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Leistung oder Privatsphäre Eine einzelne Mail zeigt, wieso Apple komplett anders tickt als Google oder Microsoft

Apples Software-Chef Craig Federighi hält Privatsphäre für eines der wichtigsten Themen
Apples Software-Chef Craig Federighi hält Privatsphäre für eines der wichtigsten Themen
© Marcio Jose Sanchez/ / Picture Alliance
Das größte App-System der Welt aufbauen, inklusive Topspielen und sogar Windows, alles über die Cloud – diesen Vorschlag hatte Apples Software-Chef 2017 auf dem Tisch. Und schmetterte ihn ab. Die Begründung zeigt gut, wie sich der Konzern von seinen größten Konkurrenten unterscheidet. 

Es war eine für die Zeit durchaus revolutionäre Vision: Statt Apps, Spiele und Daten auf dem Smartphone oder Laptop zu berechnen, könne man auch alles in die Cloud heben – und so alle Apple-Geräte zu einem einzigen, mächtigen System ausbauen, das auch jede noch so anspruchsvolle Aufgabe schafft. Das schlug ein Teamleiter 2017 vor. Doch Software-Chef Craig Federighi lehnte ab.

Die richtungsweisende Entscheidung wurde gerade im Rahmen des Gerichtsstreites mit dem "Fortnite"-Entwickler Epic Games bekannt. Apple hätte damals die Option gehabt, mit LiquidSky den ersten Dienst aufzukaufen, der erfolgreich hochqualitative Spiele über die Cloud anbot. Doch Federighi hielt von der Vision offenbar ziemlich wenig.

Abgeschmetterte Revolution

Das lässt sich schon am Ton seiner Mail ablesen. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", schreibt er gleich im zweiten Satz seiner Antwort auf den Vorschlag. Und geht dann direkt ans Eingemachte: "Du schlägst eine massive Verschiebung in der Art vor, wie wir unseren Kunden Rechenleistung zur Verfügung stellen, offenbar getrieben von einer opportunistischen Übernahme-Möglichkeit." Der Vorschlag würde vielleicht für die Konkurrenten Sinn machen. "Aber kaum für Apple."

Dabei klingt der Vorschlag durchaus interessant: Mit einer Cloud-Plattform auf Basis von LiquidSky könnte man sämtliche Apps direkt auf das Endgerät streamen, schlägt Manager John Stauffer vor. Die Geräte würden dadurch quasi zum Abspielgerät reduziert, könnten andererseits aber jegliche noch so anspruchsvolle Software wie aufwendige Spiele oder rechenintensive Programme unabhängig von der Hardware abspielen. "Es wäre das weltgrößte App-Ökosystem", schwärmt Stauffer. Und würde mit seiner Größe potenziell auch Entwickler anlocken, die sonst gar keine Programme für die einzelnen Apple-Geräte anbieten.

Doch Federighi möchte die Begeisterung nicht teilen. Zum einen hinterfragt er die Fähigkeiten LiquidSkys, die Vorschläge überhaupt umzusetzen. Zum anderen hält er aber auch von dem Vorschlag selbst sehr wenig. "Wir können das jetzt Punkt für Punkt durchgehen und prüfen, ob 1) Apple diesen Bereich priorisieren will und 2) das Streaming der Benutzeroberfläche unser bevorzugtes Vorgehen ist", erklärt er – und lässt es dann aber lieber gleich. "Wenn ich die Liste eben überfliege, ist die Antwort nein", serviert er die Idee gnadenlos ab.

Cloud lieber vermeiden

Dass ausgerechnet der Software-Chef den Vorschlag so hart abschmettert, mag zunächst irritieren. Tatsächlich passt es perfekt zu dem auch von Federighi immer wieder geteilten Ansatzes des Konzerns mit Software und Cloud-Diensten. Während die Konkurrenten wie Google und Microsoft ihre künstliche Intelligenz und mehr und mehr ihrer Dienste auf Basis von Cloud-Berechnungen und der dafür benötigten Verwertung der Nutzerdaten betreiben, grenzt sich Apple in den letzten Jahren immer weiter von diesem Ansatz ab. 

"Wir verwenden alle möglichen technischen Mittel, um so wenige Daten sammeln zu müssen wie möglich", erklärte Federighi schon im Mai 2019 im Gespräch mit dem stern. "Sie sollen auf den Geräten bleiben. Und wenn sie doch in die Cloud müssen, sollen nur Sie den Schlüssel zum Entsperren besitzen und nicht wir." So ließe sich etwa auch verhindern, dass sich Regierungen die Daten von den Cloud-Anbietern herausgeben lassen könnten.

Fokus auf Hardware

Diese Argumentation vertritt Apple heute eher noch stärker. Der Konzern hat in den letzten Jahren immer stärker den Schutz der Privatsphäre als Alleinstellungsmerkmal und Kaufgrund hervorgehoben. Und kann das auch glaubwürdiger als die Konkurrenten vertreten: Während etwa Microsoft und Google ihr Geld mit Software und der Verarbeitung von Nutzerdaten verdienen und Hardware nur als Nebengeschäft und Zugangspunkt anbieten, ist Apple trotz seines wachsenden Fokus auf die Service-Sparte in erster Linie ein Hardware-Konzern, der Software nur nutzt, um die Nutzungserfahrung der Hardware aufzuwerten.

Das kommt auch in einem weiteren Grund heraus, den Federighi gegen das App-Streaming anführt. "Unsere Stoßrichtung in immer noch stärkere Prozessoren für iPhone und iPad und auch Olive lassen eine solche strategische Neuausrichtung noch weiter gegen das stehen, was wir als Mehrwert für den Kunden anbieten", schreibt er da. Tatsächlich konnte sich Apple mit seinen selbstentwickelten Smartphone-Prozessoren seit 2017 immer weiter von der Konkurrenz absetzen, mit dem im letzten Herbst vorgestellten Computer-Chip M1 – der sich nach Vermutung einiger Beobachtung auch hinter dem mysteriösen Code-Wort Olive in der Mail versteckt – gelang das auch im Computerbereich.

AirTag von Apple

Würde Apple anfangen, sein gesamtes Ökosystem nur noch auf die Geräte zu streamen, wäre das für die Service-Sparte eventuell von Vorteil, bei der Hardware-Sparte wäre es ganz sicher ein Nachteil. Denn: Warum sollte man teuer ein neues Smartphone oder Tablet kaufen, wenn das alte per Cloud-Berechnung exakt die gleiche Leistung erhalten würde. Von den zahlreichen Problemen der Cloud-Streamingdienste bei Verbindungs-Problemen und Übertragungslatenz mal ganz abgesehen.

Das weitere Schicksal von LiquidSky dürfte für Apple zudem kein Grund sein, die damalige Entscheidung zu hinterfragen: Das Unternehmen wurde letztlich vom Supermarktgiganten Walmart gekauft. Und der Spielestreaming-Dienst kaum ein Jahr nach Apples Mail-Austausch eingestellt. Dafür sind andere Konzerne in den Markt eingetreten - Google, Microsoft und Amazon.

Quelle: Gerichtsunterlagen


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