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Google+-Pflicht für Youtube und Co.: Googles große Zwangseingemeindung

Google verschmilzt seine Dienste: Wer einen Youtube-Account oder eine App im Android-Store bewerten will, braucht zwingend ein Google+-Konto. Das rigorose Vorgehen stößt auf wenig Verständnis.

Von Christoph Fröhlich

Die Zahl klingt auf den ersten Blick beeindruckend: Mehr als 500 Millionen Menschen sind bei Google+ angemeldet. Eine halbe Milliarde Menschen, nach nur anderthalb Jahren. Damit sei die Plattform "das am schnellsten wachsende Netzwerk-Ding aller Zeiten", schreibt Vic Gundotra, der Kopf hinter Google+, im offiziellen Firmenblog. Auch andere Google-Sprecher werden nicht müde zu betonen, was für ein Erfolg die Plattform ist.

Doch schaut man genauer hin, entpuppt sich das Wachstum als weniger imposant: Lediglich die Hälfte (235 Millionen) der angemeldeten Nutzer sind in dem Netzwerk aktiv, nur 135 Millionen geben private Informationen preis. Das heißt im Umkehrschluss: 365 Millionen Mitglieder nutzen die Plattform kaum, sondern sind lediglich darauf angemeldet. Um das zu ändern, geht Google nun neue Wege, um die Nutzer von den Vorzügen des sozialen Netzwerks zu überzeugen. Notfalls auch mit Zwang.

Meinung nur mit Google+

Wer derzeit einen Account bei der Videoplattform Youtube oder beim Mailingdienst Gmail erstellt, muss zwingend ein Google+-Konto anlegen. Selbst kleinere Portale des Suchmaschinenkonzerns wie die Restaurant-Bewertungsseite Zagat verlangen seit einiger Zeit ein Konto in dem sozialen Netzwerk. Anderenfalls lässt sich der Dienst nicht nutzen. Wer das zu diesem Zweck angelegte Google+-Profil hinterher wieder löscht, kann auf die anderen Dienste nicht mehr zugreifen.

Das provoziert Aufregung im Netz, zumal die Profilseiten standardmäßig für jeden öffentlich einsehbar sind und über die Google-Suche gefunden werden können. Auch wer in der Android-Shoppingmeile Google Play, dem Pendant zu Apples iTunes, eine Anwendung bewerten will, muss seit Kurzem ein Google+-Profil haben. Damit soll die Qualität der Kritiken verbessert werden, sagt Unternehmenssprecher Stephan Keuchel stern.de

Konkret heißt das: Wer Google+ nutzt, um beispielsweise Bilder vom Android-Smartphone hochzuladen und nicht die nötigen Privatsphäre-Einstellungen vornimmt, riskiert, dass Fremde mehr sehen als gewünscht, zum Beispiel Bewertungen zu Apps und Restaurants oder abonnierte Youtube-Kanäle.

Natürlich kann die Sichtbarkeit der Beiträge in den Datenschutzeinstellungen eingeschränkt werden. Allerdings stößt es einigen Nutzern sauer auf, dass sie ein vollständiges Google+-Konto anlegen müssen. So fragt Bastian Lotze auf Twitter spöttisch: "Ob das so sozial ist?"

"Google wird Google+"

Dass einige User mit dem Vorgehen des Suchmaschinenkonzerns unzufrieden sind, überrascht Google-Sprecher Keuchel nicht. "Bei größeren Veränderungen gibt es anfangs häufig Beschwerden, bis sich die Nutzer an den neuen Service gewöhnt haben. Wir konzentrieren uns stets darauf, was für die Anwender am besten ist." Für Google ist die Antwort klar: vernetzte Dienste. Somit sei es nur ein logischer Schritt, immer mehr davon in Google+ zu integrieren, so Keuchel. "So hat man alle Dienste auf einen Blick, und Freunde können schneller Gemeinsamkeiten oder Empfehlungen entdecken."

Ob in nächster Zeit noch weitere Dienste - und damit Nutzer - in das soziale Netzwerk zwangseingemeindet werden, wollte der Google-Sprecher nicht sagen. Auch über eine mögliche Integration des Android-Betriebssystems bewahrt er Stillschweigen. Google+ sei aber eines der wichtigsten Projekte mit einer klaren Strategie: Die Plattform muss wachsen. "Google wird Google+", fasst Keuchel das weitere Vorgehen zusammen.

Kampf gegen das Milliardennetz Facebook

Laut dem renommierten "Wall Street Journal" kommt diese Order von ganz oben: Google-Chef Larry Page persönlich forderte seine Mitarbeiter auf, aggressivere Maßnahmen zu ergreifen, um die Nutzer zu Google+ zu treiben. Die Wirtschaftszeitung beruft sich dabei auf eingeweihte Personen, die betonen, das Netzwerk sei vor allem geschaffen worden, um eine Dominanz von Facebook zu verhindern. Dem widerspricht Google-Sprecher Keuchel: "Google+ ist kein Facebook-Konkurrent, es ist mehr als ein soziales Netzwerk. Google+ ist der soziale Klebstoff, der alle Google-Produkte miteinander verbindet"."

Doch offenbar wollen die meisten User keine öffentliche Identität im Netz aufbauen: Während die aktive Nutzerbasis bei Google+ stagniert, hat Facebook vor Kurzem die Milliardenmarke geknackt. Durch die Zwangseingemeindungen ist das Google-Netzwerk zwar keine "virtuelle Geisterstadt" mehr, wie es das "Wall Street Journal" im vergangenen Frühjahr nannte. Doch wie wertvoll die großen Nutzerzahlen für den Konzern sind, wird sich zeigen. Denn viele User bedeuten nicht automatisch viel Aktivität. Und ohne die freiwilligen Daten der Nutzer dürfte Googles Strategie langfristig nicht aufgehen.

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