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Webplattform für Hobby-Fußballkommentatoren: Haut den Quatschkopf weg!

Fußball könnte so schön sein, wenn nur die Kommentatoren nicht wären. Ein Internetportal für Amateure will das ändern: Statt Béla Réthy und Co. quatschen dort zotige Bayern und flippige Mädchen-WGs.

Von Christoph Fröhlich

Einfach mal Stille. Wie schön das ist, bewies ARD-Fußballkommentator Tom Bartels beim Spiel Irland gegen Spanien: Obwohl es für die Spieler in den grünen Trikots nichts mehr zu gewinnen gab, feierten die Fans ihre Helden auf dem Platz und sangen lautstark die Hymne "The Fields of Athenry". Nie war die Stadionatmosphäre greifbarer als in diesem Moment. Leider ein Einzelfall. Denn die Realität sieht anders aus: Die Stimme aus dem Fernseher ist oft redselig, besserwisserisch und erzählt Belangloses. Bestes Beispiel ist ZDF-Mann Béla Réthy, der gestern auch die Partie zwischen Griechenland und Deutschland kommentierte: Er führt mit großem Abstand das aktuelle "Bild"-Voting über die unbeliebtesten Fußballkommentatoren an. 37 Prozent der Nutzer würden ihm am liebsten den Ton abdrehen.

Das Geschwafel kann so nicht weitergehen, dachte sich der Berliner Moritz Eckert und gründete die Amateur-Kommentatorplattform marcel-ist-reif.de. Die Idee dazu kam ihm im August 2010 während der Halbzeitpause im Spiel Bremen gegen Genua. Er war auf dem Weg zum Spätverkauf und traf unterwegs fachsimpelnde Studenten, auch der Ladenbesitzer verfolgte das Spiel auf einem kleinen Fernseher - und hatte seine ganz eigene Meinung über den Spielverlauf.

"Das war der Erweckungsmoment", sagt Eckert stern.de. "So viele Leute haben Ahnung oder ihren eigenen Blick auf Fußball. Das wäre doch interessant, die alle mal zu hören." Gedacht, getan. Gemeinsam mit seinem Bekannten Wendelin Hübner machte er sich an die Arbeit und gestaltete die Plattform www.marcel-ist-reif.de. Dort kann jeder, der Lust und ein Mikrofon hat, Fußballspiele kommentieren.

Her mit der Fußbalkommentatoren-Demokratie!

Mehr als 800 User haben sich seit dem Start der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine auf der Seite angemeldet. Pro Spiel ringen bis zu 20 Kommentatoren um die Gunst der Hörer. Die Kommentatoren könnten unterschiedlicher nicht sein: Es gibt die schimpfende LeiraTirado, Fans mit Ruhrpottslang, eine bayrische Mädels-WG, die mit kurzen Röcken und großer Klappe wirbt. "Die Leute suchen nicht Abbilder der klassischen Kommentatoren", erklärt Eckert.

Einen zweiten Béla Réthy, Marcel Reif oder Tom Bartels sucht man hier vergebens. Bei den Hobby-Kommentatoren fallen auch mal Sätze " Ist das der, der vorhin eingewechselt wurde? Ich weiß es nicht mehr genau." Ein User namens PeterMaffya erklärt: "Manchmal erkenne ich auf meinem 15 Jahre alten Röhrenfernseher die Spieler nicht so gut." Die fehlende Fußballkenntnis wird häufig mit Witz und Charme ausgeglichen: Bei dem ersten Viertelfinalspiel Portugal gegen Tschechien wurde in vielen Kommentaren mehr über Cristiano Ronaldos gegelte Frisur debattiert als über den eher drögen Spielverlauf.

Das Dreigespann "Wolfsrudel", dem unter anderem Buchautor Mischa-Sarim Verollet angehört, war während dieser Begegnung das beliebteste Kommentatorentrio - auch dank des mehrfachen Einsatzes von Tim Toupets Partyklassiker "Du hast die Haare schön". Selbst das "Heute-Journal" in der Halbzeitpause blieb nicht unkommentiert, sodass auch der CDU-Abgeordnete Volker Kauder oder Udo van Kampen, Leiter des ZDF-Studios in Brüssel, ihr Fett wegbekamen. Das "Wolfsrudel" hat bereits 2626 Hörer vor die Bildschirme gelockt. Doch das reicht ihnen nicht, mit einem Augenzwinkern verrät das Trio aus Berlin-Moabit: "Wir werden Béla Réthy beerben. Wir werden das Finale moderieren, das können wir jetzt schon bekannt geben. Das Spiel zwischen Deutschland und Deutschland."

Alle jubeln, nur nicht gleichzeitig

Die Gründer sind vom Erfolg der Plattform begeistert. Doch ganz zufrieden sind sie mit ihrer Technik noch nicht: "Es läuft noch nicht ganz rund, es gibt noch einige Baustellen", sagt Eckert. Die Qualität der Streams ist noch nicht perfekt, auch die Verzögerung kann das Vergnügen trüben. Da die Amateur-Kommentatoren das Spiel meist selber nur im Stream sehen, passt das Gesagte oft nicht zum Bild der Zuschauer. "Doch das stört viele User gar nicht so sehr", sagt er. "Durch die vergangenen Turniere sind es die Leute schon gewohnt, das Bild und Ton nicht immer perfekt passen. Deutschland jubelt asynchron."

Dass der Nachbar oder die Sportsbar nebenan manchmal eher jubelt, liegt an den unterschiedlichen Bildsignalen. Prinzipiell gilt: Kabelfernsehen ist am schnellsten, IPTV über das Internet am langsamsten, DVB-T ist in der Mitte. Zudem sind HD-Signale etwas später auf dem Bildschirm als nicht-hochauflösende Bilder. Mit einem Verzögerungs-Button können die Zuschauer den Stream zeitlich etwas nach hinten verlagern, um ihn besser auf ihr Bild anzupassen. Bei unserem Test mit DVB-T-Signalen gab es kaum Verzögerungen.

Auch heute Abend, wenn der aktuelle Welt- und Europameister Spanien gegen Frankreich spielt, werden in zahlreichen Wohnzimmern, Jungs-und- Mädchen-WGs sowie privaten EM-Studios wieder die roten Lämpchen angehen. Ob das Projekt nach der Europameisterschaft auch für die Bundesliga fortgesetzt wird, steht noch in den Sternen. "Wir sind die Letzten, die das völlig auf Null runterdrehen", sagt Eckert. Auf die Frage nach konkreten Plänen muss auch er in die Phrasenkiste greifen: "Wir denken von Spiel zu Spiel."

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