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Myanmar: Wie Facebook in den längsten Bürgerkrieg der Welt eingreift

Seit Jahrzehnten herrschen in Myanmar bewaffnete Konflikte, im Netz werden sie geschürt und befeuert. Nun verbannt Facebook vier Rebellengruppen von seiner Plattform. Und schafft womöglich einen weiteren Konflikt.

Myanmar: Wie Facebook in den ältesten Bürgerkrieg der Welt eingreift

Silhouette von Mark Zuckerberg, Gründer des Social-Media-Giganten Facebook

DPA

Tod, Verfolgung, Verdrängung - dieser unheilvolle Dreiklang hat Myanmar schon Jahrzehnte im Griff. Seit 1948, mit der Erlangung der Unabhängigkeit des südostasiatischen Vielvölkerstaates, kämpfen Rebellengruppen aus ethnischen Minderheiten in verschiedenen Landesteilen für mehr Unabhängigkeit gegen die Zentralregierung und ihre Armee. Für viele gelten die bewaffneten Konflikte als der am längsten andauernde Bürgerkrieg auf der Welt.

Vergangene Woche, am Dienstag, hat auch Facebook sich in den Konflikt eingeschaltet. Der Social-Media-Gigant kündigte an, die Profile von vier Rebellengruppen von der Plattform zu verbannen. Ein Schritt in den Bemühungen, so das Netzwerk, Hassrede und Aufwiegelung zu Gewalt auf der Plattform einzudämmen. Über den Vorgang berichtet unter anderem der US-Sender CNN.   

Der Schritt könnte allerdings das Gegenteil bezwecken, denn die Auswahl bleibt schleierhaft. Laut CNN sind in Myanmar 15 Rebellengruppen aktiv, von Facebook verbannt werden zunächst vier von ihnen. Der Schritt birgt politischen Sprengstoff und wirft Fragen auf.

Wer oder was ist "gefährlich"?

Um zu verstehen, welchen Einfluss das soziale Netzwerk auf das Land und seine Bevölkerung hat, hilft ein Blick auf die Zahlen: In Myanmar leben rund 53 Millionen Menschen (Stand: 2017), davon sind etwa 18 Millionen auf Facebook registriert. Es ist ein Land, in dem vor wenigen Jahren - laut CNN - nur rund 0,3 Prozent der Bevölkerung einen Internetanschluss besessen haben. Für viele Menschen in Myanmar ist Facebook daher zu einem Synonym für das Internet geworden, zur ersten und einzigen Adresse für Nachrichten und Informationen.

Und zu Falschinformationen.

Die Vereinten Nationen (UN) warfen dem Social-Media-Giganten vor, eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Hassrede, Gewaltaufrufen und Falschinformationen gespielt zu haben, die den Rohingya-Konflikt (lesen Sie hier eine stern-Reportage zu dem Thema) befeuert hätten. "Alles wird über Facebook getan", meinte eine Ermittlerin der UN dazu.

Facebook gelobte Besserung. Seit August hätte das soziale Netzwerk hunderte Profile gesperrt, schreibt CNN. Den zuletzt davon betroffenen Rebellengruppen unterstellt Facebook "gefährliche Organisationen" zu sein. Daran bestehe kein Zweifel.

Facebook argumentiert gegenüber CNN in einem Statement: "Es gibt klare Beweise, dass diese Organisationen für Angriffe auf Zivilisten verantwortlich sind und Gewalt in Myanmar ausgeübt haben". Mit dem Bann von Facebook wolle man verhindern, dass sich weitere Konflikte entzünden.

Aber warum wurden diese vier Rebellengruppen verbannt, die in Myanmar die Nord-Allianz bilden, und nicht andere und weitere? Wer oder was ist in den Augen von Facebook "gefährlich"?

Die Frage nach Facebooks Maßstäben

"Für mich ist nicht klar, ob Facebook irgendwelche Maßstäbe für Legitimität anlegt", wird Aaron L. Connelly von CNN zitiert, Polit-Experte für Südost-Asien. Auch so lässt sich der Facebook-Bann verstehen: Die (bisher) nicht betroffenen Rebellengruppen sind in Facebooks Augen zumindest legitimer als die nun gesperrten Gruppierungen. Dabei haben auch diese, wie auch das Militär von Myanmar, zahlreiche Grausamkeiten zu verantworten. Die Gräueltaten reichen von der Rekrutierung von Kindersoldaten bis zur Vergewaltigung und Ermordung von Zivilisten.

"Die Frage ist also, was ist der Unterschied? Was ist der Grundsatz, auf dem Facebook entscheidet, dass die Nord-Allianz nicht legitim und die Zentralregierung in Myanmar legitim ist?", fragt Experte Conelly. Auf Fragen wie diese antwortet Facebook gegenüber CNN wenig konkret: Die "Quellen ethnischer Gewalt in Myanmar sind unglaublich komplex und können von einem Social-Media-Unternehmen nicht gelöst werden", heißt es etwa. Man wolle "das beste" dafür tun, "Aufwiegelung und Hass in einem bereits tödlichen Konflikt" zu limitieren. 

Dabei wird auch die Ankündigung von Facebook argwöhnisch betrachtet, "alle" mit den vier betroffenen Rebellengruppen verbundenen Organisationen aussperren zu wollen. Viele sehen diesen Schritt gar als noch problematischer, schreibt CNN: Facebook könnte den Bann derart radikal ausweiten, dass auch (Hilfs-)Organisationen oder Zivilisten - die nichts mit den Konflikten am Hut haben, aber in der Region ansässig sind - von der Sperre betroffen sein könnten. Also: ihre Stimmen verstummen könnten.

Quellen: CNN, Reuters

Rohingya in Bangladesch
fs