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Rassistischer Tweet In 64 Zeichen zur meistgehassten Frau des Internets


Eine unbekannte Frau veröffentlicht eine rassistische Nachricht bei Twitter. Stunden später ist eine beispiellose Hetzjagd im Gang. Aber es stellt sich die Frage: Was ist hier noch echt?
Von Oliver Noffke

Als Justine Sacco am Freitag in London in ein Flugzeug steigt, ist sie eine erfolgreiche PR-Beraterin und Sprecherin eines großen US-amerikanischen Medien-Konzerns. Bei ihrer Ankunft in Kapstadt, Stunden später, ist sie eine der meistgehassten Personen im Internet. 64 Zeichen bei Twitter liegen dazwischen.

"Going to Africa. Hope I don't get Aids. Just kidding. I'm white." ("Ich fliege jetzt nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein Aids. War nur'n Witz. Ich bin ja weiß.")

Freitagvormittag, am 20. Dezember, verschickt sie die Nachricht. Wenige Stunden später hat sich der Tweet rasend schnell verbreitet. Unter dem Hashtag #HasJustineLandedYet erscheinen minütlich Dutzende empörte Nachrichten in der Twitter-Timeline. Kurze Zeit nach der Veröffentlichung sind unabhängig voneinander auf mehreren Nachrichtenseiten und Blogs Screenshots des Tweets veröffentlicht worden. Der Tenor zu dem Tweet ist meist gleich: Wie kann eine professionelle Medienfachfrau nur einen derart rassistischen Kommentar öffentlich von sich geben?

Medienkonzern will "angemessene Schritte einleiten"

Der Blog "Valleymag", der sich mit Nachrichten und Gerüchten aus der Startup-Szene beschäftigt, veröffentlichte den Kommentar Freitagmittag halb zwei Uhr Ortszeit. Etwa zwei Stunden später gab es eine offizielle Reaktion der Firma IAC, bei der Sacco angestellt ist. Die Nachricht sei empörend und habe nichts mit den Werten der Firma zu tun, heißt es da. Zum fraglichen Zeitpunkt sei es aber unmöglich gewesen, mit Sacco persönlich zu sprechen, da sie sich im Flug nach Kapstadt befunden habe. "Wir nehmen die Sache ernst und werden angemessene Schritte einleiten."

IAC ist kein kleines Startup. Dem Medienkonzern gehören unter anderem die Videoplattform "Vimeo", die Nachrichtenseite "TheDailyBeast", die Satire-Seite "CollegeHumor.com" sowie eine Reihe von Datingportalen.

Nach Landung Twit-Licht-Gewitter

Mittlerweile sind sowohl der Tweet als auch das Profil @JustineSacco gelöscht worden. Andere Profile unter ihrem Namen sind entstanden, wurden aber teilweise schon wieder entfernt. Ob einer davon wirklich von ihr angelegt wurde, ist nicht nachzuprüfen. Unter @Justine_Sacco wurde eines mit nahezu identischen Details und ihrem Bild angelegt, um umgehend einen Entschuldigungsversuch zu starten. Aber das ging komplett nach hinten los. Nach nicht einmal vier Stunden wurde auch dieser Account wieder gelöscht.

Die Geschichte um die Pressesprecherin gewinnt stattdessen deutlich an Schärfe. Nicht nur, dass sich bei Twitter eine unübersichtlich große Zahl von Hass-Nachrichten über sie ergießt oder das explizite Mordaufrufe kursieren, direkt nach ihrer Ankunft am Flughafen von Kapstadt hat ein empörter User ein Foto von ihr in der Empfangshalle geschossen und es weiterverbreitet – via Twitter.

Ein derart heftiger und sich rasend schnell ausbreitender Shitstorm ist überaus ungewöhnlich, wenn man davon ausgeht, dass die betreffende Person vorher nur in Fachkreisen bekannt gewesen ist. Die Website "Buzzfeed.com" hat jedoch das Originalprofil von Sacco durchforstet, bevor es gelöscht wurde. Heraus kam dabei eine negativ-Liste, der menschenverachtendsten Tweets, die sie in den vergangenen vier Jahren gepostet hat. Die Kombination aus, bzw. Diskrepanz zwischen, hasserfüllter Arroganz und prestigeträchtiger Position bei einem großen Unternehmen scheint für die Empörung verantwortlich zu sein.

Was ist hier noch die echte Justine?

Es kursieren auch Tweets eines dritten Profils, @justine_sacco6, die am Samstagmorgen veröffentlicht wurden und über das flehende Nachrichten verbreitet werden. Die Familie hätte sich mittlerweile von ihr losgelöst, wird da geschrieben, und Sacco könne nicht verstehen, wie viele menschenverachtende Kommentare ihr entgegenschlagen. Die selbstgerechte Art und die Vorwürfe gegen Medien und Blogger sorgen hingegen für neue Häme.

Es ist jedoch unmöglich, sicher davon auszugehen, dass tatsächlich die echte Justine Sacco das Profil angelegt hat. In der hohen Geschwindigkeit, in der Profile unter ihrem Namen auftauchen und wieder gelöscht werden, gibt es überhaupt keine Möglichkeit, die Echtheit durch die vorhandenen Werkzeuge von Twitter verifizieren zu lassen. Selbst bei dem ersten Account ist dies nicht geschehen. Was allerdings nicht ungewöhnlich ist. Dies nehmen meist nur prominente Menschen in Anspruch, um zu verhindern, dass unter ihrem Namen Nachrichten verbreitet werden. Auch dass es sich bei der gesamten Aktion nur um eine geschmacklose PR-Aktion handeln könnte, wird diskutiert.

Ein Beobachter hat die Hasswelle allerdings sehr umsichtig genutzt. Nachdem er die Seite "justinesacco.com" registrieren lassen hatte, verlinkte er darüber auf eine Hilfsorganisation, die sich für afrikanische Aids-Patienten einsetzt. Von der Twitter-Gemeinde gab es dafür jede Menge Zuspruch.


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