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Internet-Zensur: So blockiert China das Web

Peking sendet widersprüchliche Signale, wie offen die Olympischen Spiele sein werden. Nachdem die Führung noch vor zwei Tagen die Internetzensur verteidigte, hat sie gesperrte Seiten jetzt freigegeben - zum Teil. So surft es sich aus Peking im Internet.

Von Adrian Geiges und Gerd Blank

Rund 25.000 Journalisten aus aller Welt werden in den kommenden Wochen in Peking von den Olympischen Spielen berichten. Allerdings ist die Berichterstattung nur eingeschränkt möglich, denn das beliebte Recherche-Tool Internet steht nicht im vollen Umfang zur Verfügung. In China wird der Zugang zum Internet zensiert. Das ist nicht neu, selbst Unternehmen wie Google, Yahoo und Microsoft haben sich längst den restriktiven Bestimmungen unterworfen, um auch in China Geschäfte machen zu können.

Eine besondere Tragweite bekommt die Web-Zensur nun durch die Olympischen Spiele in Peking. Sport-Journalisten, die bislang kaum über politische Zusammenhänge, sondern über sportliche Wettkämpfe berichtet haben, sind erbost über die auferlegten Einschränkungen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat nach eigenen Angaben bis zuletzt nichts von einer Zensur-Vereinbarung seiner lokalen Organisatoren und der chinesischen Regierung gewusst. Und China hat sich als Gastgeber der Spiele verpflichtet, Journalisten freies Arbeiten zu ermöglichen. Noch am Mittwoch sagte ein Sprecher des Pekinger Organisationskomitees für die Spiele, man werde weiterhin "bestimmte Seiten" blockieren. So konnte man die Seiten der Deutschen Welle und von Amnesty International nicht öffnen. Diese sind heute Abend Pekinger Zeit wieder frei zugänglich. Auch die Online-Auftritte einiger kritischer Hongkonger Zeitungen lassen sich jetzt wieder lesen. Roseann Rife, stellvertretende Direktorin des Asien-Pazifik-Programms von Amnesty International, hat dies begrüßt. Doch sie fügte hinzu: "Willkürliches Blockieren und Entblockieren von bestimmten Seiten erfüllt noch nicht die Pflicht, sich an internationale Standards von Freiheit der Information und des Ausdrucks zu halten."

Zensur ist Alltag

Für alteingesessene China-Bewohner sind solche Wechsel Alltag - wobei die Tendenz in Richtung mehr Freiheit geht. Früher waren etwa Wikipedia und CNN gesperrt, das ist schon seit einiger Zeit nicht mehr der Fall. stern.de und Spiegel.de waren nicht sonderlich betroffen, wohl auch deshalb, weil in China nur wenige Deutsch sprechen. Alltag ist jedoch, dass die Zensoren brisante Beiträge in chinesischen Blogs und Foren löschen - aber auch dort längst nicht alles. Im Internet herrscht in China trotz alledem viel mehr Freiheit als in den gedruckten Medien.

Die Zensur ist rein technisch gesehen "keine große Sache", sagt Florian Schäffer, Diplom-Informatiker in Berlin und Fachautor von Büchern wie "Anonym und sicher surfen" und "Hacker's Dirty Tricks". "Dafür benötigt man im Prinzip die gleiche Software, wie sie Eltern in Deutschland benutzen, wenn sie ihre Kinder vor unerwünschten Seiten schützen." Nur dass in China Parteikader die ganze Bevölkerung wie Kinder behandeln.

Zensur mit westlicher Hilfe

Doch wie funktioniert die Sperre von ungewünschten Angeboten? China verhindert nicht einfach nur den Zugriff auf Seiten. Während noch vor kurzem einfach komplette Angebote blockiert wurden, filtert die chinesische Zensur inzwischen auch einzelne Inhalte von sonst offen zugänglichen Angeboten wie Wikipedia oder Youtube. Das funktioniert nur, weil alle chinesischen Provider die Vorgaben der Regierung erfüllen. Aber nicht nur einheimische Unternehmen sind dem Regime zu diensten, auch westliche Firmen erfüllen die Zensur-Wünsche. Während die chinesische Google-Seite oft ganz andere Suchergebnisse anzeigt als die amerikanische Seite, hilft die US-Firma Cisco Systems beim Aufbau der Netz-Infrastruktur. Erst mit dieser Technologie ist es den Zensoren überhaupt möglich, mit speziellen Filtern ungewünschte Inhalte auszusortieren.

Neben automatischen Systemen kommen auch rund 30.000 Zensoren zum Einsatz, die bekannte Treffpunkte im Internet nach subversiven Inhalten durchsuchen.

Chinas Internetnutzer sind jetzt gespannt, welches Wechselspiel sie in den nächsten Tagen erleben werden - und wie es nach den Olympischen Spielen weitergeht. Nach dem Dalai Lama konnte man heute bei Google suchen und dann etwa den Text über ihn auf Wikipedia lesen. Klickte man aber die ihn unterstützende Seite www.tibetfocus.com, kam die Meldung "Fehler: Netzwerk-Zeitüberschreitung". Die Suche nach der verbotenen Sekte Falun Gong führte zum Absturz von Google und der Anzeige "Fehler: Verbindung unterbrochen".