VG-Wort Pixel

Privatgeräte am Arbeitsplatz Bastel-IT fürs Büro


Der Wildwuchs von mitgebrachten Handys und Tablets am Arbeitsplatz ist nicht zu stoppen. Für Unternehmen ist das vor allem ein Sicherheitsproblem. Sie können den Trend aber auch für sich nutzen.
Von Annika Graf, Hamburg und Björn Maatz, Las Vegas

Immer wieder musste die Krankenschwester im Ottawa Hospital in Kanadas Hauptstadt mit ansehen, wie die Ärzte frisch angebrachte Verbände bei der Visite wieder lösten, um Wunden zu inspizieren. Da griff sie nach einer pragmatischen Lösung: zu ihrem Smartphone. Bevor sie den Patienten versorgte, machte sie ein Foto. Wenn später der Arzt kam, zeigte sie das Bild und musste die Wunde nicht noch einmal versorgen.

Ein solcher Pragmatismus hält an Arbeitsplätzen weltweit Einzug. "Ich glaube, dass es zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass Mitarbeiter auch mit Privatgeräten arbeiten, ob vom Unternehmen gesteuert oder nicht", sagt Johannes Michel, Berater bei der IT-Dienstleistungsfirma Accenture, die auch das kanadische Krankenhaus betreute.

Eine Frage der Sicherheits

Mehr und mehr Mitarbeiter verwenden eigene Smartphones, Tablets und Notebooks im Büro - nicht nur in den Pausen, sondern für Firmenzwecke. Sei es, um E-Mails zu checken oder um auf privat genutzten Internetservern Dokumente abzuspeichern. Als Grund gaben 45 Prozent der 4000 Befragten in einer Accenture-Erhebung an, ihre eigene Hardware und Software seien nützlicher als die der Firma. Doch die ungeprüften Programme und Geräte sind ein unkontrollierbares Sicherheitsrisiko.

Das Problem: Wenn Beziehungen zu Kunden und Kollegen über Facebook oder Twitter gepflegt und wichtige Dokumente in privaten Internetaccounts wie Google Apps gespeichert werden, entspricht das meist nicht den Sicherheitsanforderungen der IT-Abteilungen. Die größte Gefahr geht von privaten Smartphones und Tablets aus, die Mitarbeiter im Dienst verwenden, auf denen aber meist nicht einmal ein einfacher Virenscanner installiert ist - geschweige denn eine Firewall oder andere Sicherheitsprogramme.

"Consumergeräte wurden nicht dafür gemacht, sicher zu sein", sagt Steve Durbin vom Information Security Forum, in dem sich Konzerne wie Nokia oder IBM über Sicherheitsfragen austauschen. Mit der Allgegenwärtigkeit von Smartphones und der wachsenden Zahl von Tablets drängt das Problem: "Unternehmen müssen sich jetzt mit der Frage auseinandersetzen", sagt Durbin. Er empfiehlt Firmen, Mitarbeitern klare Richtlinien an die Hand zu geben, welche Informationen wie sensibel und welche Anwendungen vertretbar sind.

In der Accenture-Umfrage gaben immerhin 36 Prozent der Befragten an, sie setzten sich bewusst über geltende IT-Sicherheitsregeln hinweg. Hätte die kanadische Krankenschwester beispielsweise die Patientenfotos online auf einem Webserver gespeichert statt auf dem Firmenrechner, hätte sie höchstwahrscheinlich sämtliche Richtlinien zum Schutz von Patientendaten gebrochen - selbst wenn die Bilder durch ein Passwort geschützt gewesen wären.

Durbin rät Firmen deshalb, die privaten Geräte so gut wie möglich in die Firmennetzwerke einzubinden - um die Geräte überwachen zu können, aber auch um den Überblick über die tatsächlich darauf laufenden Programme zu behalten.

IBM und SAP erlauben private Geräte

IBM ist genau diesen Weg gegangen. Der IT-Konzern erlaubte vergangenes Jahr erstmals 100.000 ausgewählten Mitarbeitern, ihre eigenen Smartphones zu nutzen. Sie bezahlen die Geräte selbst, erhalten aber technische Unterstützung und können Firmen-E-Mails auf den Geräten lesen und sowohl öffentliche als auch IBM-eigene Apps herunterladen. Dieses Jahr sollen noch einmal 100.000 der weltweit mehr als 400.000 IBM-Angestellten folgen.

SAP macht beides: In den USA und Asien, wo weniger strenge Datenschutzrichtlinien als in Europa gelten, dürfen Mitarbeiter bereits ihre Geräte mitbringen. Im zweiten Quartal dieses Jahres soll es aber auch in Europa so weit sein. Parallel versorgt SAP seine Mitarbeiter selbst mit vorkonfigurierten iPads, iPhones, Tablets des Blackberry-Herstellers Research In Motion und ab sofort auch mit dem Galaxy-Tablet von Samsung - vor allem in den Entwicklungsabteilungen, die an mobilen SAP-Lösungen arbeiten.

"Wir müssen ein vernünftiges Gleichgewicht finden zwischen Nutzen für den Mitarbeiter und Risiken für das Unternehmen", erklärt Oliver Bussmann, der bei SAP die interne IT verantwortet. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wenn Mitarbeiter etwa ein Word-Dokument mit hochsensiblen Daten auf ihrem Tablet unverschlüsselt speichern, können wir das nicht verhindern." Die SAP-Mitarbeiter würden deshalb für den Umgang geschult.

"Bring your own Device"

Sparen tun die Firmen kaum, wenn sich die Mitarbeiter Handys oder Laptops selbst kaufen. Das jedenfalls ist die Erfahrung von Oliver Tuszik, Chef des IT-Dienstleisters Computacenter in Deutschland. "Die Unternehmen kostet das Geld, weil sie zusätzliche Geräte verwalten müssen, die nicht kompatibel zu den bestehenden Strukturen sind."

Aber die Unternehmen könnten eine "Bring Your Own Device"-Politik (BYOD) zur Werbung für neue Mitarbeiter verwenden. Denn die Möglichkeit, auch das eigene, hippe Smartphone zu nutzen, gilt als Anreiz für junge Talente. "Umfragen zeigen, dass der Wunsch, private Geräte zu nutzen, vor allem bei jüngeren Mitarbeitern und in Führungsetagen hoch ist", sagt Accenture-Berater Michel. "Allerdings kenne ich kein Unternehmen, das zum Beispiel offene Stellen erfolgreicher besetzt, seit es BYOD eingeführt hat."

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker