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Anschlag in Neuseeland Video und Manifest des Massenmörders gehen viral: Warum die sozialen Netzwerke versagt haben

Die Welt ist in Gedanken in Neuseeland. Nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch sind das weltweite Entsetzen und die Trauer grenzenlos. Mindestens 49 gläubige Muslime wurden getötet. Die internationalen Pressestimmen:


Londoner "Independent": Die Massaker in Christchurch sind eine Mahnung, dass sich rechtsextremistischer - ähnlich wie islamistischer - Terrorismus global ausbreitet."


"Neue Zürcher Zeitung": "Der Hass auf Andersdenkende, Andersgläubige oder Andersaussehende, so viel ist klar, ist tief verwurzelt in all unseren Gesellschaften. Und er beschränkt sich längst nicht auf bärtige Männer, die "Allahu Akbar" rufen."


Italienische Tageszeitung "La Stampa": "Der Angriff hat einen Teil der Welt getroffen, in dem man dachte und hoffte, den Fanatismus in Zaum zu halten. Jetzt muss man sich auch hier mit dem Feind im Innern auseinandersetzen."


Amsterdamer Zeitung "de Volkskrant": "Die multiethnische Gesellschaft verursacht Spannungen. Diese Spannungen aufzulösen oder abzubauen, ist ein Auftrag an alle. Darüber muss eine offene Debatte geführt werden."


Londoner "Times": "Die vordringlichste Reaktion freier Gesellschaften auf diesen Terroranschlag muss darin bestehen, das Ausmaß der Bedrohung durch den Rechtsextremismus zu erkennen. Eine vergiftete Subkultur der Feindseligkeit gegenüber Muslimen und dem Geist einer pluralistischen Gesellschaft hat im Informationszeitalter Auftrieb bekommen."


US-Präsident Donald Trump auf die Frage, ob weißer Nationalismus weltweit eine wachsende Bedrohung darstellt:


"Ich denke, nicht wirklich. Ich denke, es handelt sich wohl um eine kleine Gruppe von Menschen, die sehr sehr ernsthafte Probleme haben."
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Eine ganze Stunde lang war der Livestream des Schützen von Christchurch auf Facebook zu sehen. Und auch nachdem sein Profil blockiert wurde, verbreitete sich das Video über die sozialen Netzwerke. Der Fall zeigt, wie fehlerhaft die Kontrollmechanismen sind. 

Die Terror-Attacke auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hat weltweit Trauer und Entsetzen ausgelöst. Besonders perfide bei diesem Anschlag: Der Haupttäter streamte den Angriff live auf Facebook. Die Aufnahmen davon, wie er aus nächster Nähe seine Opfer erschießt, sind extrem brutal. 

Die Polizei rief alle Internetnutzer auf, das Video nicht weiterzuverbreiten. "Dass ein Attentäter eine Gewalttat live bei Facebook überträgt, ist ein offensichtlich neues Vorgehen", erklärte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, der "Rheinischen Post". "Terrorismus will Angst und Schrecken in der Gesellschaft erzeugen und verbreiten - mit sozialen Medien wie Facebook und Twitter geht das weltweit und unmittelbar."

Wie unmittelbar, demonstriert nun der Anschlag in Christchurch. Denn trotz des grausamen Inhalts, war das Video mindestens eine Stunde lang auf dem Facebook-Account des Schützen zu sehen. Erst nachdem sich die neuseeländische Polizei an das soziale Netzwerk gewandt hatte, wurde sein Profil gesperrt. Auch der Livestream sei entfernt worden, teilte Facebook mit. 

Warnhinweis, aber keine Löschung?

Doch da war es längst zu spät. Immer noch geistern Kopien des Videos durch das soziale Netzwerk. Mit demselben Problem haben auch Youtube und Twitter zu kämpfen. Man arbeite daran, jegliche gewalttätige Inhalte zu entfernen, beteuerte Youtube via Twitter. Doch offenbar ist man auch hier damit überfordert. Außerdem sollen einige der verbreiteten Kopien zuerst nur mit einem Warnhinweis versehen worden sein - ohne dass sie entfernt wurden. Davon berichten zahlreiche Nutzer im Netz.

Auch das Bekennerschreiben des festgenommen Schützen, das zunächst auf Twitter veröffentlicht wurde, verbreitet sich rasend weiter. Dass sowohl das Video als auch das Schreiben derart viral gehen konnten, zeigt, wie schwach die Kontrollmechanismen der Netzwerke sind. 

"Das ist Teil der Propaganda-Strategie"

Der Terrorismus-Experte Peter Neumann fordert von den großen Internetfirmen daher einen stärkeren Einsatz im Kampf gegen Terror und Gewalt.  Zwar sei eine hundertprozentige Live-Überwachung von YouTube, Facebook und anderen Online-Plattformen zum Aufspüren blutrünstiger Terrorpropaganda unrealistisch, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dennoch könnten die Unternehmen mehr tun als bislang, um etwa die Übertragung von Attentaten zu erschweren. "Gegen die rasante und massenhafte Verbreitung lässt sich nur mit mehr Einsatz von Personal und Technik vorgehen, mit deren Hilfe diese brutalen Videos gelöscht werden", sagte Neumann, der am Londoner King's College zu Extremismus und Radikalisierung forscht.

Die brutale Tat live zu übertragen dient zum einen einer narzisstischen Selbstinszenierung des Täters", erklärte Neumann. "Zum anderen soll die Tat so medial verbreitet werden. Das ist neben Manifest und Verweisen durch den Attentäter Teil der Propaganda-Strategie." Die einschlägigen Online-Plattformen könnten dies mit geeigneten Mitteln durchkreuzen "und so auch ihrer Verantwortung als global agierendes Unternehmen" gerecht werden.

Im Video: Mordanklage gegen mutmaßlichen Moschee-Attentäter von Christchurch

ivi

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