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"Sollen sie ein Museum daraus machen" Das Silicon Valley kämpft um das Homeoffice

Homeoffice ist für viele willkommener Alltag geworden (Symbolbild)
Homeoffice ist für viele willkommener Alltag geworden (Symbolbild)
© AleksandarNakic / Getty Images
Arbeiten von Zuhause ist im Silicon Valley seit einem Jahr die Normalität. Jetzt wollen die Tech-Giganten langsam ihre Mitarbeiter zurückkommen lassen – und stoßen auf erbitterten Widerstand.

Zuhause arbeiten – das war für viele Menschen lange undenkbar. Und auch für Firmenchefs war es kaum vorstellbar, dass ihre Angestellten auch in den eigenen vier Wänden effizient arbeiten würden. Dann kam die Pandemie. Nach über einem Jahr im Homeoffice bereiten sich die Tech-Konzerne im Silicon Valley nun langsam auf die Rückkehr in den Alltag vor. Doch ganz so wie vorher wird es wohl nicht mehr werden: Das Homeoffice wird zum Wettbewerbsvorteil.

Denn nach anfänglicher Skepsis haben sich viele der Angestellten wunderbar im Homeoffice eingerichtet. Und genießen die Vorteile. Die in den USA durchschnittlich 55 Minuten Arbeitsweg fallen weg, die Kinderbetreuung oder ein Krankheitsfall sind nicht mehr unvereinbar mit der Arbeit. 

Widerstand gegen die Rückkehr in den Büroalltag

Da wundert es nicht, dass sich die Begeisterung der Angestellten über die in den letzten Monaten verkündeten Pläne zur Rückkehr ins Büro sehr in Grenzen hält. Den lautesten Widerstand erfuhr in den letzten Monaten Apple. Als CEO Tim Cook in einem Brief im Juni ankündigte, dass man ab Herbst wieder vermehrt ins Büro zurückkehren möchte, kam schnell Gegenwind. In einer Petition forderten Angestellte, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. 90 Prozent der Teilnehmer gaben an, für sie würde räumliche Flexibilität eine wichtige Rolle spielen, knapp 60 Prozent fürchteten, Kollegen würden wegen des Bürozwangs den Konzern verlassen. Ein knappes Drittel der 1,743 Unterzeichner erklärte sogar, sie würden gegebenenfalls selbst deswegen kündigen.

Dabei war Apples Vorschlag schon weit weg vom früheren Normalzustand. Statt jeden Tag ins Büro zu müssen, sollen die Angestellten auch zwei Tage die Woche im Homeoffice verbringen dürfen. "Videokonferenzen haben den Abstand zwischen uns sicher verringert. Aber manches kann man einfach nicht ersetzen", erklärte CEO Tim Cook die Entscheidung in einem Brief an die Angestellten. 

Eine Branche findet sich

Dass die Angestellten damit nicht zufrieden sind, liegt sicher auch am Umgang anderer Silicon-Valley-Riesen mit dem Thema. Twitter-Chef Jack Dorsey legte sich etwa früh fest, dass man die Angestellten auch dauerhaft von Zuhause arbeiten lassen werde. Mark Zuckerberg kündigte eine 50-Prozent-Quote für Facebook innerhalb des nächsten Jahrzehnts an, bei Google wird teilweise auf Fall-Basis entschieden, wer ins Büro zurückkommen muss, nur 20 Prozent der Angestellten sollen aber dauerhaft extern arbeiten dürfen, erklärte CEO Sundar Pichai.

Die Tech-Branche ist, anders als viele andere Wirtschaftsbereiche, eigentlich in einer sehr guten Situation für das Homeoffice. Ein großer Teil der Arbeit findet am Computer oder dem Smartphone statt, die technische Ausstattung ist in der Regel gut und sonst gibt es genug Kapital, um sie einzukaufen. Meetings ließen sich in der Regel ohne größeren Aufwand auch digital abhalten. Die gesunkene Anzahl an Terminen erhöhe sogar die Produktivität, geben sich Ökonomen gegenüber der "New York Times" überzeugt. 

Bei vielen Angestellten fehlt entsprechend das Verständnis für die Entscheidung zur Rückkehr in die Büros. "Wenn die letzten 18 Monate etwas gezeigt haben, dann dass es eigentlich egal ist, ob ich hier bin oder dort", erklärte etwa ein Google-Mitarbeiter gegenüber "Vanity Fair". "Ich bin hier mitten im Nirgendwo mindestens so produktiv – oder sogar produktiver – als ich es auf dem Google Campus war."

Vom Bettler zum König

Wegzuziehen hat auch klare finanzielle Vorteile: Während im Valley die Preise an die hohen Gehälter angepasst sind – das Durchschnittsgehalt für Software-Entwickler dort beträgt mit 137.907 Dollar mehr als das Vierfache des US-Durchschnitts-Gehalts -, lässt sich mit dem Gehalt in anderen Teilen des Landes quasi in Saus und Braus leben. Diese Flucht lässt sich sogar in Zahlen fassen: Fast 39.000 Menschen haben nach Angaben der Stadt im letzten Jahr San Francisco verlassen. Im Jahr zuvor waren es gerade mal 5000. 

Ein Faktor für die Bereitschaft wegzuziehen dürfte für viele auch ein unverhoffter Ansprung des eigenen Vermögens gewesen sein. Weil die Aktien der Tech-Konzerne im letzten Jahr steil nach oben stiegen, wuchs auch der Wert der Aktienpakete, die viele Angestellte erhalten. Laut "Vanity Fair" konnten sich deshalb viele plötzlich neue Häuser weit ab des Arbeitsplatzes kaufen. 

Den Konzernen ist dieser Kostenvorteil durchaus bewusst. Sehr zum Ärger ihrer Angestellten haben einige angefangen, die Gehälter entsprechend anzupassen, wenn der Wohnort gewechselt wird. Google bietet gar einen Rechner an, anhand dessen sich das Gehalt mit der jeweiligen Wohnregion berechnen lässt.

Homeoffice als Job-Bonus

Auf Dauer könnte sich das aber ändern, glauben Experten. Wie vorher die gigantischen Bürokomplexe mit ihren Fitness-Studios, Lounges und Parks die Angestellten anlocken sollten, könnte sich bald auch das Homeoffice zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Tech-Konzernen herauskristallisieren. Ihm seien 500.000 Dollar in Aktien angeboten worden, um wieder näher ans Büro zu ziehen, berichtete etwa ein Tech-Angestellter eines nicht genannten Konzerns gegenüber "Vanity Fair". Er habe abgelehnt. "Ich bin mit meiner jetzigen Situation glücklich und ich bin 100 Mal produktiver", ist er überzeugt. "Sie können den Bürokomplex gerne in ein Museum umwandeln, wenn es nach mir geht."

Quellen:New York Times, Ars Technica, Vanity FairThe Verge, Reuters, CNN


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