Firmenstrategie Googles Grenzen


Eine damals kleine, unauffällige Suchmaschine bildet heute den Kern eines weltweiten Milliardenkonzerns mit immer neuen Diensten. Es bleiben die Fragen: Was will Google erreichen? Und wie groß kann die erst zehn Jahre alte Firma eigentlich noch werden?
Von Karsten Lemm, San Francisco

Oberflächlich betrachtet, hat sich bei Google lange nichts mehr getan: Das Firmenlogo, ein Eingabefeld, darunter zwei Knöpfe zum Anklicken, drumherum viel Weiß, und fertig ist die Suchmaschine. Das Konzept der Schlichtheit hat sich als so erfolgreich erwiesen, dass die Kalifornier ihr übriges Angebot beinahe verstecken. Doch wer sich durchklickt zur kompletten Liste der Dienste, stößt auf ein breites Spektrum aus Bekanntem und weniger Bekanntem - von E-Mail, Chat und Landkarten über Spezial-Suchmaschinen für Finanzinformationen, Patentanmeldungen und Bücher bis hin zu Marken, die für viel Geld hinzugekauft wurden, wie etwa Blogger, Orkut und Youtube.

Insgesamt führt der Internet-Primus aus dem Silicon Valley inzwischen über 40 "Google-Produkte" auf seiner US-Homepage auf (in Deutschland sind es etwas über 30). Aus der unscheinbaren Suchmaschine, die vor genau zehn Jahren an den Start ging und das Feld von hinten aufrollte, ist ein globaler Supermarkt der Informationen geworden - ein Goliath mit 17 Milliarden Dollar Jahresumsatz und fast 20.000 Mitarbeitern. "Keine Frage, Google entwickelt sich immer mehr zu einer Internet-Softwarefirma für alle Zwecke", sagt Chris Sherman, langjähriger Google-Beobachter und Chefredakteur des Suchmaschinen-Portals "Search Engine Land".

Chrome, das fehlende Mosaikteilchen

Jüngster Streich: der eigene Browser namens Chrome, der Anfang der Woche enthüllt wurde. Für viele Beobachter ist er das letzte Mosaiksteinchen, das noch fehlte, um das Bild vom großen Microsoft-Herausforderer komplett zu machen - schließlich pumpt Google schon lange Millionen in die Entwicklung von Angeboten, die sich wie eine Online-Alternative zu Microsoft Office ausnehmen: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen in Google Docs, dazu noch Kalender und E-Mail, all das kostenlos und immer abrufbar von jedem Gerät mit Internetzugang - da mag sich mancher fragen: Wozu Hunderte von Euro für ein Büropaket ausgeben, das mehr kann, als man meistens braucht, und an den eigenen PC oder Laptop gefesselt ist? "Google sagt im Grunde: Es wird Zeit, alles ins Netz zu verlagern und die PC-Ära hinter uns zu lassen", erklärt Sherman. Und Chrome, der neuartige Browser, der besonders viel Wert legt auf Dynamik und Interaktion, sei für diese Vision wie geschaffen. "Er ist beinahe so etwas wie ein Betriebssystem fürs Internet."

Google reagiert auf solche Vergleiche empfindlich und bestreitet, gezielt bei Microsoft auf Kundenfang zu gehen. "Wir entwickeln nicht mit Blick auf andere Anbieter", sagt Firmensprecher Kay Oberbeck, "und wir richten unsere Strategie nicht auf Microsoft aus - das wäre fatal." An der Marschrichtung ändert das freilich nichts: Google will mehr sein, viel mehr, als eine reine Suchmaschine, und wenn der Shooting-Star aus dem Silicon Valley dabei anderen in die Quere kommt, so sei es. "Wir entwickeln neue Anwendungen, um das Internet attraktiver zu machen", sagt Oberbeck, "denn wir glauben, dass man online sehr viel mehr erreichen kann." Etwa bei der gemeinsamen Arbeit an Dokumenten, die nicht mehr per E-Mail hin und her geschickt werden müssen, wenn sie im Netz an einer zentralen Stelle stehen, immer in der aktuellsten Version.

Das Ziel, das Google mit seiner wachsenden Schar an Diensten verfolgt, scheint klar: "Es geht darum, der König aller Informationen zu werden", sagt Michael Gartenberg vom Marktforscher Jupitermedia in New York. Denn jeder Nutzer, der Google besucht, um E-Mail zu lesen, Texte zu bearbeiten, Bilder anzuschauen, Reisen zu recherchieren und vieles mehr, bedeutet bares Geld für das Unternehmen, das vor allem von Werbung lebt: Während Google anfangs noch darauf setzte, seine überlegene Suchmaschinen-Technik an andere zu lizenzieren, darunter AOL und Yahoo!, stammt heute der größte Teil der 17 Milliarden Dollar Umsatz aus dem Geschäft mit Anzeigen. Fast ein Viertel der Einnahmen, 4,2 Milliarden Dollar, blieben im vorigen Jahr als Reingewinn hängen.

Zweifel an Googles angebliche Allmacht

Der Erfolg hat im Wesentlichen mit Googles Überlegenheit als Suchmaschine zu tun: In Deutschland laufen 80 Prozent aller Suchanfragen über die Rechner des kalifornischen Internetgiganten, in Ländern wie Portugal, Finnland und Chile sind es laut Marktforscher Comscore sogar weit über 90 Prozent. Klar, dass Firmen, die Textanzeigen neben Suchergebnissen schalten wollen, bevorzugt zu Google gehen. Fragt sich nur, ob die Firma mit ihrer Strategie, zur zentralen Drehscheibe für Online-Informationen ganz allgemein zu werden, einen ähnlichen Hit landen kann. Michael Gartenberg hat Zweifel: "Alle Leute zu Google zu steuern wird sehr schwer werden", urteilt der Analyst. "Die Auswahl an Angeboten im Internet ist riesig, und es gibt keinen Grund, warum jemand alles bei derselben Adresse beziehen sollte."

Ohnehin steht Google mit seinen Ambitionen noch ganz am Anfang. Während einige Dienste wie Gmail, Google Maps und Google News schnell populär geworden sind, tut sich der Dotcom-Riese mit vielen anderen Angeboten eher schwer. Der führende Anbieter für Börsendaten heißt Yahoo! Finance, PayPal liegt weit vor Google Checkout, Flickr hat deutlich mehr Nutzer als Picasa, und ob die jüngst gestartete Wissensdatenbank Knol es jemals mit Wikipedia aufnehmen kann, steht in den Sternen (wo Google, mit dem Labor-Projekt "Google Mars", allerdings vorsorglich auch schon seine Zelte aufgeschlagen hat). Bei sozialen Netzwerken, der derzeit am schnellsten wachsenden Kategorie im Internet, spielt die Suchmaschine mit ihrer Tochter Orkut nur am Rande mit. Die virtuelle Kontaktbörse, die vor allem in Lateinamerika populär ist, kommt laut Comscore auf 34 Millionen Nutzer weltweit und bleibt damit deutlich hinter Facebook (132 Millionen) und Myspace (117 Millionen) zurück.

"Es plätschert so dahin

"Google kann es sich leisten, Dinge einfach mal auszuprobieren", erklärt Michael Gartenberg, "aber längst nicht alles wird ein Erfolg. Im Grunde dreht sich das Meiste immer noch um die Internetsuche." Chris Sherman sieht das ähnlich: "Der einzige Volltreffer, den Google bisher gelandet hat, waren die Suche und das damit verbundene Anzeigengeschäft", sagt der "Search Engine Land"-Chefredakteur. Der Rest entwickele sich respektabel oder plätschere so dahin. Viel mehr dürfe man allerdings auch nicht erwarten, argumentiert Sherman, weil Google bei seinem Start vor zehn Jahren den Vorteil gehabt habe, mit einer radikal neuen, besseren Technik die etablierte Konkurrenz überholen zu können. "Google war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte eine Schwäche der anderen ausnutzen", sagt Sherman. "Das lässt sich nicht so einfach wiederholen."

Google-Sprecher Kay Oberbeck räumt das auch freimütig ein. "Wenn man einen solchen Erfolg hat wie die Google-Suche, dann ist jeder Vergleich schwierig", sagt er. Die Firma scheue sich aber nicht, Flops zu akzeptieren und Angebote, die nicht ankommen, wieder einzustellen - wie etwa Google Answers, einen Dienst, bei dem Nutzer die Fragen anderer Nutzer beantworten sollten. Kleine Fehltritte solcher Art bringen den Konzern ja auch nicht gleich ins Stolpern, und was das Kerngeschäft angeht, gibt Oberbeck sich ausgesprochen optimistisch: "Wir glauben, dass unser Suchmaschinenmarketing kein Limit kennt", sagt er.

Grenzenloses Wachstum

Da ist er nicht der Einzige: Weltweit werden in diesem Jahr mehr als 500 Milliarden Dollar für Werbung ausgegeben, schätzt die Agentur ZenithOptimedia - davon der größte Teil im Fernsehen und auf Papier. Das Internet macht erst 52 Milliarden Dollar aus, soll aber stark aufholen; schon für 2010 erwartet ZenithOptimedia einen Online-Umsatz von fast 80 Milliarden Dollar. Google hat gute Chancen, von diesem stürmischen Wachstum zu profitieren wie kaum jemand sonst, glaubt auch Chris Sherman. "Viele der größten Firmen fangen gerade erst an, in Suchmaschinenwerbung zu investieren", sagt er, und bei vielen Diensten, etwa YouTube, habe Google noch längst nicht alle Möglichkeiten genutzt, Geld zu verdienen. Sein Resümee: "Ich sehe wirklich keine Grenzen für Googles Wachstum."

Entwickelt sich womöglich - welch Ironie - ausgerechnet Microsofts neuer großer Herausforderer zum Dotcom-Dominator, den alle anderen fürchten müssen? "Ich glaube nicht, dass Google am Ende die Welt regieren wird", wiegelt Sherman ab. Er sieht, ähnlich wie Michael Gartenberg, die Suchmaschine mit ihrem bunten Strauß an Angeboten lediglich als eine Alternative von vielen. Und allen, die sich trotzdem Sorgen machen, verspricht Google-Chef Eric Schmidt, dass sich niemals jemand eingesperrt fühlen müsse: "Wir haben eine Grundregel: Jeder Service muss so angelegt sein, dass alle, denen er nicht gefällt, wieder raus können", erklärte er unlängst dem US-Wirtschaftsmagazin "Portfolio". "Wenn ich Google nicht mag, dann kann ich zu Yahoo!, Microsoft oder sonst wem wechseln." Das habe nicht nur den Vorteil, eine eingebaute Qualitätskontrolle zu sein, die Google-Entwickler auf Trab hält. "Es verhindert auch, dass wir zu groß und mächtig werden." Bill Gates und Steve Ballmer werden es gern gehört haben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker