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"Verfolgen statt nur löschen": Hasskommentare bei Facebook und Co.: Wie ein Staatsanwalt dagegen angeht

Facebook ist voll davon: Hasskommentare. Es wird gehetzt und beleidigt, was das Zeug hält. Staatsanwalt Christoph Hebbecker sagt den anonymen Hetzern den Kampf an. 

Staatsanwalt Christoph Hebbecke gegen Hasskommentare bei Facebook

Er kämpft gegen Hasskommentare bei Facebook. Die Ankläger von der "Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen" verfahren nach der Devise "Verfolgen statt nur löschen". Die Zahl der Beschuldigten beläuft sich mittlerweile auf etwa 80.

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Tagtäglich werden unzählige davon geschrieben und gelesen: Hasskommentare bei Facebook und auf anderen Social-Media-Plattformen. Staatsanwalt Christoph Hebbecker will dagegen angehen. Sein Job ist es, die Autoren der hetzerischen und beleidigenden Posts zu ermitteln, um sie dann vor Gericht zu zerren.

Zusammen mit einer Kollegin ist Hebbecker seit vergangenem Jahr für das gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien NRW initiierte Projekt "Verfolgen statt nur löschen" zuständig. Das Sonderdezernat ist bei der 2016 gegründeten "Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen" bei der Staatsanwaltschaft Köln angesiedelt. Es verfolgt gravierende Fälle politisch motivierter Hassrede im Internet. Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke - nach Todesdrohungen im Internet - hat der Ermittlungsarbeit noch einmal eine zusätzliche Dringlichkeit verliehen.

Das Sonderdezernat kooperiert mit Medienhäusern wie dem WDR, RTL und mehreren Zeitungen. Redakteure dieser Medien zeigen Hasskommentare in einem einfachen digitalen Standardverfahren an. Sie haben dafür eine spezielle Weiterbildung erhalten, um besser erkennen zu können, was noch vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist und was eine Straftat sein könnte. Dazu gehören Volksverhetzung und Aufrufe zur Begehung von Straftaten.

Die Abwägung sei schwierig und habe den Redakteuren anfangs Probleme bereitet, erzählt Hebbecker. Inzwischen seien aber viele schon sehr sicher, so dass "in der überwiegenden Mehrzahl der gemeldeten Fälle" tatsächlich Ermittlungsverfahren eingeleitet würden. Weitere Fälle meldet das Bundesamt für Justiz, das die Einhaltung des 2017 erlassenen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes überwacht.

Löschen von Inhalten auf Facebook, Twitter und Co.

Dieses Gesetz sieht das Löschen rechtswidriger Inhalte vor. "Allerdings ist nur Löschen für Strafverfolger nie zufriedenstellend", sagt Hebbecker. "Denn das ist ja so ähnlich wie wenn ein ertappter Ladendieb lediglich aufgefordert würde, die gestohlene Ware nur wieder zurückzulegen." Dagegen stellen die Kölner Staatsanwälte den Leitspruch "Verfolgen statt nur löschen". Die Zahl der Beschuldigten beläuft sich mittlerweile auf etwa 80.

Sie lassen sich nach Hebbeckers Beobachtung in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist gar nicht klar, dass man keineswegs alles sagen darf, was man will. Die anderen ahnen es zwar, rechnen aber nicht mit einer Verfolgung. Hebbecker: "Ich habe noch keinen einzigen Beschuldigten getroffen, der bei einer Durchsuchungsmaßnahme gesagt hat: "Naja, das musste ja so kommen." Sie sind alle extrem verwundert und fragen: "Was ist denn jetzt los?""

Die Beschuldigten stammten aus der ganzen Republik, erläutert Hebbecker. Darunter seien mehr Männer als Frauen, "aber mehr Frauen als ich gedacht hätte". Ältere Männer seien überrepräsentiert, was aber auch daran liegen könne, dass sie tendenziell weniger gut darüber Bescheid wüssten, wie man im Internet anonym bleiben könne.

So durchsuchte die Staatsanwaltschaft vor einiger Zeit die Wohnung des Inhabers eines kleinen Elektrobetriebs. Er hatte im Internet zu Gewalt gegen Flüchtlinge und Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen. "Unrechtsbewusstsein gleich null", schildert Hebbecker. Der Mann wurde zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt und ist damit jetzt vorbestraft.

Gegen Aufrufe von Hass und Gewalt

"Stasi-Hebbecker" muss er sich dafür im Netz schon mal nennen lassen. Der Sonderermittler weist das entschieden zurück. "Kommentare wie "Ich mag keine Flüchtlinge", "Schiebt sie alle wieder ab" oder "Merkel muss weg" sind für uns in keiner Weise relevant", betont er. Es gehe ausschließlich um radikale Aufrufe zu Hass und Gewalt. "Ein Eingriff in die Meinungsfreiheit ist es doch wohl eher, wenn ganze Kommentarspalten abgeschaltet werden müssen, weil die Redakteure die Löschung der Hasskommentare einzeln nicht mehr bewältigen können. "Woher der Hass kommt?" Das ist eine Frage, die auch Hebbecker beschäftigt. Eine Antwort hat er bisher nicht gefunden.

Nordrhein-Westfalen ist nicht das einzige Bundesland, das zurzeit gegen das Phänomen Hatespeech aufrüstet: So baut Hessen zusätzliche Stellen dafür bei seiner Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIK) auf. In Bayern sollen Medienunternehmen spätestens vom Herbst an leichter Strafanzeige wegen Hasspostings erstatten können. Justizminister Georg Eisenreich (CSU) formulierte dafür als neue Leitlinie: "Erst anzeigen, dann löschen!"

deb / dpa