". Weltweit gab es im März dieses Jahres um die 340 Sudoku-Bücher, Tendenz stark steigend. Das "Sudoku Magazine" erhält man in 32 Ländern.

Besonders schwer traf es Großbritannien. Als die "Times" zum ersten Mal eines der Rätsel druckte, lautete die allererste Leser-Mail: "Sir, Sudoku-Rätsel sollten einen Warnhinweis tragen. Das ist erst Tag eins, und schon habe ich meine U-Bahnstation verpasst. Hochachtungsvoll, Ian Payn, Brentford."

Neben Dutzenden von Zeitungen sprangen bald auch andere britische Medien auf den Sudoku-Express: Die BBC startete im vergangenen Jahr eine vorweihnachtliche Sudoku-Show - Einschaltquote: 1,6 Millionen Zuschauer -, inzwischen gibt es noch drei weitere Sendungen auf anderen Kanälen. Kurioser Höhepunkt: British Airways musste den Flug-Crews ein Sudoku-Verbot auferlegen. Damit sie sich beim Starten und Landen voll auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren.

Mit den Auswirkungen der Rätselei beschäftigen sich mittlerweile auch Wissenschaftler. Psychologen empfehlen regelmäßiges Lösen als Gehirnjogging und Schutz vor Alzheimer. Das bestätigen auch medizinische Untersuchungen aus Dublin und Chicago. An der Uni im schottischen Edinburgh ermittelte man, dass die tägliche Dosis von Rätseln wie Sudoku Gene aktiviert, die für eine lange Lebensdauer von Gehirnzellen zuständig sind.

Sudokus verbessern die Konzentration und werden von der britischen Armee als Offizierstraining für die grauen Zellen eingesetzt. Und in Grundschulen, um analytisches und unorthodoxes Denken zu fördern.

Auch in Deutschland setzt man auf die heilenden Kräfte von Sudoku. Die Firma Apollinaris wirbt mit ziemlich einfachen Sudokus für "geistige Fitness". Ein kostenloses Apotheken-Magazin will mittels Sudokus "gesundheitsbewusste Kreuzworttüftler" erreichen.

Dr. Thomas Benesch

vom Institut für Medizinische Statistik an der Universität Wien bereitet gerade einen Kurs an der örtlichen Volkshochschule vor: Wie werde ich Sudoku-Großmeister. Benesch: "Ich will den Teilnehmern die Abscheu vor dem Umgang mit Zahlen nehmen. Jeder kann dieses wunderbare Spiel spielen." Sein erster Profi-Trick: "Nie mit Kugelschreiber ausfüllen! Man will sich doch nicht vor anderen zum Narren machen, wenn nach einem Fehler das Sudoku ruiniert ist."

Einen einheitlichen Lösungsweg, mit dem sich jede noch so harte Sudoku-Nuss knacken lässt, gibt es - Großmeister oder Kleingeist - tatsächlich nicht. Man kann an das Gitter intuitiv herangehen oder die einzelnen Felder systematisch durcharbeiten und nach und nach bestimmte Zahlen eliminieren. Oder man probiert einfach eine Zahl aus. Stößt man auf eine Dopplung: alles auf Anfang. Der Zauberwürfel des 21. Jahrhunderts verzeiht keine Fehler.

Trotz aller positiven Nebenwirkungen bleibt Sudoku, nüchtern betrachtet, reine Zeitverschwendung. Weil man Zeit totschlägt, die man eigentlich gar nicht hat. Oder effektiver nützen könnte. Egal - Sudoku ist eben intellektuelles Fast Food, das ein kurzes Glücksgefühl auslöst, bevor man schnell wieder Nachschub braucht. Härteren Stoff.

Das Suchtpotenzial wird bereits in Internetforen fleißig diskutiert. Infizierte beschweren sich, dass sie auf Zugfahrten in Gespräche verwickelt werden und so ihre Sudokus nicht fertig bekommen. Dass sie in der Mittagspause statt zu essen lieber Sudokus lösen, was völlig neue Diät-Konzepte eröffnen würde.

Intensives Sudoken ruft noch eine andere Zivilisationskrankheit auf den Plan: Vereinsamung. Wer, nur mit Bleistift und Radiergummi bewaffnet, mühelos auch mehrstündige Zugfahrten lang in einer Welt aus Zahlenfeldern verschwinden kann, der braucht keine Freunde mehr.

Das sei alles halb so schlimm, meint dagegen Wayne Gould: "Wir haben nicht oft die Gelegenheit, Logik zu praktizieren. Wenn wir Logik anwenden, dann oft in kritischen oder lebensbedrohlichen Situationen. Bei Sudoku fehlt dieser Druck."

Andere professionelle Erklärer erkennen gar politische Dimensionen: In einer Welt voller Terror und Naturkatastrophen helfe Sudoku wunderbar, den Horror des Alltags auszublenden. Die englische Krimi-Schriftstellerin P. D. James erklärt die Popularität des "Hirnlegos" ("Tagesschau") mit unserem fundamentalen Bedürfnis nach "Wiederherstellen von Ordnung". Mit jedem richtig ausgefüllten Sudoku hätten wir unsere Umwelt ein kleines bisschen besser unter Kontrolle. Zumindest ein Teil unserer komplexen Welt sei nun vollständig.

Die Magie der Zahlen,

die abstrakte und doch so geheimnisvolle Welt der Mathematik, fesselt die Menschen nicht erst seit der japanischen Epidemie. Im aktuellen Bestseller "Die Vermessung der Welt" sorgt der Mathematiker Carl Friedrich Gauß für beste Unterhaltung. In der TV-Serie "Lost" spielen unheimliche Ziffern-Folgen eine wichtige Rolle. In der Film- und Buchfassung von Dan Browns "Sakrileg" leitet eine Zahlenreihe die historische Schnitzeljagd ein.

Gut und schön. Aber für ein ordentliches Sudoku braucht man gar keine Zahlen. Es reichen auch Farben, Buchstaben, Symbole oder Fotos. So gibt es in den USA für Kinder ein "Spongebob"-Schwammkopf-Sudoku, in dem kleine Bilder der beliebten Trickserie die Zahlen ersetzen. Die Zukunft also: Sudokus mit der Merkel-Regierung? Der Fußballnationalmannschaft? Den schönsten "Playboy"-Hasen? Jetzt hören wir besser mit dem Denken auf. Wir müssen nämlich noch diese eine verflixte Zahl eintragen...

Mitarbeit: Adrian Geiges, Chie Kobayashi

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Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.