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Napster: Musik mit Mietvertrag

Es tönen die Lieder - solange man zahlt: Mit einem neuen Pauschaltarif will Napster das Download-Geschäft im Internet revolutionieren. Ab Freitag auch in Deutschland.

Es gibt George Gershwin, Madonna, Beethoven, Velvet Underground, Heino und Elvis. Aktuelle Charts und Neuerscheinungen sowieso, aber auch alte R&B-Raritäten, Swing, Britpop, Marlene Dietrich, Rap, Brahms, Neue Deutsche Welle, Ska, Gospel, Hans Albers, Punk, DDR-Schnulzen, Klezmer, Glenn Miller, Thelonious Monk, Nena, Billy Bragg und die Egerländer Musikanten. Vielleicht sollte man besser aufzählen, was es bei Napster nicht gibt.

Musik zum Mieten

Der neue Musik-Download-Dienst ist ganz anders als die bekannten legalen Musikkaufadressen Musicload, iTunes, AOL und wie sie alle heißen. Zwar hat auch Napster einzelne Musikstücke im Angebot (99 Cent pro Song oder ab 9,95 Euro pro Album). Aber nirgendwo sonst gibt es die Möglichkeit, Musik auch zu mieten. Für 9,95 Euro im Monat kann man bei Napster so viel runterladen, wie man möchte, für noch mal fünf Euro mehr das Heruntergeladene auch auf einen MP3-Player kopieren und mitnehmen ("Napster To Go"). Nicht auszuschließen, dass so das Zukunftsmodell für den Musikvertrieb schlechthin aussehen könnte, so wie ja auch immer mehr Internetanschlüsse und Telefontarife per Pauschaltarif bezahlt werden. "Wir werden in Deutschland einen der größten Musikkataloge der Welt anbieten können", sagte Thorsten Schliesche, der Deutschland-Manager von Napster. Durch zahlreiche Partnerschaften könne Napster jedes Musikgenre abdecken. Der Start des Angebots ist für Freitagmorgen geplant.

Unendlicher Musikgenuss

Musikliebhaber werden sofort ermessen können, was dieses Angebot bedeutet. Es ist ein Traum. Eine schier unendliche Langspielplatte, die größte Jukebox aller Zeiten, eine ewige Plattenbörse. Man stelle sich eine Garage vor, in der alle Modelle aller Automarken stehen, und mit denen man immer überall hinfahren kann. Oder einen riesigen Kleiderschrank, in dem alle Kleider der Welt hängen und aus dem man jederzeit jedes aussuchen und anziehen kann. So ist Napster für Musik. Von Stil zu Stil, von Epoche zu Epoche, von Künstler zu Künstler kann man sich bei Napster klicken, kann B-Seiten entdecken, Live-Aufnahmen, eigens eingespielte Napster-Sessions, Videos sehen und Interviews hören. Oder schauen, was gerade in den Charts los ist, oder Vergessenes aus der Teenagerzeit wieder ausgraben. Es ist so viel, dass einem schwindelig wird.

Ein gewaltiger Katalog

Eineinhalb Millionen Songs von 125.000 Alben und 60.000 Künstlern zur freien Auswahl: Das boten bislang allenfalls illegal genutzte Tauschbörsen. Bei Napster gibt es das alles nicht nur legal, sondern auch komfortabler: Schon die Napster-Software (11 Megabyte groß, bei napster.de) ist hübsch aufgemacht, mit informativen Künstlerseiten, einer Community, in der sich Nutzer gegenseitig Musik empfehlen, und hilfreichen Empfehlungen, wenn man nach neuen Interpreten Ausschau hält. Viren, angeknabberte oder von der Musikindustrie absichtlich zerschossene Dateien fehlen dagegen. Vorausgesetzt, man hat einen DSL-Anschluss, ist auch die Download-Geschwindigkeit konstant gut, genau so wie das Gewissen beim Herunterladen.

Datenschrott nach Kündigung

Eigentlich gibt es nur einen Haken: Alle Musikdateien, die man bei Napster mietet, haben ein eingebautes "Digitales Rechte-Management" (DRM). Und das bedeutet: Sie lassen sich nur mit bestimmter Software und bestimmten MP3-Playern abspielen - und gar nicht auf CD brennen. Vor allem aber: Kündigt man sein Abo, ist die Musik wieder weg. Denn die Dateien, die man bei Napster herunterlädt, sind verschlüsselt. Lesbar werden sie nur mit Hilfe einer digitalen Lizenz, die die Napster-Software jeden Monat neu herunterlädt. Davon kriegt man in der Regel gar nichts mit - solange man bezahlt. Kündigt man sein Abo, verwandeln sich alle Musikdateien wieder in unlesbaren Datenschrott, auch auf dem MP3-Player, der ebenfalls regelmäßig nach einer neuen Lizenz per PC verlangt.

Mit dem alten Napster, der legendären ersten Internet-Musiktauschbörse, hat das alles übrigens gar nichts zu tun. Die Firma, die hinter dem neuen Abo-Dienst steht, hat lediglich den Namen gekauft, als der noch dem Medienkonzern Bertelsmann gehörte. Bertelsmann hatte die florierende Tauschbörse im Jahr 2000 übernommen und bald darauf wieder geschlossen, nachdem es nicht gelungen war, daraus ein legales Geschäft zu machen. Am Ende konnte Bertelsmann nur noch die Marke zu Geld machen, wenn auch zum Schnäppchenpreis.

Erfolg fraglich

Ob Napster als legales Musik-Abo auf Dauer erfolgreicher wird, wird sich noch erweisen müssen. Der Software-Konzern Microsoft, der eine Zeit lang etwas Ähnliches aufziehen wollte, hat sich aus dem Geschäft schon wieder zurückgezogen. Yahoo, seit Mai in den USA ebenfalls mit Mietmusik am Start, musste seine Preise kürzlich drastisch erhöhen - ein Risiko, das natürlich auch für Napster-Kunden besteht. Und noch ist völlig unklar, wie viele Musikfans sich dem aussetzen werden. Als Manko könnte sich außerdem erweisen, dass längst nicht jeder MP3-Player Napster-kompatibel ist - ausgerechnet der iPod ist es zum Beispiel nicht.

Weitere Gefahren drohen aus dem Netz

Was passiert, wenn es Hackern gelingt, die Verschlüsselung zu knacken? Schon jetzt ist es möglich, Napster-Musik mit nur geringem Qualitätsverlust analog aufzunehmen und als ungeschützte MP3-Dateien abzuspeichern. Sollte auch der digitale Schutz irgendwann brechen, wäre das Geschäftsmodell von einem Tag auf den anderen hinüber.

Dann könnte der Name Napster erneut ganz schnell ganz billig zu haben sein.

Ulf Schönert / print