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Videospiel "Might and Magic X Legacy" im Test: Zocken wie in alten Zeiten

Die neuen Spieleblockbuster versuchen laufend sich mit noch besserer Grafik und noch mehr Action zu übertrumpfen. "Might and Magic X Legacy" hingegen setzt bewusst auf Entschleunigung - und Nostalgie.

Von Dominik Brück

Spiele, in denen man durch aufwendig gestaltete 3D-Welten laufen und einen gewaltigen Drachen nach dem anderen mit spektakulären Schwertkombinationen zur Strecke bringen konnte, gab es früher nicht. Stattdessen saß man mit Freunden gemeinsam am Wohnzimmertisch, kritzelte Zahlen und klangvolle Namen auf einen Zettel und spielte, ganz wie die vier Nerds aus der Serie "The Big Bang Thory", eine Art Phantasierollenspiel ("Pen & Paper").

Die Drachen und Ritter in glänzenden Rüstungen entstanden im Kopf, spezielle Würfel (meist mit zehn Seiten und mehr) entschieden über Sieg oder Niederlage. Später übernahmen die ersten Rollenspielabenteuer auf dem Computer die komplizierte Rechnerei. Trotz Monitor spielte die Phantasie aber weiter eine wichtige Rolle, da die Spiele recht pixelig waren und man nur unter größten Anstrengungen Freund von Feind unterscheiden konnte.

Heute denken die meisten Gamer bei Rollenspielen sofort an große Blockbuster wie "Skyrim" oder "World of Warcraft". Hier stehen trotz genretypischer Elemente - etwa unterschiedliche Klassen und die Aufwertung der Charaktere mit Fähigkeitspunkten - Grafik und Action im Vordergrund. Die "Might and Magic"-Reihe verfolgt ein anderes Konzept und setzt auf ein eher gemächliches Spieltempo, das den Spielern die Möglichkeit gibt, lange über taktische Entscheidungen nachzudenken. Die Entwickler wollen so den Charme klassischer Rollenspiele einfangen, der viele Fans noch heute begeistert.

Runde für Runde durch die Welt

"Ein wichtiger Aspekt für uns war es, das Spiel in enger Zusammenarbeit mit den Spielern zu entwickeln", sagt Johannes Pfeifer, Leveldesigner für "Might and Magic X Legacy". Das Spiel ist seit dieser Woche im Handel zu haben. Durch regelmäßiges Feedback haben sich die Entwickler viele Ideen für die Gestaltung der Spielwelt geholt. Das Spielprinzip hat sich im Vergleich zu den Vorgängern kaum verändert: Rundenbasiert entdeckt der Spieler die Agyn-Halbinsel und kämpft sich durch insgesamt 20 verschiedene Dungeons. Die frei begehbare Welt ist dabei wie ein Schachbrett in einzelne Felder unterteilt. Bewegt sich der Spieler von einem Feld in das nächste, gilt das als eine Runde. Nach diesem Prinzip wird auch der Wechsel von Tag und Nacht berechnet: Ist der Spieler bei Tag eine bestimmte Anzahl von Feldern gegangen, bricht die Nacht herein. In der Dunkelheit begegnet man dann anderen Monstern und kann Geheimnisse entdecken, die am Tag nicht zu sehen sind.

Von "dem" Spieler zu sprechen ist dabei eine ungenaue Beschreibung: Statt eines Helden hat man gleich die Kontrolle über vier wackere Recken mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Diese kann man sich zu Beginn des Spiels frei zusammenstellen und aus insgesamt zwölf Klassen und vier Rassen wählen - die Kombinationen bestimmen dann auch den Spielstil und machen bestimmte Situationen leichter oder schwerer. "Eine falsche Auswahl kann man aber nicht treffen. Das Spiel ist mit jeder Zusammenstellung lösbar", beruhigt Pfeifer. Im Kampf kommt es dann darauf an, die gewählten Fähigkeiten sinnvoll zu kombinieren, um so die Gegner zu besiegen. Aufgrund des rundenbasierten Spielsystems hat der Spieler unbegrenzt Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Eine falsche Entscheidung hat dafür aber auch schwerwiegendere Konsequenzen als bei Spielen in Echtzeit.

Besonderes Augenmerk auf Spieltiefe und Story

Ansonsten enthält "Might and Magic X Legacy" alle genretypischen Elemente: Aufgaben erfüllen, Erfahrungspunkte und Ausrüstung sammeln und so den Charakter Schritt für Schritt verbessern, darauf kommt es in dem Spiel an. Dabei können Liebhaber klassischer Rollenspiele ihren Charakter bis ins kleinste Detail managen, um so vielleicht doch noch 0,1 Prozent mehr Energie herauszuholen. Wer das nicht will, kann das Spiel aber auch so lösen. Zwischen den Quests erkundet man die Wildnis oder die vier großen Städte, spricht mit den Bewohnern von Agyn und erhält so neue Aufgaben, Informationen oder Gegenstände. Die Grafik ist dabei nicht auf der Höhe der Zeit, sondern entspricht eher der 3D-Umgebung von Spielen, die vor fünf Jahren auf den Markt gekommen sind. Schlecht sieht die Welt von "Might and Magic X Legacy" aber nicht aus, besonders die Zauberei- und Lichteffekte sind schön anzusehen. "Die Begeisterung für das Spiel soll wie schon bei den älteren Titeln der Reihe durch Spieltiefe und Story entstehen", sagt Pfeifer.

Fazit: Rollenspielnostalgie, die Spaß macht

Das ist den Entwicklern insgesamt sehr gut gelungen. Von Beginn an fühlen sich Rollenspielveteranen an vergangene Tage erinnern und haben Freude daran, ihre Helden zu hegen und zu pflegen. Besonders die Möglichkeit, genau zu beobachten wie sich die Werte der Charaktere verändern, holt tatsächlich den Charme des Wohnzimmertisches wieder zurück. Auch die erforderliche taktische Finesse ist ein angenehmer Unterschied zu den hektischen Klickorgien à la "Diablo 3" oder plötzlich auftauchenden Monstern in "Skyrim". Man kann sich auch mal zurücklehnen, kurz in die Chipstüte greifen und den nächsten Schachzug planen. Die Story enthält alles, was man von typischen Rollenspielen gewohnt ist und fesselt den Spieler mit vielen Nebenquests und zu entdeckenden Orten 30 bis 40 Stunden an den Monitor. Laut Leveldesigner Pfeifer dauert es rund 80 Stunden, alle Geheimnisse der Spielwelt zu entdecken.

Das Spiel ist dabei gut ausbalanciert: Für den Spieler ist im Kampf immer nachvollziehbar, warum er an dieser oder jener Stelle gestorben ist. Besonders bei den Endgegnern eines Dungeons motiviert das zum mehrfachen Herausfordern, um die eigene Taktik weiter zu verbessern. Dass die Grafik nicht den technischen Möglichkeiten moderner Computer entspricht, ist zu verschmerzen und fällt nur in den ersten Stunden auf, da man als Gamer einfach andere Standards gewohnt ist. Dafür kostet das Spiel inklusive einiger Extras und einem Downloadcode für "Might and Magic 6" nur 28,99 Euro. Wer auf rasante Action und brillante Grafik besteht, sollte jedoch auch bei diesem günstigen Preis die Finger von "Might and Magic X Legacy" lassen. Für alle Rollenspielnostalgiker und jene die es werden wollen, lohnt sich der Kauf auf jeden Fall.

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