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Arbeiten von Zuhause Drohungen, Druck und Parties: So verzweifelt will das Silicon Valley seine Mitarbeiter zurück ins Büro holen

Homeoffice-Gadgets bringen Stimmung und Komfort in den Büroalltag zu Hause.
Das Homeoffice gab vielen Menschen eine ungeahnte Flexibilität - die sie nun nicht mehr aufgeben wollen (Symbolbild)
© DjordjeDjurdjevic / Getty Images
Mit dem Beginn der Pandemie gingen ganze Branchen mit einem Schlag ins Homeoffice. Nun versuchen viele Firmen, ihre Angestellten zurückzulocken. Doch viele von ihnen haben so gar keine Lust.

Es war ein gigantisches Experiment: Konnten große Teile der Weltwirtschaft plötzlich auch von Zuhause arbeiten? Bevor im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie Bürojobs auf der ganzen Welt mit einem Schlag ins Homeoffice zwang, war das kaum vorstellbar. Doch offenbar haben sich viele der Angestellten längst mit dem Arbeiten Zuhause bestens eingerichtet. Vor allem im Silicon Valley kämpfen die Unternehmen damit, dass die Belegschaft nicht mehr ins Büro kommen will.

Jüngstes Beispiel ist Apple. Nach mehreren Verzögerungen, eine Rückkehr in das beeindruckende Hauptquartier in Cupertino verbindlich zu machen, versucht es der Konzern nun noch einmal: Ab dem 5. September sollen die Mitarbeiter wieder ins Büro kommen. Zumindest zeitweise: Aus der strengen Pflicht zum Bürobesuch ist bei Apple ein Hybrid-Modell geworden, Dienstag und Donnerstag sind Pflichttage, einen weiteren Tag können die Teams selbst festlegen. Zwei Tage dürfen weiter in Heimarbeit verbracht werden. Das geht aus internen Mails hervor, die "The Verge" vorliegen.

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Kluft zwischen Führung und Mitarbeitern

Als Apple seine Pläne für den Herbst im Juni erstmals ankündigte, kam der Widerstand schnell. In einem intern offenen Brief prangerten Mitarbeiter Apples Entscheidung als Schritt in die falsche Richtung an. "Ohne diese Flexibilität haben viele von uns das Gefühl, sich entscheiden zu müssen zwischen einem Familienleben, persönlichen Wohlergehen und einer Bekräftigung unser Bestes zu geben - oder bei Apple zu arbeiten", heißt es in dem Brief, den etwa 80 Mitarbeiter zusammen verfasst hatten. "Es scheint ein Missverständnis zu geben, wie sich die Führung flexibles Arbeiten vorstellt und wie es viele der Apple-Mitarbeiter erleben."

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Mit der Herausforderung durch seine Angestellten ist Apple nicht alleine. Auch andere große Tech-Konzerne versuchen seit Monaten verzweifelt, die leeren Riesenbüros im Silicon Valley wieder mit Mitarbeitern zu füllen. Nicht alle Unternehmen setzen dabei auf Zwang. Mit einem Konzern der Sängerin Lizzo im Hauptquartier, wöchentlich wechselnden Foodtrucks und kostenlosem Merchandise will etwa Google seinen Mitarbeitern die Rückkehr schmackhaft machen. Auch Microsoft und der Chip-Hersteller Qualcomm versuchten die Heimarbeiter mit Konzerten und Parties zu locken.

Zuckerbrot und Peitsche

Ob die Strategie funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. "Diese Parties und Zugaben sind eine Anerkennung der Unternehmen, dass die Mitarbeiter nicht mehr ins Büro zurückwollen, zumindest nicht mehr so oft wie zuvor", erläutert Professor Adam Galinsky von der Columbia Universität der "New York Times". Er sieht darin das Zuckerbrot zur Peitsche: Statt die Mitarbeiter zu bestrafen. wenn sie Zuhause bleiben, werden sie für den Bürobesuch belohnt. Das funktioniere aber nur bedingt, ist sich Nick Bloom von der Uni Stanford sicher: Die Mitarbeiter würden eine Stunde am Tag alleine für den Weg sparen. "Sie werden sich also nicht mit kostenlosen Bagels und Ping-Pong locken lassen."

Die Peitsche funktionierte bislang ebenfalls nur bedingt. Das erlebte im Juni gerade Apple. Der Chef der wichtigen Sparte für Machine Learning, Ian Goodfellow, hat dort gekündigt. Schuld soll die Entscheidung zum Ende des Homeoffice sein: Ab dem 11. April mussten viele Apple-Angestellten in den USA wieder im Büro arbeiten. Goodfellow wollte das offenbar nicht. "Ich glaube sehr fest daran, dass mehr Flexibilität für mein Team die beste Entscheidung gewesen wäre", betonte er laut der Tech-Reporterin Zoë Schiffer in einer Abschieds-Nachricht an sein Team. Goodfellow gilt als einer der führenden Experten für künstliche Intelligenz, Apple hatte ihn erst 2019 vom Konkurrenten Google abgeworben. Und nun an das Homeoffice verloren. Auch bei Google und anderen Unternehmen begründeten hochrangige Mitarbeiter ihre Kündigung mit einem Bürozwang.

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Veränderung am Horizont

Manche Unternehmen haben die Idee einer gemeinsamen Rückkehr ins Büro deshalb völlig aufgegeben. Twitter und Facebook machten schon im letzten Jahr klar: Eine Pflicht im Büro zu arbeiten, wird es in den Konzernen nicht mehr geben. Zwar gibt es weiter Büros als Angebot, wer sich aber von Zuhause einwählen möchte, kann das auch dauerhaft tun.

Dass die Mitarbeiter so selbstbewusst sind, hängt sicher auch mit der Arbeitsmarktsituation im Valley zusammen. Seit dem Beginn der Pandemie boomte die Techbranche noch einmal, viele Unternehmen suchten händeringend nach gutem Personal. Wer qualifiziert genug war, konnte sich nicht nur den Arbeitgeber aussuchen, sondern wurde oft mit extrem attraktiven Boni und Zusatzleistungen gelockt. In den letzten Wochen zeichnet sich allerdings eine langsame Veränderung an. Durch die wirtschaftlich schwere Lage rechnen viele der Konzerne mit sinkenden Gewinnen, manche haben den Einbruch schon hinter sich. Die Folge: Fast alle großen Unternehmen wie Apple oder Meta haben einen Einstellungsstop verhängt, manche sogar Entlassungen angekündigt. Eine Rückkehr ins Büro wird so schnell zum kleineren Übel.

Quellen:The Verge, Bloomberg, New York Times, SF Gate, Los Angeles Times, Wired

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