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Ärger mit Weltkonzern "Dann baue ich ein eigenes Smartphone": Wie Musks Twitter-Pläne an Apple zu scheitern drohen

Der Twitter-Kauf beschäftigt Elon Musk seit Wochen
Der Twitter-Kauf beschäftigt Elon Musk seit Wochen
© Muhammed Selim Korkutata/ / Picture Alliance
Ein Leuchtturm der Meinungs-Freiheit soll Twitter in der Vision Elon Musks werden. Doch die ist nun in Gefahr. Mit Apple stellt sich einer der wichtigsten Werbekunden des Unternehmens quer. Und das dürfte Musks kleinstes Problem dabei sein.

Ein riesiger Marktplatz der Ideen, auf dem jeder Mensch frei seine Meinung äußern kann und gehört wird - so stellt sich Elon Musk das Idealbild des gerade von ihm gekauften Kurznachrichtendienstes Twitter vor. In der Praxis führt die totale Meinungsfreiheit allerdings gerade zu spürbarem Gegenwind. Und ausgerechnet der wertvollste Konzern der Welt könnte für Musk zum unlösbaren Problem werden.

Seinen Ärger mit Apple machte er höchstpersönlich öffentlich, natürlich über seinen Twitter-Account. "Apple hat weitgehend seine Werbung bei Twitter eingestellt", meldete er dort. Um dann gleich provokativ über mögliche Beweggründe zu spekulieren: "Hassen sie freie Meinungsäußerung in Amerika?" Danach folgte eine Umfrage, ob Apple alle seine "Zensur-Maßnahmen" öffentlich machen sollte.

Die Angst der Werbekunden

Die Vorwürfe sind zwar harsch, völlig aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Apple und andere Werbekunden zeigten sich wenig begeistert von Musks Vision der unregulierten Meinungsfreiheit. Schon kurz nach der Übernahme gab es in der Werbebranche klare Empfehlungen, Werbung bei Twitter zumindest zu pausieren. Die Befürchtung: Durch die extrem weite Auslegung der Meinungsfreiheit würde auch die Anzahl extremistischer, übergriffiger oder anderweitig problematischer Inhalte zunehmen. Und die wenigsten Werbekunden wollen ihre Anzeigen dann in einem solchen Umfeld sehen.

Tatsächlich dürfte es auch Apple um dieses Problem gehen. "Sie sagen, dass sie die Inhalte weiter moderieren wollen", antwortete Apple-Chef Tim Cook bereits Mitte November in einem Interview auf Twitter angesprochen. "Und ich zähle darauf, dass sie das tun werden." Kurz darauf kündige Musk dann an, nicht nur für provokante und übergriffige Aussagen gesperrte Prominente wie Kanye West oder Donald Trump wieder auf die Plattform zu lassen, sondern erwägte sogar eine weitgehende General-Amnestie für gesperrte Nutzer und ließ darüber abstimmen.

Musk hat Apple im Visier

Dass Musk unter den zahlreichen boykottierenden Werbekunden ausgerechnet Apple öffentlich angeht, ist sicher kein Zufall. Der iPhone-Hersteller soll alleine bei Twitter jährlich etwa 100 Millionen Dollar seines Werbebudgets lassen. Bedenkt man, dass Twitter im letzten Jahr nur Einnahmen von fünf Milliarden Dollar hatte, ist Apples Werbebremse also ein empfindlicher Verlust. Zumal Musks Finanzierung für den Kauf dem oftmals defizitären Konzern noch eine Milliarden-schwere Zinslast eingebrockt und die Situation so noch schlimmer gemacht hat.

Doch für Musk geht es um noch mehr. Neben drastischen Sparmaßnahmen soll eine Abogebühr für Twitter endlich die finanzielle Wende bringen. Auch hier clasht er aber mit Apple. Wie Konkurrent Google verlangt der Konzern eine Gebühr von 30 Prozent, wenn Abos oder andere Käufe über die von den Konzernen betriebenen App Stores abgeschlossen werden. Da Twitter vor allem über Apps genutzt wird, dürfte das die Einnahmen aus dem Twitter-Abo empfindlich verringern. Das sei "eine versteckte Steuer für das Internet" wütete Musk entsprechend. 

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Keine Gnade 

Kommt es hart auf hart, könnte sich Musk aber noch nach dieser Internet-Abgabe sehnen. Apple habe Twitter gedroht, die App ganz aus dem App Store zu nehmen, verkündete Musk am Montag auf in einem Tweet. Das wäre ein herber Schlag für den Kurznachrichtendienst. Das iPhone hat in den für die Werbewirtschaft enorm wichtigen USA einen Marktanteil von 54 Prozent. Zwar wird die App mit einem Rauswurf nicht von vorhandenen Geräten gelöscht, Updates oder eine Neuinstallation werden dadurch aber unmöglich. Bedenkt man, dass Musk Twitter gerade gewaltig umbauen möchte, würde der Rauswurf eine fast unüberwindbare Hürde werden. 

Dass Apple bereit ist, Apps den Zugang zu verwehren, ist bekannt. Auch die bei US-Rechten beliebte Foren-App Parler war wegen Moderations-Problemen aus dem App Store geflogen, die "Infowars"-App des rechten Verschwörungstheoretikers Alex Jones ist ebenfalls seit zwei Jahren nicht mehr zugelassen. Einen Warnschuss für Musk gab es kürzlich bereits: Nach zehn aktiven Jahren Twitter-Nutzung hat der hochrangige Apple-Manager Phil Schiller vor wenigen Tagen seinen Account auf der Plattform gelöscht. Er ist für den App Store zuständig.

Die dunkle Seite der Meinungsfreiheit

Dass Musk die Situation noch retten kann, erscheint angesichts der jüngsten Nachrichten immer unwahrscheinlicher. Nachdem Twitter fast Dreiviertel seiner Belegschaft durch Kündigungen und andere Maßnahmen vor die Tür setzte, läuft der Kurznachrichtendienst quasi im Notbetrieb. Nun häufen sich die Medienberichte, wie stark die Moderation darunter leidet. Nach Informationen von "Wired" soll von einem Team, das im asiatischen Raum die Regeln gegen Kindesmissbrauch bei Twitter durchsetzte, nur noch ein einziger Mitarbeiter übrig geblieben sein. Alleine in Japan hat der Konzern 59 Millionen Nutzer. 

Die chinesische Regierung soll den Mangel an Moderation bereits aktiv ausnutzen. Um Berichte zu den Protesten gegen die harschen Covid-Maßnahmen zu unterdrücken, fluteten vermutlich regierungsnahe Accounts in den letzten Tagen die entsprechenden Hashtags mit Escort-Werbung und pornografischem Material. Von der EU kam wegen ähnlicher Befürchtungen eine klare Ansage: Sollte Twitter seine rechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen und unmoderiert Desinformationen und Propaganda auf der Seite zulassen, seien Millionenstrafen denkbar, warnte EU-Kommissarin Vera Jourova im "Focus".

Sportliche Pläne

Im Vergleich zu einem Apple-Rauswurf wäre das aber eher ein kleineres Problem. Musk hat in seiner bekannt breitbeinigen Art allerdings schon einen Plan verkündet, falls Apple und auch Google ihn aus den eigenen App Stores werfen sollten. Er will dann einfach das angehen, woran Microsoft und auch Amazon schon scheiterten. Er hoffe zwar, dass es nicht dazu kommt, schrieb er schon am Freitag bei Twitter. "Wenn es keine andere Wahl gibt, dann baue ich eben ein alternatives Smartphone."

Quellen: Twitter, 9to5mac, Wired, Statista

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