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iPhone Mini und Co. Der Traum vom Comeback des kleinen Smartphones ist geplatzt

Das iPhone 12 Mini ist das handlichste Flaggschiff-Telefon seit langer Zeit
Das iPhone 12 Mini ist das erste Premium-Smartphone mit kleinem Bildschirm seit Jahren

© Christoph Fröhlich/stern
Als Apple das iPhone 12 Mini vorstellte, war der Jubel groß: Ausgerechnet Trendsetter Apple stellte zum ersten Mal seit Jahren ein kleines Spitzenmodell vor. Doch die von vielen erhoffte Wende auf dem Smartphone-Markt bleibt wohl aus.

Kurz vor dem Durchbruch des Smartphones gab es auf dem Handymarkt einen klaren Trend: Statt immer weiter zu wachsen, schrumpften die Spitzengeräte zunehmend. Durch Faltscharniere und Schiebetastaturen wurden plötzlich schier winzige Handys möglich, das Statussymbol war nicht größer, sondern kleiner. Wer hoffte, dass der heutige Gigantismus der Smartphones bald ein ähnliches Ende haben könnte, dürfte enttäuscht werden. 

Dabei hatten die Verfechter kleiner Displays gerade einen Hoffnungsschimmer am Horizont erkennen können. Nachdem die Displays in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen waren, hatte sich ausgerechnet Trendsetter Apple gegen den Trend gestemmt - zumindest ein bisschen. Mit dem iPhone 12 Mini hatte der Konzern zum ersten Mal seit Jahren ein Spitzenmodell herausgebracht, dass technisch voll auf Stand war, aber trotzdem ein handlicheres Display beinhaltete. Doch offenbar ist der Markt für solche Geräte doch kleiner, als Apple angenommen hatte.

Enttäuschende Verkaufszahlen

Um die große Nachfrage nach dem Pro-Modell befriedigen zu können, orderte Apple den Investmentbankern von Morgan Stanley zufolge gerade zwei Millionen mehr der Geräte als ursprünglich geplant - und verzichtet dafür auf die Bestellung von zwei Millionen iPhone 12 Mini. Schon erste Berichte zu den Verkaufszahlen sprachen eine klare Sprache: Apple sei "enttäuscht" von der Nachfrage nach seinem Mini-Modell, hieß es schon kurz nach dem Verkaufsstart im November. Der Konzern selbst nennt seit einigen Jahren keine genauen Verkaufszahlen für iPhones.

Betrachtet man einen direkten Vergleich der Verkaufszahlen durch die Analysten von CIRP ist diese Enttäuschung nachvollziehbar. Nicht einmal 5 Prozent der Käufer eines neuen iPhones entschieden sich demnach im Monat nach dem Erscheinen für ein iPhone 12 Mini, selbst das iPhone SE und das ein Jahr alte iPhone 11 verkauften sich etwas besser. Am Preis von 800 Euro alleine kann das nicht liegen: Die drei anderen neuen iPhone-Modelle verkauften sich trotz noch höherer Preise besser, sie machen jeweils zwischen 20 und 30 Prozent der verkauften Geräte aus. Selbst das mindestens 400 Euro teurere iPhone 12 Pro Max kommt deutlich über 20 Prozent.

Kein Comeback der Kleinen

Damit dürfte die Hoffnung vieler Nutzer auf ein Comeback des kleinen Displays gestorben sein. Nachdem mit Sony der letzte Hersteller sein hierzulande beliebtes Kompaktmodell gestrichen hatte, gibt es bei Android-Geräten nur noch die Wahl zwischen groß und größer. Zudem ist ein kleinerer Bildschirm oft auch mit anderweitig schlechterer technischer Ausstattung verbunden. Wäre Apple mit dem iPhone 12 Mini und seiner Spitzentechnik ein Hit gelungen, wäre wohl auch die Konkurrenz schnell auf den Zug aufgesprungen und hätte ebenfalls potente Kleingeräte angeboten. Doch das dürfte angesichts Apples Verkaufszahlen unwahrscheinlich sein.

Dabei war die Idee hinter dem Mini-Modell durchaus nachvollziehbar: Mit den immer weiter wachsenden Displays wird es quasi unmöglich, das Smartphone mit einer Hand zu steuern, zudem passen sie immer schlechter in die Hosentasche. Versuche, dieses Problem mit neuen Technologien zu lösen, etwa mit Faltdisplays oder einem Slider-Smartphone, stecken noch in den Kinderschuhen. Zwar haben Huawei, Samsung und Razr jeweils bereits die zweite Generation ihrer Faltmodelle im Handel, wegen der enorm hohen Preise sind die aber noch nicht in den Massenmarkt durchgedrungen.

Trugschluss über Kaufgründe

Dass Apple überhaupt den Versuch wagte, es noch mal mit einem kleinen Modell zu versuchen, dürfte vor allem mit dem Erfolg des iPhone 8 und dem im letzten Jahr vorgestellten iPhone SE zusammenhängen. Die letzten iPhones mit einem Homebutton kommen mit einem für heutige Verhältnisse geradezu winzigen 4,7-Zoll-Display daher. Trotzdem verkauften sie sich sehr gut. Beachtet man zudem die lauten Forderungen vieler Internetnutzer nach kleineren Bildschirmen, schien der Schritt naheliegend.

Doch offenbar geht es den Käufern am Ende weniger um den kleinen Bildschirm, als um den geringeren Preis und den klassischen Homebutton. Zwar ist das Display des iPhone 12 Mini mit 5,4 Zoll größer als das des iPhone SE (2020), das Gehäuse ist aber sogar etwas kleiner. Trotz des größeren Displays ist es also handlicher. Allerdings setzt es statt des Homebuttons auf die mit dem iPhone X eingeführte Gesichtserkennung FaceID. Und: Es ist knapp doppelt so teuer wie das iPhone SE.

Auch die Akkulaufzeit könnte Vielnutzer abgeschreckt haben. Während das erste iPhone SE mit seinem 3,5-Zoll-Display trotz des noch kleineren Gehäuses als Akkuwunder galt, ist die Laufzeit die Achillesferse des iPhone Mini. Mit dem Display ist auch der Stromhunger erheblich nach oben gegangen. Wegen des geringeren Platz im Gehäuse muss es aber mit einem deutlich kleineren Akku auskommen als die Geschwistermodelle. Und hält entsprechend kürzer durch: Im Vergleich mit dem iPhone 12 ging dem Mini-Modell im stern-Test spürbar früher der Saft aus.

Groß und größer

Der Trend zum großen Display dürfte sich angesichts des veränderten Nutzungsverhaltens bei Smartphones eher fortsetzen. War das Smartphone zu Anfang noch in erster Linie ein Handy, das ab und zu für Chats oder eine Internetsuche genutzt wurde, hat sich das längst verschoben. Das Smartphone ist für die meisten Nutzer das Hauptgerät geworden - Games, Netflix, Tiktok oder Instagram machen auf den großen Displays einfach mehr her. Und: Studien deuten darauf hin, dass uns die großen Displays sogar beim Verstehen und Verarbeiten der Daten helfen. Da wundert es nicht, dass laut dem Benchmark-Dienst Antutu 75 Prozent der darüber getesteten Geräte über eine Diagonale von 6 Zoll und mehr verfügen - mit Trend nach oben. 

Ganz verzagen sollten Fans kleiner Geräte aber nicht: Auf Dauer könnte Apple mit seinem Minimodell das iPhone SE als Sparmodell ersetzen. Sollte bis dahin noch das Akkuproblem gelöst werden, könnte die Kombination aus geringer Größe und günstigem Preis auch ohne den Homebutton einige Kunden finden. Wenn wir bis dahin nicht ohnehin unsere Smartphones einfach zusammenfalten.

Quellen: Morgan Stanley Report (via Ped30), MacRumors, Antutu

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