HOME

Neuartiges Soundsystem "Videowave" von Bose: Flacher Fernseher, runder Klang

Mit einer neuen Heimkino-Anlage verspricht Audio-Spezialist Bose gleich zwei Neuerungen, auf die in vielen Wohnzimmer gewartet wurde: Surround Sound aus dem Flachfernseher, ohne Strippenziehen - und dazu noch einfaches Benutzen dank schlauer Fernbedienung. Kann das klappen?

Von Karsten Lemm, Boston

Vögel zwitschern, Uhren ticken, Donner grollt, bis der Raum davon widerhallt. Das Tongewitter kommt von vorn, von hinten, von links und rechts, von überall - und doch sind nirgends Lautsprecher zu sehen, die diese Rundumbeschallung erklären würden. Das ist seltsam, denn normalerweise gilt: Wer im Heimkino die gleiche Form von Ohrenkitzel genießen will wie vor der Leinwand im Filmtheater, muss Strippen ziehen und mindestens fünf Lautsprecher so aufstellen, dass der Klang aus allen Richtungen kommen kann.

Nun verspricht der US-Hersteller Bose, den gleichen Effekt weit bequemer zu erreichen: mit einem Home-Entertainment-System, das die ganze Fülle an Rundum-Klang aus Lautsprechern zaubert, die in den Fernseher mit eingebaut sind. "Das einzige Kabel, das es gibt, läuft vom Steuergerät zum Bildschirm", erklärt Santiago Carvajal, Bose-Direktor für Video-Systeme. Mit der neuen "Videowave"-Anlage hat sich der amerikanische Audio-Pionier gleich noch eine weitere Revolution vorgenommen: Obwohl sich bis zu fünf Geräte zusätzlich anschließen lassen, besitzt die Fernbedienung nur Knöpfe für häufig gebrauchte Grundfunktionen, wie Lautstärke und Programmwechsel - alles Weitere übernimmt eine Menüsteuerung auf dem Fernseher, die sich auf die Eigenschaften der übrigen Geräte, vom Satelliten-Receiver bis zum iPod, individuell anpasst.

Keep it simple!

Der Auftrag an die Entwickler lautete, eine Heimkino-Anlage zu bauen, die unkompliziert aufzustellen ist und sich so einfach bedienen lässt wie nur möglich, erklärt Carvajal. Nur ein Drittel aller Haushalte, die sich für Home Entertainment interessieren, hätten bisher tatsächlich Geld dafür ausgegeben. "Was viele abschreckt, ist die Komplexität", sagt der Bose-Manager. Kabel verlegen und Möbel umstellen sei das eine, die Fülle an verwirrender Elektronik das andere. "Es kommt oft vor, dass der ganze Tisch von Fernbedienungen übersät ist, und nur einer im Haus weiß, wie sie funktionieren."

Bei der Videowave-Anlage dagegen erklärt sich die Bedienung weitgehend von allein: Per Knopfdruck erscheint auf dem 46 Zoll (117 Zentimeter) großen Flachbildschirm ein Menü, das sich je nach Gerät ändert. Beim iPod etwa zeigt es Funktionen für die Musik-Auswahl, beim DVD-Spieler dagegen die gewohnten Tasten zum Vor- und Zurückspulen, für die Kapitelwahl und das DVD-Menü. Was jedes Gerät kann, weiß die Bose-Anlage dank einer eingebauten Datenbank, die für neue Modelle regelmäßig aktualisiert wird. Um dem schlauen "Click Pad" beizubringen, was daheim in der guten Stube steht, soll es reichen, einige Knöpfe auf der bisherigen Fernbedienung drücken, verspricht Bose. Aus den Infrarot-Signalen der Anderen lernt die Bose-Fernbedienung selbstständig, was sie wissen muss, um künftig selbst die Kontrolle zu übernehmen.

"Die Fernbedienung war unser größtes Risiko bei diesem Projekt", sagt Carvajal. Denn damit betrat die Firma, die sich auf das Erschaffen von Tonwelten spezialisiert hat, völliges Neuland. Zum ersten Mal auch bietet der 1964 gegründete Hi-Fi-Pionier ein Gerät mit Bildschirm an - das war die Voraussetzung für die neue, menügesteuerte Fernbedienung. "Um die Nutzerführung zu vereinfachen, mussten wir bestimmen können, was auf dem Fernseher zu sehen ist", erklärt der Bose-Manager. Daher lässt sich das neue "Click Pad" auch nur mit dem Videowave-System nutzen, nicht mit Home-Entertainment-Anlagen anderer Hersteller.

Die Physik überlisten

Beim Surround Sound waren die Entwickler ganz in ihrem Element - und doch brauchten sie zehn Jahre, um ihr ehrgeiziges Ziel zu erreichen: Zuhörern vorzugaukeln, dass eine Biene links am Ohr vorbeifliegt oder rechts hinter ihnen ein Wasserfall plätschert, obwohl die Lautsprecher in der Rückwand des Fernsehers verborgen sind. Der Trick ist eine Art Leitsystem für Töne, "PhaseGuide" genannt, das es ermöglicht, Schall ähnlich präzise zu steuern wie Licht mit einem Laser. "Im Grunde projizieren wir den Klang in den Raum, sodass Sie ihn dort wahrnehmen, von wo er reflektiert wird", erläutert Carvajal. Auf diese Idee sind im Prinzip auch andere Hersteller schon gekommen: Sogenannte Soundbars oder Soundprojektoren werden allerdings als flache Box - also als Extra-Gerät - vor das TV-Gerät gestellt. Deren Klangqualität kann stark von von der Beschaffenheit und Größe des Raums sowie dem Sitzplatz der Zuhörer beeinflusst werden. Bose verspricht, dass die Videowave den bestmöglichen Klang in fast jedem Raum zaubern kann.

Das ist nicht leicht, denn Schallwellen lassen sich normalerweise nur schwer bündeln. Um die Physik zu überlisten, ließen sich die Bose-Entwickler eine Anlage mit sieben Lautsprechern einfallen, die von einer komplexen Elektronik gesteuert wird. Aus Zehntausenden von Varianten pro Kanal errechnet sie fortwährend, wie die Lautsprecher zusammenspielen müssen, um die Illusion zu erzeugen, dass die Töne nicht nur von vorn, sondern aus bestimmten Richtungen kommen. Mit einer weiteren Spezialtechnik namens "AdaptIQ" analysiert die Videowave-Anlage obendrein die Klang-Eigenschaften des Raums, in dem sie aufgestellt wird, um sich darauf einzustellen - denn nur wenn das Gerät seine Umgebung kennt, kann es die Reflexionen der Schallwellen korrekt berechnen. "Bei unseren Stereo-Anlagen ist 'AdaptIQ' ein Extra, das hilft, die Klangqualität zu verbessern", sagt Carvajal. "Das Videowave-System dagegen könnte ohne diese Technik gar nicht arbeiten."

Bei einer Demonstration der neuen Anlage in der Bose-Firmenzentrale in Framingham bei Boston zeigten sich Experten beeindruckt. "Bose hat ein tolles Produkt hinbekommen", sagt Theo Wubbolts, Chefredakteur der Magazine "Hifi Video Test" und "Smart Homes" in Rotterdam. "Viele Menschen wollen keine Kabel verlegen und keine extra Lautsprecher aufstellen." Oft blieben bei Surround-Anlagen mehrere Lautsprecher sogar im Karton, erzählt Wubbolts, weil den Kunden nicht klar sei, dass alle fünf gebraucht werden, um den Rundumklang zu erzielen. "Das Videowave-System ist eine Lösung für eine große Gruppe von Menschen", sagt der Niederländer. "Abhängig vom Preis hat es ein Riesenpotenzial."

Der Preis könnte ein Problem werden ...

Das allerdings dürfte für viele die Hürde sein: 6998 Euro verlangt Bose für das neuartige Unterhaltungssystem, das Mitte Oktober auf den Markt kommen soll. Anlieferung und Aufstellen sind im Preis inbegriffen. Wer möchte, kann dem Lieferservice sogar gleich den alten Fernseher zum Entsorgen mit auf den Weg geben. Viel Geld, trotz allem, und doch gibt sich Santiago Carvajal zuversichtlich. "Wir glauben, dass wir genügend Kunden finden, damit sich das Produkt rechnet", sagt der Bose-Manager. "Wenn wir sehen, wie begeistert die Menschen bei Vorführungen reagieren, wissen wir, dass wir etwas Besonderes geschaffen haben."

Für Normalverdiener bleibt derweil die Hoffnung auf erschwinglichere Modelle in der Zukunft. Lizenzieren wolle Bose die patentgeschützte Technik zwar nicht, sagt Carvajal, aber immerhin hat die Firma für das Videowave-System hausintern eine neue Abteilung geschaffen und den 42-jährigen Lateinamerikaner zum Direktor für Video-Systeme ernannt. "Wir sehen hier eine neue Produktkategorie", erklärt Carvajal. "Dies ist nur der Anfang."

Themen in diesem Artikel