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Gaming Apple und seine Streaming-Box: Symbol für eine vertane Chance

Gaming: Das AppleTV kann zwar zocken - den Fokus legt Apple aber nicht darauf
Das AppleTV kann zwar zocken - den Fokus legt Apple aber nicht darauf
Mit dem jüngsten Upgrade bekommt das Apple TV jede Menge Leistung. Aber eine Chance hat Apple erneut auf dem Tisch liegen lassen: Die endgültige Eroberung des Wohnzimmers mit dem AppleTV als Spielekonsole.

Apple und Gaming: Das ist eine schwierige Beziehung. Einerseits ist die Spielerubrik einer der erfolgreichsten Bereiche des App Stores, dann betont Apple mit jedem neuen Prozessor die noch weiter gestiegene Grafikleistung und stellt prominent Spiele auf der Bühne vor. Andererseits steht der Konzern sich aber immer wieder im Weg, wenn es darum geht, mal Nägel mit Köpfen zu machen - und tatsächlich mit den Herstellern der Spielekonsolen in den Ring zu steigen. Jüngstes Beispiel: Die gestrige Vorstellung des neuen AppleTV 4K.

Die erschien längst überfällig. Seit September 2017 ist Apples erste 4K-fähige Streamingbox unverändert im Handel. Der A10X-Fusion Prozessor war damals der Stand der Dinge. Jetzt, dreieinhalb Jahre später, bekommt das AppleTV endlich mehr Leistung. Und die Vorfreude der Spielefans einen herben Dämpfer. Denn während die ebenfalls gestern vorgestellten neuen Modelle des iMac und des iPad Pro mit dem neuen M1-Prozessor einen gigantischen Leistungsschub bekommen, ist der des AppleTV deutlich kleiner. Statt dem enorm potenten M1 bekommt es nur den A12-Chip, den Apple 2018 mit dem iPhone XR vorstellte. Ein klareres Statement hätte man von Apple kaum zu seinen Gaming-Plänen bekommen können.

Apple und Games gehören längst zusammen

Die Entscheidung erscheint unverständlich. Apple hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Player des Spielemarktes entwickelt. Alleine in der ersten Hälfte 2020 hatte der Konzern laut "Statista" 22,2 Milliarden Dollar durch Spiele eingenommen. Das liegt sicher auch daran, dass Apple aktiv auf die Spieler zugeht. Seit iOS 13 unterstützen Apples Mobilgeräte ganz offiziell die Controller von Playstation und Xbox, mit Apple Arcade bietet der Konzern gar einen eigenen Abodienst an, in dem hochwertige Spiele als Flatrate buchbar sind.

Damit hätte Apple eigentlich die perfekte Grundlage, für die Strategien, die Nintendo und Microsoft in den letzten Jahren verfolgen - ohne deren Beschränkungen zu haben. Beide Hersteller bemühen sich immer mehr, der Flut an mobilen Spielen entgegen zu treten, indem man die Games von der traditionellen Konsole loslöst. Nintendo hat dazu die Switch auf den Markt gebracht, seine Mobil- und Heimkonsolen damit in einem Gerät vereint. Microsoft versucht es mit einem anderen Weg: Xbox, das soll künftig nicht mehr nur für eine Konsole stehen, sondern für ein Ökosystem, auf das sich von jedem Gerät zugreifen und darüber spielen lässt. Der im letzten Jahr vorgestellte Gamepass erlaubt es etwa, Spiele direkt auf Android-Smartphones zu streamen und so das Spiel von zuhause in die Hosentasche zu bringen.

Eine Plattform wie keine andere

Doch Apple hat etwas, das beiden Herstellern fehlt: eine eigene Smartphone-Plattform. Während Nintendo vom Smartphone als Spieleplattform überrascht geworden zu sein scheint, hat Microsoft seinen Platz am Tisch mit dem Scheitern von Windows Mobile verloren. Apple geht es im Mobilmarkt dagegen prächtig: Mit mehr als 1,5 Milliarden Geräten mit Apple-Betriebssystem hat der Konzern eine größere Nutzerbasis als die drei großen Konsolen-Hersteller Sony, Microsoft und Nintendo zusammen.

Zusammen mit dem App Store könnte Apple mit sehr wenig Aufwand die Plattform aufbauen, von der die Konkurrenten nur träumen: Aufwändige Spiele, die auf der Konsole zuhause laufen, dann pausiert und auf dem Tablet oder Smartphone unterwegs fortgeführt werden können. Wie das aussehen könnte, führte ausgerechnet Apple selbst gestern vor. Das eigentlich für PC, Mac und die letzte Konsolengeneration erschienene "Divinity: Original Sin 2" wird auch auf dem iPad Pro mit M1-Chip erscheinen, kündigte Apple an. Das aufwendige Rollenspiel soll nach Informationen der Entwickler ohne Einschränkungen auf dem Tablet laufen - mit 60 Bildern die Sekunde. Das schafften viele Spiele auf der PS4 nicht, auf der Switch ist es ohnehin die absolute Ausnahme. 

Dass Apple beim AppleTV auf eine ähnliche Leistung verzichtet, dürfte seine Gründe haben. In seinen Nutzerstatistiken kann Apple sehr genau herauslesen, wie viele Nutzer die Box tatsächlich für Games, geschweige denn aufwendigere Spiele benutzen. Ist dieser Anteil zu klein, lohnt es sich für den Konzern nicht, die Mehrkosten für den potenteren Chip zu bezahlen. Den Preis für das AppleTV zu erhöhen, dürfte ohnehin kaum in Frage kommen. Im Vergleich zu anderen Streaming-Boxen ist das Gerät schon recht teuer. Als reines Gaming-Gerät ist es preislich aber schon jetzt kaum interessant: Bezahlt man die 200 Euro für das Modell mit größerem Speicher und legt sich eine Xbox-Controller zu, kostet das mit knapp 250 Euro nur 30 Euro weniger als eine Xbox Series S - obwohl die erheblich mehr Leistung hat. 

Teufelskreis Spielepreis

Einen ähnlichen Teufelskreis gibt es bei den Spielepreisen. Während es auf den Konsolen immer noch völlig normal ist, 60 bis 70 Euro für einen Vollpreistitel zu zahlen, ist das in Apples App Store kaum denkbar. Zwar gibt es auch dort durchaus Titel wie "Civilization VI", die mehr als die üblichen Kleckerbeträge kosten. Mit 22 Euro für die Vollversion ist es aber immer noch weit von den Preisen für Konsolen-Spiele entfernt. Mobile Spiele - das verbinden die meisten Menschen mit einfachen, günstigeren oder gar kostenlosen Games. Das wissen natürlich auch die Entwickler. Bedenkt man gleichzeitig den Aufwand, den eine Portierung auf die von Apple genutzte ARM-Architektur mit sich bringt, ist es kein Wunder, dass nur ein winziger Teil der Spitzenspiele für Apple-Geräte erscheinen. Und bei den Kunden wiederum der Eindruck bleibt, dass man für die App-Store-Spiele weniger zahlen muss.

Gaming: Apple und seine Streaming-Box: Symbol für eine vertane Chance

Um diesen Eindruck zu entkräften, müsste Apple wohl das tun, was auch Sony, Microsoft und Nintendo tun - und in Vorkasse treten. Die drei Konsolenhersteller stecken Millionen in die Entwicklung eigener, markanter Spiele, um ihre Plattformen von den Konkurrenten abzusetzen. Dass Apple für die Erstellung eigenen Contents durchaus Geld auszugeben bereit ist, zeigen die hohen Kosten, die man für die Serien auf dem Videostreaming-Dienst Apple TV+ auf den Tisch zu legen bereit ist. Gleich zwei der Serien - die Fantasy-Serie "See" und die Dramedy-Serie "The Morning Show" gehörten zu den teuersten TV-Produktionen aller Zeiten.

Bei Spielen scheut Apple diesen Schritt bislang. Wohl auch, weil der Konzern an der App Store Provision gutes Geld verdient, ohne selbst Risiken eingehen zu müssen. Da wundert es nicht, dass Apple zu drastischen Schritten bereit ist, wenn Partner oder Konkurrenten diese Einnahmen bedrohen. Als der "Fortnite"-Entwickler Epic Games seine In-Game-Währung an Apple vorbei verkaufen wollte, warf Apple das Spiel trotz Milliardeneinnahmen schlicht aus dem Store. Andere Dienste wie Microsofts Spielestreaming-Angebot Gamepass Ultimate werden gar nicht erst zugelassen. 

Verpasste Chance

Vielleicht hat Apple auch einfach den perfekten Moment verpasst. Bevor Nintendo mit der Switch auf den Markt kam, war Mobile Gaming längst ein gigantischer Erfolg. Doch die Brücke zwischen Smartphone oder Tablet und dem heimischen Fernseher war noch offen. Hätte Apple damals die Chance ergriffen und die iPhone und AppleTV gemeinsamen Spiele-Erlebnis vom Wohnzimmer bis unterwegs vereint, hätte man vielleicht Nintendos Platz einnehmen können. Der große Vorteil für die Kunden: Sie müssten nicht ein Gerät primär als Spielgerät kaufen - sondern bekämen die Spieleleistung einfach oben drauf.

Dass Apple zögerte, dürfte auch mit dem letzten Versuch zusammenhängen, eine eigene Spielekonsole herauszubringen. Als Apple mit dem Pippin 1995 seine erste Konsole herausbrachte, um der ersten Playstation und dem SuperNintento Konkurrenz zu machen, scheiterte das kläglich: Dem Konzern fehlte die Spieleauswahl, die Konsole galt als zu teuer und zu leistungsschwach. Diese Blöße wollte man sich wohl nicht ein zweites Mal geben. Und die Einnahmen sprudeln nun ja auch ohne eigene Konsole.

Quellen: Apple, GSMarena, Medium


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