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Google-Chef auf der Ifa Dr. Eric Schmidt hat schillernde Visionen


Google-Chef Eric Schmidt im Feindesland: Während seinem Konzern hierzulande vorgeworfen wird, die Privatsphäre zu verletzen, schwärmt er bei seinem Ifa-Auftritt von der schönen neuen Google-Welt, in der die Technik den Menschen ergänzt.
Von Dirk Liedtke, Berlin

Als Eric Schmidt am Wochenende in seinen Kalender für diese Woche blickte, wird er geflucht, aber zumindest aufgestöhnt haben: Eine Rede in Berlin ist angesetzt. Die "Closing Keynote" der Funkausstellung, den Rausschmeißer soll er machen. Am vorletzten Tag der Messe, wo viele Manager und Journalisten längst wieder abgereist sind. Wie die letzte Platte, die der DJ auflegt, bevor er das Flutlicht einschaltet.

Eric Schmidt fliegt also nach Berlin: Dorthin wo viele Bürger und taktisch schlaue Politiker den Konzern als "Big Brother" wahrnehmen, der ungefragt auf die Terrasse und ins Fenster knipst.

Der Auftritt fängt eigentlich gut an: Der Messechef stellt Eric Schmidt in eine Reihe mit Albert Einstein, der 1930 quasi "die erste Keynote" unter dem Funkturm hielt. Einstein glaubte an die aufklärerische, friedensstiftende Kraft von Kommunikation. Ähnlich wie der Internetriese Google, der Milliarden Dollar mit Werbung verdient und das als "Gutes" oder zumindest "nichts Böses" verstanden wissen will. Fast etwas schleimig wird Schmidt permanent als "Doktor" Eric Schmidt, vorgestellt. Und Dr. Schmidt betritt mit seinem milliardenschweren Managerlächeln die Bühne und dreht voll auf.

Die schöne neue Google-Welt

Im grauen Berlin malt er vor Fachbesuchern in einer schmucklosen, für den Andrang viel zu kleinen Halle die Utopie der schönen neuen Google-Welt in den sattesten Farben aus. Ein "neues, goldenes Zeitalter der (durch Technik) ergänzten Menschheit" sieht er kommen, "furchteinflößend und aufregend" zugleich. Es verheißt "Glück" für alle vernetzten Menschen, die mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge haben: Familie, Freunde, Freizeit.

"Quick, quick", sagt Schmidt und schnippt mit den Fingern dabei: "Wir schenken Ihnen Zeit. Google will noch schneller Antworten auf Ihre Fragen geben." Der Datenturbo in der Google-Suche trägt den passenden Namen "Caffeine", und das scheint auch in Schmidts Gehirn zu zirkulieren. Auch Gerätschaften, die ab Werk mit der Ausstattungsoption "Es funktioniert einfach" ausgeliefert werden, verbessern das Leben. Die Botschaft: Mit Google wird das Web erst schön. Google ist gut. Und überall. Google ist geil.

Wir werden nichts vergessen

Wie Obama in seinen besten Wahlkampfreden geht Schmidt rhetorisch ab wie ein Zäpfchen. Höflich beglückwünscht der Multimilliardär mit dem deutschen Dutzendnamen uns Deutsche dazu, wie wir uns durch die globale Wirtschaftskrise gewurschtelt haben, die bekanntlich in erster Linie gierige Amerikaner ausgelöst haben. Wie ein digitaler Erlösungsprediger entwirft Dr. Schmidt das pastellige Bild eines vollvernetzten Paradieses, das "in der nahen Zukunft" anbrechen wird: "Sie werden nichts mehr vergessen!" Denn Google verzeichnet alles und spuckt es auf Wunsch aus.

"Sie verlaufen sich nie mehr!" Denn das Smartphone oder - wie Schmidt sagt - der "Supercomputer in unserer Hosentasche" zapft über das allgegenwärtige drahtlose Datennetz die nötigen Navigationshinweise aus den gigantischen Google-Datenbanken. Eigentlich sollten Autos wie Flugzeuge von alleine fahren. Den Rest erledigen Computerchips und die Datenwolke.

"Sie sind niemals allein!" Denn Google weiß, wo sich die vernetzten Freunde gerade online herumtreiben. Man kann sie jederzeit anrufen, mit ihnen chatten oder videotelefonieren.

"Sie werden sich nie mehr langweilen!" Denn wer ein Leben lang seine Suchanfragen von Google speichern und analysieren lässt, wird für den Konzern zum offenen Buch, zur besten Freundin, zum Therapeuten. Google wird erahnen, was wir eigentlichen suchen oder ersehen, wenn wir ein paar Wörter in den Suchschlitz tippen. Es kennt unser Innerstes und weiß, was gut für uns ist. Künftig will Google uns sogar beim Glotzen beglücken. Google TV soll das Fernsehen mit dem Web und dem Google-Ableger Youtube verschmelzen. Das Google-Handy zappt dann auf Zuruf oder sucht nach "Fußball!" oder "Sex". (Diese Beispiele stammen selbstredend nicht von Dr. Schmidt.)

Soviel kalifornischer Techno-Optimismus wirkt auf den technikmuffeligen deutschen Michel schnell verstrahlt, naiv, ein bißchen irre. Aus dem strahlenden Dr. Schmidt wird für ängstliche Betrachter ein digitaler Dr. Frankenstein. Ein amoklaufender Technikjunkie, der die Grenzen des gesunden Menschenverstands einreißt.

Wie bei einem sadistischen Zahnarzt muss Schmidt sich dann in einer Fragerunde mit fast 20 Journalisten und Bloggern gefühlt haben. Ja, er wird sich "privat" mit deutschen Politikern treffen, um mit ihnen über Street View zu reden. Mit wem, will er nicht sagen. Ja, wenn Bürger das wollen, löschen wir die Bilder ihrer Häuser "für immer". Aber als er dann einem Journalisten eine ironische Bemerkung, die er in Kalifornien bei einer Konferenz machte, erklären muss, da mag er innerlich geflucht haben: "Ich bin kein Berliner!"

Natürlich habe er die Bemerkung, 18-jährige sollte die Option haben, ihre googlebaren Jugendsünden zu löschen und eine neue Identität zu wählen, nicht ernst gemeint: "Es war ein Witz", sagt er, bleibt aber diplomatisch lächelnd dabei.

Silicon Valley und Deutschland trennen Welten

Einstein hätte man die ironische Idee nicht erklären müssen. Aber zwischen dem kreativen Spirit im Googleplex im Silicon Valley und mit digitalen Heilsversprechen fremdelnden Teutonen liegen nun mal Welten. Selbst einer der neuesten, künftigen Google-Dienste, die Schmidt in Berlin zeigte, würde das Problem nur zum Teil lösen: Ein Übersetzungsdienst für Google-Handys "versteht" gesprochene Sätze und liest sie übersetzt in einer anderen Sprache vor. Aber Ironie kapiert "Google Translate" natürlich auch im "Conversation Mode" nicht. Noch nicht, würde Schmidt sagen.

Grenzen setzt sich Google bei aller Genialität seiner Ingenieure aber auch. Gefragt, warum die experimentell bereits erprobte Gesichtserkennung Google Goggles nicht gleich Gesichter mit Namen, Telefonnummern und Facebookdaten verknüpfe, antwortet Schmidt: "Das ist illegal - nicht nur in Deutschland, auch in den USA, und es wäre einfach unheimlich." Das meint Dr. Schmidt ernst, bierernst.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Google Instant: Was die neue Echtzeitsuche kann"


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